6. Dez 2010 | International | Medien

Der WikiLeaks-Flop

Online-Projekt überlässt die häppchenweise Veröffentlichung den etablierten Leitmedien

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Das Projekt WikiLeaks ist seit einer Woche wieder in aller Munde. Angeblich veröffentlichten die Internet-Aktivisten mehr als 250.000 Nachrichten aus dem elektronischen Netzwerk des US-Außenministeriums. Doch diese Aussage ist genau genommen falsch: Seit vergangenem Sonntag publizierte WikiLeaks eine Mini-Auswahl von gerade mal 843 Depeschen. Das Projekt stellte aber den gesamten Datensatz einigen großen privaten Medienunternehmen in Europa und den USA exklusiv zur Verfügung, etwa der New York Times, dem Guardian und dem Wochenmagazin Der Spiegel.

Die nächste Enttäuschung betraf alle, die erwartet hatten, dass die Angestellten der "alten" Medien nun gut recherchiert Brisantes niederschreiben würden. Die erste Woche verging mit Berichten über despektierliche Äußerungen von US-Diplomaten über Politiker in ihren Einsatzländern. Außerdem nahmen die Berichte über die Berichte einen großen Platz ein. Allein 14 Beiträge auf Spiegel-Online beschreiben, was mehr oder weniger Prominente über eine Veröffentlichung denken, die gerade einmal ansatzweise erfolgt ist.

In einer dritten Welle wendeten sich Guardian, Spiegel & Co. der Einordnung in die etablierte außenpolitische Agenda zu. Interne Einschätzungen von Diplomaten bestätigen normalerweise die politische Linie ihrer Regierung. Aus Notizen über vertrauliche Gespräche mit lokalen Kontaktpartnern geht hervor, dass auch diese die Sichtweise der Diplomaten unterstützen - geradezu eine Bedingung für die Kooperation. Widersprüche zu offiziellen Vorgaben der US-Außenpolitik scheinen die Journalisten in dem Material bisher nicht zu finden. Wer von den Gesprächspartnern nur Direktiven befolgt oder wem eventuell zu Munde redet, bleibt unklar. Unklar ist aber auch, wie die so genannten Qualitätsmedien diese Einschätzungen in vielen Beiträgen als Fakten präsentieren können, ohne die Quellen distanziert zu bewerten.

Bemerkenswert ist zudem, dass in Berlin, Paris, Madrid und New York täglich sehr ähnliche Inhalte aus dem Meer an Rohinformationen ausgewählt werden. Offensichtlich stimmen sich die beteiligten Medien ab, was sie an Material verwenden und was nicht. Da zu den Kooperationspartnern ausschließlich Medien der "westlichen Welt" gehören, scheint diese Synchronisierung auch leicht zu fallen. Dass Al-Jazeera und TeleSur andere Themen für relevant befunden hätten, kann sicher unterstellt werden. Die von den Meinungsführern verwendeten Depeschen, und nur diese, stellt Wikileaks schließlich öffentlich, nachdem ihre Inhalte für das Zeitungspublikum entsprechend eingeordnet und bewertet wurden.

Irgendetwas fehlt...!

Auswählen, einordnen und bewerten von Information beschreibt das mediale Kerngeschäft und war bis zum Durchbruch des Internet das Privileg der großen Medienunternehmen. Kritiker warfen ihnen vor, sie würden störende Informationen systematisch ausblenden, dekontextualisieren und abwerten. Noam Chomsky, MIT-Professor für Linguistik, sah die Funktion der Massenmedien darin, mithilfe von Informationsfiltern gesellschaftlichen Konsens zu fabrizieren. Er war einer der ersten, der auf den Wert von Leaks, von undichten Stellen innerhalb von Institutionen hinwies. Und Chomsky erkannte sehr früh, welche Möglichkeiten das Internet als alternative Nachrichtenplattform bietet.

Auch die Gründung von WikiLeaks basierte auf einer skeptischen Einschätzung der professionellen Massenmedien. Der klassische Journalismus versage bei der Bereitstellung von wichtigen Inhalten. Einen ungefilterten Zugang zu kritischen Informationen könnten die etablierten Medien schon allein durch ihre ökonomische Abhängigkeit nicht gewährleisten, so der ehemalige WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmidt. Investigativer Journalismus sei den Medienunternehmen zu kostspielig, zu riskant und die Gesetzgebung höhle den Quellenschutz immer weiter aus.

Seit dem Jahr 2006 kämpften die weitgehend anonymen Aktivisten von WikiLeaks für ein radikales Konzept von Informationsfreiheit. Sie stellten eine Infrastruktur, mithilfe derer weltweit jede Person mit einem Internet-Zugang "geheime, zensierte oder auf sonstige Weise in ihrer Veröffentlichung beschränkte Dokumente" der Öffentlichkeit übergeben kann. Bis Oktober 2009 hatte das Projekt etwa 1,2 Millionen Dokumente aus anonymen Quellen gesammelt und auf einem Wiki zugänglich gemacht.

Wie auch bei der großen Schwester Wikipedia setzte dieses Konzept bisher nicht auf inhaltliche "Verdichtung" durch professionelle Apparate. Transparenz, kollaboratives Arbeiten und Schwarmintelligenz richteten sich gegen die Filtersysteme der professionellen Torwächter. Auch bei den Medienkooperationen, die WikiLeaks in den vergangenen Monaten einging, wie etwa dem Video Collateral Murder, bei den Afghanistan- und den Iraq War Logs, veröffentlichten die Aktivisten das gesamte Rohmaterial sofort komplett und gewährleisteten so, dass die Kontrolleure kontrolliert werden konnten. Nicht so bei dem aktuellen Scoup.

Zum Beispiel Lateinamerika

Anhand des Subkontinents Lateinamerika lässt sich nachvollziehen, wie aus einer scheinbar unendlichen Masse an kritischen Einzelinformationen eine Selektion vorgenommen wird, die zunächst die eigene, etablierte Weltsicht schützt und bestätigt. Vom gesamten Subkontinent sind etwa 20.000 Meldungen aus den US-Botschaften im WikiLeaks-Material enthalten. Journalistisch verwertet wurden davon in der ersten Woche etwa 40 Depeschen, also 0,02 Prozent. Von den engsten Verbündeten der USA, Kolumbien, Peru und Costa Rica, liegen zusammen zwar mehr als 4.000 Meldungen in den Redaktionen, aber kein Journalist hat diesen Stoff bisher für die Öffentlichkeit aufbereitet.

Stattdessen beschäftigen sich die ersten Berichte über Lateinamerika mit den Regierungen, denen die USA ausdrücklich feindlich gegenüber stehen. Alleine aus Caracas liegen inzwischen 13 Meldungen aus 2.340 vor. Zur Besprechung ausgewählt haben Journalisten der spanischen Tageszeitung El País Berichte über den Einfluss der Kubaner in Venezuela, Depeschen über ein angebliches Uran-Programm mit der iranischen Regierung sowie die Beschwerde eines Vertreters der jüdischen Gemeinde über angeblichen Antisemitismus unter der Chávez-Regierung. Diese journalistische Selektion legt es in schon fast karikaturhafter Art und Weise auf die Bestätigung bekannter Propagandamotive an.

Im Fall der Venezuela-Berichte ist Juan Jesús Aznárez für die Auswahl und Bearbeitung zuständig. Er arbeitete als Korrespondent während des Putsches im Jahr 2002 für El País in Venezuela und hielt damals engen Kontakt zur spanischen Botschaft, der US-Botschaft und zu den Putschisten. Gegenüber einem Kollegen soll Jesús Aznárez kurz vor dem Putsch geäußert haben: "Chávez wird noch merken, wer Jesús de Polanco (Besitzer von Prisa/El País) ist. Der hat immer erreicht, was er wollte. Wir sprechen uns in ein paar Tagen." Tatsächlich hatten El País und auch die damalige Aznar-Regierung die Putschisten offen unterstützt.

Weitere Kategorien von Meldungen aus dem WikiLeaks-Material beschäftigen sich mit persönlichen Einschätzungen fortschrittlicher Präsidenten. Aus Bolivien wird über die Krebs-Erkrankung von Evo Morales berichtet, aus Argentinien und Paraguay werden persönliche Einschätzungen von Cristina Fernández Kirchner und Fernando Lugo angefordert. Interessant sind bei diesem Meldungen immerhin die Einblicke in das geheimdienstliche Geschäft des Außenministeriums. So suchen die Botschaftsmitarbeiter u.a. nach "biometrischen Daten inklusive Fingerabdrücke, Gesichtsbilder, Irisscans und DNA" von gewählten Politikerinnen und Politikern.

Die einzig politisch brisante Depesche stammt aus Tegucigalpa und wurde von Botschafter Hugo Llorens einen Monat nach dem Putsch im Juni 2009 versendet. Der Botschafter teilt Washington mit, dass es "keinen Zweifel mehr daran (gibt), dass die Amtsübernahme durch Roberto Micheletti illegitim war." Hugo Llorens bezeichnete die Vorgänge klar als einen Putsch und widerlegt die scheindemokratischen Vorwürfe der Putschisten gegen den gestürzten Präsidenten Manuel Zelaya. Brisant ist diese Einschätzung deshalb, weil das US-Außenministerium genau diese Verurteilung als Putsch vermied und stattdessen auf eine Anerkennung der De-Facto-Regierung drängte - ein skandalöser Widerspruch der bisher keinem der beteiligten Medienunternehmen erwähnenswert schien.

WikiLeaks vor Konsequenzen

Interessant an dieser Depesche aus Tegucigalpa sind außerdem die Empfänger. Darunter befindet sich der Rechtsberater des Außenministeriums, Harold Hongju Koh. Der drohte unmittelbar vor der bevorstehenden WikiLeaks-Veröffentlichung deren Sprecher Julian Assange in einem offenen Brief. Inzwischen läuft eine weltweite Kampagne von privaten Unternehmen und Regierungen gegen WikiLeaks. Die E-Commerce-Giganten Amazon und die ebay-Tochter paypal schlossen dem Projekt die Konten. Internet-Service-Provider sperren die Adressen und Unbekannte attackieren die Webseiten des Projektes durch digitale Angriffe.

In den USA wetteifern Politiker und Journalisten mit blutrünstigen Szenerien. Ein früherer Gouverneur von Arkansas fordert, die Verantwortlichen für die Enthüllungen hinzurichten. Eine Kommentatorin von Fox News meinte, der mutmaßliche Whistleblower Mannings sollte exekutiert werden und Sarah Palin verlangt, dass Assange "zur Strecke gebracht wird." Auf den Punkt brachte die Stimmung ein Berater des kanadischen Premierministers. Stephen Harper empfahl im Interview mit dem Sender CBC, Assange sollte ermordet werden und verwies auf ein wichtiges Symbol der US-Außenpolitik: Präsident Barack Obama könne dafür eine Drohne einsetzen.

Für Internet-Aktivisten bietet die vergangene Woche ein Menge Lehrstoff. Herausragend und zu allererst muss sich WikiLeaks fragen lassen, warum das Projekt sich stillschweigend von seinem selbst gegebenen Auftrag - bisher geheime Materialien zu veröffentlichen - verabschiedet hat. Die Kooperation mit privaten Medienunternehmen, die wirtschaftlich und durch ihre redaktionelle Linie genau der Außenpolitik verpflichtet sind, die mit der Veröffentlichung kritisiert werden sollte, ist ein vorhersehbarer Flop. Mit dieser Praxis bedient WikiLeaks weich aufbereitetes Entertainment und stellt sich als neue Rohstoffmine für ein altes System zur Verfügung.

Trotz des Pseudo-Charakters der Veröffentlichung sieht sich WikiLeaks mit härtesten Angriffen aus der globalen Politik und Wirtschaft konfrontiert. Vertreten bei diesen Firmen sind sowohl alte wie neue Kommunikationsunternehmen. Ein Projekt wie WikiLeaks, d.h. Meinungsfreiheit überhaupt, ist langfristig auf öffentliche und demokratisch verwaltete Netzinfrastrukturen und Medien angewiesen, die von Staat und Wirtschaft so unabhängig wie möglich sind.

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