Venezuela: Kritik an Gewalt in Medien

Debatte geht nach Disput mit Tageszeitung El Nacional weiter. Deutsche Medienschaffende unterstützen Position venezolanischer Regierung

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Müsste auch in Deutschland mit Ärger rechnen: Miguel Henrique Otero
Müsste auch in Deutschland mit Ärger rechnen: Miguel Henrique Otero

Caracas/Berlin. In Venezuela setzt sich die Debatte um die Berichterstattung über Gewalt fort. Nach Informationen unseres Partnerportals venezuelanalysis.com hob ein Gericht in der Hauptstadt Caracas bereits Ende vergangener Woche ein generelles Verbot von Gewaltdarstellungen in den Medien wieder auf und korrigierte damit eine anderslautende Entscheidung, die einige Tage zuvor gefällt worden war. Regierungsnahe Gruppierungen hatten unmittelbar nach einer entsprechenden Veröffentlichung strafrechtliche Schritte gegen die Herausgeber der Tageszeitung El Nacional gefordert.

Die Diskussion ist entbrannt, nachdem dieses Blatt am 13. August ein großes Farbfoto zahlreicher nackter und obduzierter Leichen auf der Titelseite gedruckt hat. Die Aufnahme soll angeblich aus einer Leichenhalle in Caracas stammen. El-Nacional-Herausgeber Miguel Henrique Otero gab an, mit dem Bild auf die steigende Gewalt hinweisen zu wollen. Die Regierung des südamerikanischen Landes wirft ihm vor, wenige Wochen vor den Parlamentswahlen eine Medienkampagne zu führen.

Während vereinzelt auch deutschsprachige Medien die Kritik an dem Vorgehen der venezolanischen Justiz gegen die Veröffentlichungen teilten, äußerten sich Pressevertreter gegenüber amerika21 differenzierter. Ella Wassnik, Pressereferentin des Deutschen Presserates, sah zwar kein grundsätzliches Motiv, Gewaltdarstellungen zu verbieten. Auch sieht sie eine staatliche Intervention kritisch. Allerdings empfehle auch der Presserat, auf solche Darstellungen auf dem Titel zu verzichten.

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In Ziffer 11 des Pressekodex wird eine "unangemessen sensationelle Darstellung" verurteilt. Dies sei der Fall, "wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird", etwa bei "sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen".  Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten seien möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche zu beachten.

"Nach meiner Ansicht wäre eine solche Veröffentlichung auch bei uns ein Verstoß gegen den Pressekodex", sagt auch Ulrike Maercks-Franzen, die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union. Maercks-Franzen kritisierte vor allem, dass die Toten nur unzureichend Unkenntlich gemacht wurden.

Seine Zeitung "und sicher auch andere Medien hierzulande" würden ein solchen Foto nicht drucken, sagt der Chefredakteur der Tageszeitung Neues Deutschland, Jürgen Reents. Er verweist auch darauf, dass etwa die Tagesschau eine entsprechende Selbstverpflichtung unterzeichnet hat. Der Vizechefredakteur der Gewerkschaftszeitung "Publik", Henrik Müller, sieht schlichtweg einen "Verstoß gegen die Menschenwürde.

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