Venezuela: Keine Hinweise auf Indigenen-Massaker

Gemischte Untersuchungskommission reiste in Amazonas-Gebiet. Ombudsfrau Ramírez: Hinweise haben sich als falsch entpuppt

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Angehörige der Yanomami
Angehörige der Yanomami

Caracas. Die venezolanische Regierung sieht nach einer Untersuchung vor Ort keine Hinweise auf ein Massaker an Mitgliedern der indigenen Volksgruppe der Yanomami im Amazonas-Gebiet im Süden des Landes. Das geht aus dem Untersuchungsbericht der venezolanischen Ombudsfrau Gabriela Ramírez vom Samstag dieser Woche hervor. Der Verdacht auf einen gewaltsamen Überfall auf ein Dorf der Yanomami im Amazonas-Becken nahe der brasilianischen Grenze habe sich als falsch herausgestellt, sagte Ramírez. Der Fall sei nach einer Serie von Untersuchungen abgeschlossen. 
Am Freitag war eine von der venezolanischen Generalstaatsanwaltschaft entsandte Delegation aus dem Gebiet im Süden des Landes zurückgekehrt. Die Delegationsmitglieder hatten dabei nach eigenen Angaben keine Hinweise auf ein derartiges Verbrechen entdeckt, von denen Menschenrechtsorganisationen gesprochen hatten.

Am 27. August hatte die Organisation der Yanomami (HOY) eine Erklärung zu einem brutalen Überfall durch illegale Goldschürfer aus Brasilien veröffentlicht. Die Tat soll sich am 5. Juli in der Region Irotatheri im Biosphärenreservat Alto-Orinoco zugetragen haben. Entsprechende Informationen hatte die Organisation von drei Bewohnern aus dem Dorf erhalten. Sie hatten nach eigenen Angaben den Lärm eines Helikopters und darauf folgende Explosionen gehört. Als sie zu den Hütten zurückkehrten, hätten sie dort die bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Körper und die verbrannten Hütten gefunden. Die Organisation der Yanomami berichtete von ungefähr 80 Opfern.

Zur Untersuchung der Geschehnisse hatte die Generalstaatsanwaltschaft unmittelbar nach den ersten Berichten Ende August eine Kommission ernannt, die genauere Untersuchungen vor Ort veranlasste. Dem Ergebnis zufolge hat ein Massaker in der Region nie stattgefunden.

Mehrere Organisationen zum Schutz der Rechte der indigenen Bevölkerung hatten daraufhin das Vorgehen und ein angeblich vorschnelles Urteil der Kommission kritisiert. Die Delegation sei nicht bis in das entlegene Gebiet vorgedrungen und habe lediglich kaum aussagekräftige Untersuchungen aus der Luft durchgeführt, weswegen nicht von einer Aufklärung des Falls zu sprechen sei. Der Gouverneur des Bundesstaates Amazonas und Mitglied der oppositionellen Progressiven Bewegung Venezuelas (MPV), Liborio Guarulla, beschuldigte die venezolanische Regierung, das Thema unter den Tisch kehren zu wollen.

Am Mittwoch meldete sich dann eine Person im Lokalradio zu Wort, die sich als einer der Überlebenden des Massakers vorstellte und von dem Angriff berichtete: "Wir sind Zeugen. Die Explosion verbrannte die Gemeinschaft. Wir haben Körper gesehen, verbrannte Reste von Menschen."

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Stephen Corry, Direktor der Indigenen- und Menschenrechtsorganisation Survival International, hatte noch am Donnerstag an seiner Kritik festgehalten: "Wenn der Regierung Venezuelas wirklich am Wohl der indigenen Bevölkerung liegt, würde sie etwas unternehmen, um die Goldgräber vom Land der Indianer auszuweisen, anstatt eine gewaltsame Konfrontation von Goldschürfern und Indianern zu leugnen." Die Regierung benehme sich, wie es schon alle Regierungen in Lateinamerika vor ihr getan hätten, indem sie die eigene Reputation vor das Leben der indigenen Bevölkerung stellten.

Anfang letzter Woche machte sich dann erneut eine Expedition auf den Weg, um den Fall zu untersuchen. Sechs Tage war eine Gruppe aus Militär, Forensikern der Polizei und indigenen Funktionären zu Fuß in Irotatheri unterwegs, um die Gemeinschaften in der Region zu befragen. Die Indigenen vor Ort hätten von einem Angriff nichts bemerkt, hieß es daraufhin.
 Luis Shatiwe, Vertreter der Yanomami-Organisation HOY, der selbst an der Expedition teilnahm, berichtete am Freitag, dass man den Ort des vermeintlichen Verbrechens friedlich vorgefunden habe.

Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Díaz teilte daraufhin mit: "Mit voller Verantwortung und größter Zuverlässigkeit informiere ich das Land, dass der angezeigte Fall nicht der Wahrheit entspricht. Es ist nicht wahr, dass 80 Yanomamis massakriert, getötet, ermordet wurden, wie es die Vertreter von HOY dem Ministerio Público gemeldet und wie es viele Medien wiedergegeben haben."

Ombudsfrau Ramírez bezweifelte am Samstag, dass die Quelle der offiziellen Yanomami-Organisation zuverlässig war. Die indigenen Gruppierungen vor Ort hätten aber in jedem Fall ein Funksystem zur Hand, mit dem sie Notsignale an nahe Militärbasen senden könnten.

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