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22.06.2011 Mexiko / Medien / Menschenrechte

Mexiko: Journalisten leben immer gefährlicher

Vier Journalisten innerhalb von drei Wochen ermordet. Behörden wird Untätigkeit und Verstrickung vorgeworfen
Infografik über die zunehmende Gewalt gegen Journalisten in Mexiko im Jahr 2010

Infografik über die zunehmende Gewalt gegen Journalisten in Mexiko im Jahr 2010

Mexiko-Stadt. Am Montagmorgen wurde der 55-jährige Journalist Miguel Ángel López Velasco von der Zeitung Notiver in seinem Haus in der mexikanischen Stadt Veracruz erschossen. Auch seine Ehefrau Agustina Solana (53) und sein 21-jähriger Sohn Misael López Solana, der Fotoreporter beim selben Pressehaus war, kamen ums leben. Gemäß der Tageszeitung La Jornada recherchierte López schon in den 90er-Jahren über die Verbindungen von Polizei und Militär mit der Drogenmafia und klagte die Korruption der PRI-Regierungen von Veracruz an, so auch in seiner letzten Kolumne, die am Tage seiner Ermordung erschien.

Der dreifache Mord in Veracruz reiht sich ein in eine Serie von Gewalttaten gegen Medienschaffende: Am 1. Juni wurde die Leiche des Journalisten Noel López Olguín im Süden desselben Bundesstaates Veracruz gefunden. Er galt seit März als vermisst. In Sonora wurde am 14. Juni der Journalist Pablo Ruelas Barraza ermordet, als er sich gegen eine Entführung wehrte. In Acapulco, im Bundesstaat Guerrero, gingen Pressevertreter auf die Straße, welche die Aufklärung der Entführung von Marco Antonio López verlangen. Der Chefredakteur der Zeitung "Neuigkeiten aus Acapulco" ist seit 14 Tagen verschwunden.

Zur Häufung von Gewalttaten gegen Presseleute innerhalb von nur drei Wochen zählt auch ein tödlicher Unfall mit ungeklärten Umständen: Matteo Dean, unabhängiger Journalist italienischer Herkunft, wurde am 11. Juni auf der Autobahn bei Toluca getötet. Er schrieb für mexikanische Presseerzeugnisse wie Proceso und La Jornada sowie für die italienische kommunistische Tageszeitung Il Manifesto. Am Kassenhäuschen stehend, zahlte Dean die Autobahngebühr, als er mitsamt seinem Motorrad von einem Lastwagen erfasst wurde. Der Lastwagenfahrer gab Bremsenversagen als Unfallursache an – und wurde aus der Haft entlassen. Sol Patricia Rojo Borrego, die Ehefrau des 36-jährigen linken Journalisten, forderte von den Behörden die vollständige Aufklärung des Unfalls.

Mit Dean verliert Il Manifesto den zweiten Mexiko-Korrespondenten innerhalb weniger Wochen. Erst Mitte April wurde der in Chiapas ansässige Gianni Proiettis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Italien ausgeschafft. Proiettis lebte seit 18 Jahren in Mexiko und berichtete, ähnlich wie Matteo Dean, kritisch über die neoliberale Politik der mexikanischen Regierung. Eine Unmutsäußerung von Presseschaffenden gegenüber dem Präsidenten Felipe Calderön anlässlich des Klimagipfels in Cancún, bei der Proiettis anwesend war, scheint Grund genug gewesen zu sein, um den Ethnologieprofessor und Journalisten des Landes zu verweisen.

Die Mafiaaktivitäten, die Straflosigkeit der Verbrechen, aber auch die Intoleranz der Behörden gegenüber kritischen Stimmen führen dazu, dass Journalisten hierzulande immer öfter Gewalt ausgesetzt sind. Zu diesem Schluss kommen übereinstimmend verschiedene Organisationen, so unter anderem die Ständige Kampagne zum Schutz der Journalisten in Mexiko. Der UN-Sonderbeauftragte für Meinungs- und Pressefreiheit, Frank La Rue, empfiehlt in seinem Bericht vom 19. Mai "einen Schutzmechanismus für Journalisten einzurichten", dessen "Funktion und Evaluation durch die Beteiligung von Presseschaffenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen garantiert" werden müsse.

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