Deutsche Journalisten politisch unterqualifiziert?

Unbegrenzte Amtszeit oder Möglichkeit zur Wiederwahl...

...dass dies ein Unterschied ist, lernen die meisten Menschen in der Schule. Eine unbegrenzte Amtszeit ist sogar das Gegenteil der Möglichkeit zur Wiederwahl, denn wenn jemand über eine "unbegrenzte Amtszeit" verfügt, braucht bis zu seinem Tod kein anderer Kandidat aufgestellt werden. Dass dies also kein kleiner Unterschied ist, sollte den meisten Europäern seit der Englischen Revolution bewusst sein. Denn immerhin wurde das System der repräsentativen Demokratie im Dezember 1689 mit dem Bill of Rights eingeführt. Diese Errungenschaft ist seitdem ein wichtiges europäisches Exportgut. In den postkolonialen Gesellschaften Lateinamerikas konnte dieser Gedanke erfolgreich verankert werden, was man unter anderem daran erkennt, dass kaum ein Journalist in Lateinamerika diese beiden Sachverhalte verwechselt.

Anders in Deutschland. Eine kleine Inhaltsanalyse der Deutsch sprachigen Presse am vergangenen Wochenende macht deutlich, dass die Mehrheit der Mitarbeiter in den Nachrichtenredaktionen hier mindestens ein Verständnis-Problem hat. Anlass ist ein Referendum darüber, ob Amtsträger in Venezuela sich wieder für ein Amt zur Wahl stellen können, nachdem sie dieses bereits zweimal ausgeübt haben.

Die meisten Journalisten stellen in ihren Beiträgen zu diesem Thema die irrige Behauptung auf, Inhalt der Abstimmung sei eine "unbegrenzte Amtszeit für Hugo Chávez". Praktisch alle Regionalzeitungen wie die Volksstimme, die Nordwest-Zeitung oder die Mitteldeutsche Zeitung verwenden diese Phrase, aber auch Euronews und der sozialdemokratische Vorwärts. Es zeigt sich aber, dass dem keine spezifisch deutsche Ignoranz zu Grunde liegt: Die Österreicher sind mit dem ORF und Krone.at dabei. Und Ungenauigkeit ist kein Markenzeichen professioneller Medien - auch handgestrickte Nischenprodukte wie die Jungle World aus Berlin phraseln gedankenloses Zeug. Nicht einmal politische Nähe gewährleistet genaue Wortwahl: Selbst eine linke Tageszeitung wie das ND spricht am Freitag bei den Meldungen von "unbegrenzter Amtszeit".

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Der Grund dafür dürfte in den meisten Fällen der Gleiche sein. Die wichtigen Nachrichtenagenturen wie die dpa und afp verbreiten die Rede von der "unbegrenzten Amtszeit" oder eine fast genauso falsche Untervariante: APA, die Austria Presse Agentur, spricht von einer "längeren Amtszeit". Von der korrekten "Möglichkeit zur Wiederwahl" schreiben oder sprechen hingegen Reuters, die Tagesschau des Schweizer Fernsehens ("unbegrenzte Kandidaturen für weitere Amtszeiten"), aus Österreich Der Standard sowie Die Presse, das Deutschland Radio und tagesschau.de. Außerdem sind hier die Qualitätszeitungen wie die FAZ, die FR, der Tagesspiegel und natürlich die Junge Welt vertreten. Es zeigt sich, dass eigene Recherche oder zumindest Gegenrecherche eine wichtige Handwerksregel ist. Aber es sind nicht nur die Praktikanten, die hier Falschmeldungen aus Agenturmaterial texten. Sandra Weiss, die jahrelang als freie Korrespondentin aus Venezuela berichtete, schreibt für Die Welt und die österreichische Der Standard jeweils Unterschiedliches: Von "Wiederwahl" in Der Standard am Freitag, "Amtsverlängerung" in der Welt.

Dabei muss eine konsequente Falschberichterstattung nicht immer Ausdruck der redaktionellen Linie sein. Eine Reihe von Beiträgen verwenden alle beiden bzw. drei unterschiedliche Inhalte im gleichen Beitrag und demonstrieren damit komplette Sinnfreiheit. So etwa BILD (im Titel "unbegrenzte Wählbarkeit" und "unbefristete Amtszeit" im Artikel), Welt-Online, die APA, Zeit-Online, die Tagesschau, die Deutsche Welle und Focus. Im Gegensatz dazu zeigen einige besondere sprachliche Leistungen, dass es durchaus möglich ist, ein korrektes Denotat mit einem gewünschten Konotat zu verbinden. Christine Leitner schreibt etwa in der Wiener Zeitung, dass das Referendum den "lebenslangen Verbleib in seinem Amt ermöglichen würde". Wie immer viel Konjunktiv, wenn es darum geht diktatorische Verhältnisse in Venezuela herbeizuschreiben.

Um zu erfahren, dass die Bevölkerung in Venezuela ihr Mandat bereits nach der Hälfte der jeweiligen Amtszeit durch eine Volksabstimmung widerrufen kann - im Klartext: Jeder Amtsträger kann sogar schon nach der Hälfte der Legislatur abberufen werden, wenn er oder sie die Wahlversprechen nicht einhält - dafür muss das Publikum dann doch nach der redaktionellen Linie wählen. Dies würdigen nur das Neue Deutschland und die Junge Welt.

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