Bolivien / Politik / Kultur

Vizepräsident von Bolivien: "Unser Kampf richtet sich gegen jede Art von Unterwerfung"

Rede des bolivianischen Vizepräsidenten David Choquehuanca zum Amtsantritt am 8. November 2020

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Luis Arce (links) und David Choquehuanca bei der indigenen Zeremonie zu ihrer Amtseinführung am 6. November in Tiwanaku
Luis Arce (links) und David Choquehuanca bei der indigenen Zeremonie zu ihrer Amtseinführung am 6. November in Tiwanaku

Vertreter der indigenen Völker, Staatschefs, Vertreter internationaler Organismen, Botschafter, nationale Autoritäten:

Mit der Erlaubnis unserer Götter, unserer älteren Brüder und unserer Pachamama1, unserer Vorfahren, unserer Achachilas2, mit Erlaubnis unserer Patujú3, unseres Regenbogens und unseres heiligen Koka-Blatts.

Mit der Erlaubnis unserer Völker, mit der Erlaubnis aller in diesem Plenarsaal Anwesenden und nicht Anwesenden.

Heute möchte ich einige Minuten lang unser Denken und Fühlen4 teilen.

Es ist eine Pflicht, uns zu verständigen, eine Pflicht miteinander zu sprechen, es ist ein Prinzip des vivir bien5.

Wir Völker der alten Kulturen, der Kultur des Lebens, bewahren unsere Ursprünge seit dem Anbeginn der Zeit.

Wir, die Kinder, haben eine uralte Kultur geerbt, die versteht, dass alles miteinander verbunden ist, dass nichts getrennt ist und dass nichts außerhalb ist. Deshalb sagen sie uns, dass wir alle zusammen gehen, dass niemand zurückbleibt, dass alle alles haben und niemandem etwas fehlt. Und dass das Wohlergehen aller das Wohlergehen von einem selbst ist. Dass Helfen ein Weg ist, zu wachsen und glücklich zu sein. Dass uns der Verzicht zum Wohle des anderen stärkt, dass uns zu vereinen und uns im Ganzen zu erkennen der Weg von gestern, heute, morgen und immer ist, von dem wir nie abgewichen sind.

Das Ayni, die Minka, die Tumpa, unsere Colka6 und andere Verhaltensregeln der tausendjährigen Kulturen sind die Essenz unseres Lebens, unserer Ayllu7.

Ayllu ist nicht nur eine Organisationsform der Gesellschaft von Menschen, Ayllu ist ein System der Organisation des Lebens aller Wesen, von allem was existiert, von allem, was im Gleichgewicht auf unserem Planeten oder der Mutter Erde fließt.

Jahrhundertelang wurden die zivilisatorischen Regeln von Abya Yala8 in ihren Strukturen zerstört und viele von ihnen ausgerottet, das ursprüngliche Denken wurde systematisch dem kolonialen Denken unterworfen.

Aber sie konnten uns nicht ausschalten, wir leben, wir sind aus Tiwanaku9, wir sind stark, wir sind wie der Stein, wir sind Cholke, wir sind Sinchi10, wir sind Rumy 11, wir sind Jenecherú 12, Feuer, das nie erloschen ist, wir kommen aus Samaipata13, wir sind Jaguar, wir sind Túpac Katari14, wir sind Comanchen, wir sind Maya, wir sind Guaraní, wir sind Mapuche, wir sind Mojeño, wir sind Aymara, wir sind Quechua, wir sind Joki und wir sind alle Menschen der Kultur des Lebens, die wir gleich, rebellisch, mit Weisheit erwacht sind.

Heute erleben Bolivien und die Welt einen Übergang der sich alle 2000 Jahre wiederholt, im Zeitenverlauf verlassen wir die Nicht-Zeit und beginnen die neue Morgendämmerung, ein neues Pachakuti15 in unserer Geschichte.

Eine neue Sonne und ein neuer Ausdruck in der Sprache des Lebens, wo die Empathie für den anderen oder das kollektive Wohl den egoistischen Individualismus ersetzt.

Wo wir Bolivianer einander als Gleiche betrachten und wissen, dass wir vereint mehr erreichen, wir sind in Zeiten, um wieder Jiwasa16 zu werden, nicht ich, sondern wir.

Jiwasa ist der Tod der Egozentrik, der Tod des Anthropozentrismus und der Tod des Theozentrismus.

Wir sind in einer Zeit, um wieder Iyambae zu werden. Diesen Kodex haben unsere Guaraní-Brüder für uns bewahrt und Iyambae bedeutet eine Person, die niemandem gehört. Niemand auf dieser Welt soll sich als Besitzer von jemandem oder von etwas fühlen.

Seit 2006 haben wir in Bolivien eine harte Arbeit begonnen, um unsere individuellen und kollektiven Wurzeln zu verbinden, um wieder wir selbst zu werden, zu unserer Mitte zurückzukehren, zum Taypi17, zur Pacha18, zum Gleichgewicht, aus dem die wichtigsten Weisheiten der Zivilisationen unseres Planeten zum Vorschein kommen.

Wir befinden uns mitten im Prozess der Wiedergewinnung unseres Wissens, der Verhaltensregeln der Kultur des Lebens, der zivilisatorischen Regeln einer Gesellschaft, die in tiefer Verbindung mit dem Kosmos steht, mit der Welt und mit der Natur, mit dem individuellen und kollektiven Leben, um unser suma qamaña19, unser suma akalle aufzubauen ‒ was bedeutet, unsere Gemeinschaft und das Wohlergehen des Einzelnen oder der Gemeinschaft sicherzustellen.

Wir sind in einer Zeit, unsere Identität zurückzugewinnen, unsere Wurzel, unser sake, wir haben kulturelle Wurzeln, wir haben Philosophie, wir haben Geschichte, wir haben alles, wir sind Menschen und wir haben Rechte.

Einer der unerschütterlichen Stützpfeiler unserer Zivilisation ist das geerbte Wissen um die Pacha, Gleichgewicht in Zeit und Raum zu gewährleisten. Das bedeutet, mit allen komplementären Energien umzugehen , mit der kosmischen, die vom Himmel kommt, mit der, die aus der Erde kommt.

Diese beiden kosmischen aus der Welt hervorgehende Kräfte wirken zusammen und schaffen das, was wir Leben nennen, als sichtbares (Pachamama) und als spirituelles (Pachakama) Ganzes.

¡Dale, pues!

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Ihr Amerika21-Team

Indem wir das Leben in Begriffen der Energie verstehen, haben wir die Möglichkeit, unsere Geschichte, die Materie und unser Leben als Zusammenwirken der Chachawarmi-Kraft umzugestalten, wenn wir uns auf die Komplementarität der Gegensätze beziehen.

Die neue Zeit, die wir beginnen, wird getragen sein von der Energie des Ayllu, der Gemeinschaft, der Konsense, der Horizontalität, der komplementären Gleichgewichte und des Gemeinwohls.

Historisch wird die Revolution als ein politischer Akt verstanden, um die Gesellschaftsstruktur zu ändern und so das Leben des Individuums zu ändern. Keine der Revolutionen hat es geschafft, die Erhaltung der Macht zu ändern, um die Kontrolle über die Menschen zu behalten.

Es ist nicht gelungen, das Wesen der Macht zu verändern, doch die Macht hat es geschafft, den Verstand der Politiker zu verzerren. Die Macht kann korrumpieren und es ist sehr schwierig, an der Gewalt der Macht und ihrer Institutionen etwas zu ändern. Aber das ist eine Herausforderung, der wir uns mit der Weisheit unserer Völker stellen.

Unsere Revolution ist die Revolution der Ideen, sie ist die Revolution der Ausgewogenheiten, denn wir sind überzeugt, dass wir uns, um die Gesellschaft, die Regierung, die Verwaltung, die Gesetze und das politische System zu verändern, als Individuen verändern müssen.

Wir werden die Übereinstimmungen von Gegensätzen fördern, um Lösungen zu finden zwischen der Rechten und der Linken, zwischen der Rebellion der Jugend und der Weisheit der Großeltern, zwischen den Grenzen der Wissenschaft und der unbeirrbaren Natur, zwischen den kreativen Minderheiten und den traditionellen Mehrheiten, zwischen den Kranken und den Gesunden, zwischen den Regierenden und den Regierten, zwischen dem Führerkult und der Gabe, anderen zu dienen.

Unsere Wahrheit ist ganz einfach ‒ der Condor fliegt nur, wenn sein rechter Flügel in perfektem Einklang mit seinem linken Flügel ist.

Die Aufgabe, uns zu ausgeglichenen Individuen zu formen, wurde vor Jahrhunderten brutal unterbrochen, wir haben sie nicht abgeschlossen und die Ära der Ayullu, Gemeinschaft, ist bereits mit uns.

Sie fordert, dass wir freie und ausgeglichene Individuen sind, um harmonische Beziehungen mit den Anderen und mit unserer Umwelt aufzubauen. Es ist dringend, dass wir Wesen sind, die in der Lage sind, für sich selbst und für die Gemeinschaft ein Gleichgewicht zu halten.

Wir sind in der Zeit der Brüder der apanaka pachakuti, der Brüder des Umbruchs, wo unser Kampf nicht nur für uns selbst, sondern auch für sie und nicht gegen sie war. Wir streben das Mandat an, wir suchen nicht die Konfrontation, wir suchen den Frieden, wir vertreten nicht die Kultur des Krieges noch der Vorherrschaft. Unser Kampf richtet sich gegen jede Art von Unterwerfung und gegen das koloniale, patriarchale Denken, woher auch immer es kommt.

Die Idee des Zusammentreffens zwischen Geist und Materie, dem Himmel und der Erde, von Pachamama und Pachakama ermöglicht es uns zu denken, dass eine neue Frau und ein neuer Mann die Menschheit, den Planeten und das schöne Leben auf ihm werden heilen können und unserer Mutter Erde ihre Schönheit zurückgeben.

Wir werden die heiligen Schätze unserer Kultur gegen jeglichen Eingriff verteidigen. Wir werden unsere Völker20, unsere natürlichen Ressourcen, unsere Freiheiten und unsere Rechte verteidigen.

Wir werden zu unserem KapakÑan zurückkehren, zum ehrenhaften Weg der Integration, dem Weg der Wahrheit, dem Weg der Brüderlichkeit, dem Weg der Einheit, dem Weg des Respekts vor unseren Autoritäten, vor unseren Schwestern, dem Weg des Respekts vor dem Feuer, dem Weg des Respekts vor dem Regen, dem Weg des Respekts vor unseren Bergen, dem Weg des Respekts vor unseren Flüssen, dem Weg des Respekts vor unserer Mutter Erde, dem Weg des Respekts vor der Souveränität unserer Völker.

Brüder, um zum Schluss zu kommen, wir Bolivianer müssen die Spaltung überwinden, den Hass, den Rassismus, die Diskriminierung unter Landsleuten. Keine Verfolgung der freien Meinungsäußerung mehr, keine politische Verfolgung mehr durch die Justiz.

Kein Machtmissbrauch mehr. Die Macht muss da sein, um zu helfen. Macht muss zirkulieren. Die Macht genauso wie die Wirtschaft muss umverteilt werden, muss zirkulieren, muss fließen wie das Blut in unserem Organismus. Keine Straffreiheit mehr. Gerechtigkeit, Brüder.

Aber die Justiz muss wirklich unabhängig sein. Beenden wir die Intoleranz, die Missachtung der Menschenrechte und der Rechte unserer Mutter Erde.

Die neue Zeit bedeutet, die Botschaft unserer Völker zu hören, die aus ihren tiefsten Herzen kommt, bedeutet Wunden zu heilen, uns gegenseitig mit Respekt anzuschauen, das Vaterland wiederzugewinnen, gemeinsam zu träumen, Brüderlichkeit, Harmonie, Integration, Hoffnung aufzubauen, um den Frieden und das Glück für die kommenden Generationen zu sichern.

Nur so können wir das gute Leben erreichen und uns selbst regieren.

Jallalla Bolivia

Die Video-Aufzeichnung der Rede finden sie hier

  • 1. Pachamama: Mutter Erde, Mutter Welt, Mutter Kosmos
  • 2. Achachilas: Schutzgeister. Beschützer der Aymara-Gemeinschaften
  • 3. Patujú: eine der Landesblumen Boliviens
  • 4. Choquehuanca sagt hier "nuestro pensasiento", pensamiento= Denken, sentir=fühlen
  • 5. Vivir bien: Gutes, würdiges Lebens
  • 6. Bezeichnungen für gemeinschaftliche Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft
  • 7. Ayllu: Aymara-Wort für Gemeinschaft
  • 8. Abya Yala ist aus dekolonialer Perspektive und in der Sprache der Kuna aus Panama die Bezeichnung für den lateinamerikanischen Kontinent. Sie wurde von den politisch organisierten indigenen Bevölkerungen weitgehend übernommen
  • 9. Tiwanaku war eine indigene Siedlung im Westen Boliviens (100 v.u.Z.-1.000 n.u.Z.) und bezeichnet sowohl eine Aymara-Kultur, als auch die erste größere Stadt im Andenraum. Für die Indigenen Boliviens dient sie als Ausgangspunkt einer neuen Regierungsperiode um "die Energie der überlieferten Gottheiten, der Pachamama und des Kosmos zu empfangen." Dort fanden die Amtseinführungen von Evo Morales und Álvaro Garcia Línera sowie von Luis Arce und David Choquehuanca im Rahmen einer indigenen Zeremonie statt.
  • 10. Sinchi: stark, mutig, widerstandsfähig
  • 11. Rumy: Fels
  • 12. Jenecherú: Version des Wortes jendi sheru aus dem Guaraní, "mein Vater des Feuers"; die Glut mit der das Feuer zum Brennen gebracht wird und die nie erlischt.
  • 13. Samaipata, indigene Gemeinde in Santa Cruz
  • 14. Der Aymara-Anführer Túpac Katari bildete eine Armee von etwa 40.000 Mann, um gegen die spanischen Kolonisatoren zu kämpfen. 1781 gelang es ihm, die Stadt La Paz zu belagern. Er wurden von den Spaniern gefangen genommen, ein Richter verurteilte ihn dazu, "zerstückelt" zu werden. Ihm wird die Prophezeiung zugeschrieben: "Sie können mich töten, aber ich werde millionenfach zurückkehren"
  • 15. Pachakuti: Zeitenwende, grundlegender Wandel
  • 16. Jiwasa: Aymara-Wort für "Wir", "Uns"
  • 17. Aymara-Wort für Zentrum als Ort, an dem Gegensätze oder konträre Dinge vermittelt werden können
  • 18. Pacha: Erde, Welt
  • 19. Suma qamaña: Nach Aymara-Konzept das materielle und spirituelle Gleichgewicht des Individuums (Wissen, wie man lebt) und seiner harmonischen Beziehung zu allen Formen der Lebens (Zusammenleben)
  • 20. In Bolivien leben 36 indigene Nationen oder Völker, welche die Verfassung alle anerkennt
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