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10.12.2009 Bolivien / Medien / Menschenrechte

Indigene Justiz auf D-Radio

Mailwechsel zu Meldungen über indigenes Stammesrecht

Uns erreichte eine Leseranfrage, was von Meldungen über indianische Frauen zu halten sein, die nach Stammesrecht, das jetzt staatlich anerkannt ist, ausgepeitscht werden, weil sie außereheliche, von ihrer Familie nicht gebilligte sexuelle Beziehungen zu Männern unterhalten.

In seiner Antwort fragt Malte Daniljuk, ob wir als Europäer die ausreichende Qualifikation besitzen, indigene Kultur überhaupt in dieser Art zu bewerten. Er befasst sich mit der eurozentristischen Sichtweise auf die indigenen Kulturen, gibt Hinweise zum Vergleich mit dem westlichen Rechtssystem und plädiert für eine reflektiertere und bescheidenere Sicht auf diese Frage.

 


Hallo,

in der Blogsphäre macht dieser Text die Runde.

Dort wird beschrieben, wie indianische Frauen nach Stammesrecht, das jetzt staatlich anerkannt ist, ausgepeitscht werden, weil sie außereheliche, von ihrer Familie nicht gebilligte sexuelle Beziehungen zu Männern unterhalten. Dieser Vorfall wird natürlich genutzt, um die neue Verfassung, die Regierung von Evo Morales und die bolivarianische Revolution im Allgemeinen zu diffamieren. Ich habe keine Ahnung, was von diesen Meldungen zu halten ist. Amerika21 sollte sich im Presseblog mit dem Fall beschäftigen.

viele Grüße, Jan Maier

 


 

Lieber Jan Maier,

der Beitrag von Gaby Weber lässt sich aus unserer Perspektive nicht einfach besprechen. Zunächst hat die Autorin viele wichtige Beiträge zum Verständnis von Lateinamerika im Deutsch sprachigen Raum geleistet. Dann kennen wir uns mit der aktuellen Situation in Bolivien nicht ausreichend aus, um die einzelnen Fälle zu kommentieren, deshalb eine allgemeine und somit etwas längere Antwort.

Der Beitrag im D-Radio weist natürlich einige Probleme auf:

Grundsätzlich ist zu entscheiden, ob wir als Europäer - und das schließt Gaby Weber mit ein - die ausreichende Qualifikation besitzen, indigene Kultur überhaupt in dieser Art zu bewerten. Dass in Lateinamerika kein eigener oder einheitlicher Modernisierungsprozess stattgefunden hat, geht wesentlich zurück auf die europäischen Völkermorde an den indigenen Völkern und die darauf folgende 500-jährige Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus. Schon allein vor diesem Hintergrund ist auch für europäische Menschenrechtler und Feministinnen eine gewisse Zurückhaltung geboten, was pauschale Bewertungen indigener Kulturen betrifft.

Dann sind indigene Rechtssysteme so vielfältig wie die Gemeinschaften, die die europäischen Völkermorde und 500 Jahre Kolonialismus überlebt haben, wir sprechen über viele hunderte unterschiedliche Kulturen mit jeweils differenten lokalen Ausprägungen. Die ausgewählten Fälle können also keineswegs als repräsentativ behandelt werden. Es lassen sich genauso Fälle finden, in denen die indigene Rechtspraxis deutlich fortschrittlicher ist: So sind kollektive Rechtsprechung und das Prinzip der Wiedergutmachung in indigenen Kulturen weit verbreitet. Leider klingt dies im Beitrag nur am Rande an. (Dies gilt auch für den Umgang mit Homosexualität: In Mexiko z.B. existieren indigene Kulturen, die einen deutlich fortschrittlicheren Umgang mit dem Thema haben, als christlich geprägte Kulturen jemals hatten.) Insofern hätte Frau Weber mit der gleichen Berechtigung einen Beitrag darüber machen können, was wir Europäer von der kommunitären Justiz in Bolivien lernen können.

Ein weiterer Aspekt wird in dem Beitrag leider nur angerissen: Die meisten Angehörigen traditioneller Kulturen betrachten das europäische Strafsystem als unangemessen, grausam und brutal: Menschen jahrelang, teilweise sogar jahrzehntelang einzusperren, mag sich in europäisch geprägten Kulturen zur unhinterfragbaren Normalität entwickelt haben - viele andere Kulturen ziehen Verbannung oder unmittelbare körperliche Bestrafung vor. Halten Sie sich nur vor Augen, dass Sie (zu Recht) wegen Tierquälerei belangt werden könnten, wenn sie einen Hund ein paar Wochen einsperren. Dass Gaby Weber meint, die Verbannung als Strafe für Vergewaltigung sei ein geringes Strafmaß, unterstreicht aus unserer Sicht, welch defizitäre Vorstellung die Autorin von indigenen Kulturen hat: Ausstoß aus der Gemeinschaft kommt in vielen traditionellen Gesellschaften der Todesstrafe nahe.

Die Grenze der Seriösität erreicht der Beitrag, wenn der Eindruck erweckt wird, dass indigene Rechtsprechung Lynchjustiz bedeutet. Lynchjustiz tritt dort auf, wo Staaten für große Teile ihrer Bürgerinnen und Bürger keine Rechtssicherheit gewährleisten. Sie ist in den meisten postkolonialen Ländern anzutreffen, wo die Kopie des bürgerlichen Staates in der Realität rassistische Klassenjustiz bedeutet und Polizei das Gegenteil von Schutz gewährleistet. Lynchjustiz entsteht genau aus dem Scheitern des bürgerlichen Staates in den Ländern der 3. Welt. Sie denjenigen anzudichten, die nach gerechteren Alternativen suchen, ist - vorsichtig ausgedrückt - kühn.

Der zugespitzte Ausdruck derartig euro-zentristischer und teilweise polemischer Verzerrungen findet sich leider häufig, wenn z.B. Evo Morales als "Indio-Nazi" (aus dem Telepolis-Blog) bezeichnet wird, oder Vargas Llosa - der letzte intellektuelle Neoliberale des Subkontinents - die bolivianische Regierung beschuldigt, eine rassistische Politik zu betreiben (Die Welt). Da die neoliberale Phalanx der weißen Männerherrschaft recht willkürlich bei der Konstruktion ihrer Vorwürfe ist, würden wir also empfehlen, ein bisschen genauer zu recherchieren, bevor man/frau solche Inhalte verkauft.

Grundsätzlich tendieren viele EuropäerInnen dazu, die eigenen Maßstäbe für Recht und Unrecht, von Fortschritt und "Zivilisation" für überlegen zu halten und ihnen universelle Gültigkeit zuzusprechen. Diese Haltung schließt leider häufig diejenigen ein, die sich wie Frau Weber seit vielen Jahren gegen Unrecht und Unterdrückung engagieren. Wie oben dargelegt gibt es dafür historisch gesehen gar keinen, und konkret betrachtet häufig nicht ausreichend Gründe. Insofern würden wir uns reflektiertere und bescheidenere Beiträge zum Thema wünschen, in denen ein Mindestmaß an interkultureller Erfahrung zum Ausdruck kommt - auch wenn klar ist, dass im Tagesjournalismus dafür oftmals weder Platz noch Bedarf besteht.

mit freundlichen Grüßen

Malte Daniljuk
Redaktion amerika21.de

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