Schweizer Onkologe lobt Sozialpolitik in Venezuela

Ehemaliger Nationalrat Franco Cavalli: Gesundheitssystem "einer der Gründe, weshalb Chávez bislang alle Wahlen gewonnen hat"

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Franco Cavalli
Franco Cavalli

Zürich/Caracas. Der ehemalige Schweizer Nationalrat und Direktor des Onkologischen Instituts IOSI, Franco Cavalli, hat die Sozialpolitik der venezolanischen Regierung als einen der Hauptgründe für den politischen Erfolg des amtierenden Präsidenten Hugo Chávez bezeichnet. Im Interview mit amerika21.de wandte sich Cavalli zugleich gegen Medienberichte, die der venezolanischen Regierung bei dieser Politik politisches Kalkül unterstellen. "Es ist leicht, von 'Populismus' oder 'Paternalismus' zu sprechen, wenn man zu Hause abends mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher sitzt", sagte Cavalli.

Vor allem im Gesundheitssystem unterscheide sich die Lage in Venezuela erheblich von europäischen Standards. "In Caracas etwa gibt es Armenviertel mit Millionen Menschen, die bis vor wenigen Jahren nie einen Arzt oder eine Krankenschwester gesehen haben", führte der Onkologe aus. In diesen Bereich habe die aktuelle Regierung unter Chávez massiv investiert. "Das war ihm auch wegen der massiven Unterstützung kubanischer Ärzte und Krankenschwestern möglich", fügte Cavalli an: "Diese Politik ist einer der Gründe, weshalb Chávez bislang alle Wahlen gewonnen hat, obgleich nicht nur die Mehrzahl der Medien gegen ihn ist."

Ähnliche Erfahrungen habe er in Nicaragua gemacht, so Cavalli. Bis 1990 habe die damalige sandinistische Regierung große Programme gegen Gebärmutterhalskrebs finanziert, die häufigste Krebsart bei jungen Frauen in dem mittelamerikanischen Land. "Als die Sandinisten dann abgewählt wurden, mussten wir die entsprechenden Partnerprogramme einstellen, weil sehr viel privatisiert wurde, auch Krankenhäuser", erinnerte sich der Mediziner. Nach der Privatisierung hätten sich die Menschen die Behandlung mehrheitlich nicht mehr leisten können. "Nach der Rückkehr der Sandinisten an die Regierung vor wenigen Jahren sind die Hospitäler wieder für alle offen, auch dank der Hilfe aus Venezuela", so Cavalli weiter: "So konnten auch wir wieder unsere Hilfsprojekte beginnen, weil die Krankenhäuser für die bedürftigen Frauen erneut zugänglich wurden."

Franco Cavalli, geboren 1942 in Locarno (Schweiz), arbeitet derzeit als Chefarzt für Onkologie in Bellinzona im Kanton Tessin. Er lehrt zudem an den Universitäten Bern und Varese. Cavalli ist Gründer und Direktor des Onkologischen Instituts der italienischsprachigen Schweiz mit Sitz in Bellinzona und war Präsident der Internationalen Vereinigung gegen Krebs sowie der Krebsliga Schweiz. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche medizinische Hilfs- und Kooperationsprojekte in Nicaragua, El Salvador und anderen Staaten Lateinamerikas initiiert.

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