2. Aug 2011 | Argentinien | Politik | Soziales

Tödliche Gewalt gegen Landbesetzer in Argentinien

Mindestens vier Tote nach Räumungsbefehl im Norden des Landes. Linker Gouverneur vermutet politische Sabotage

DruckversionEinem Freund senden

Buenos Aires. Drei tote Landbesetzer, ein toter Polizist, 50 Verletzte, unter ihnen drei Schwerverletzte in Intensivbehandlung, sind die vorläufige Bilanz einer gewaltsamen Räumungsaktion durch Sicherheitskräfte im Norden Argentiniens. Laut Medienberichten war es in der 50.000-Einwohner-Ortschaft Libertador General San Martín in der an Bolivien und Chile grenzenden Provinz Jujuy am Donnerstagmorgen zu einer vierstündigen Auseinandersetzung zwischen Einheiten der Polizei und Landbesetzer-Familien gekommen.

Mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen waren 350 Polizisten auf das 15 Hektar große Grundstück vorgedrungen, das von rund 700 Familien besetzt gehalten wird. Kurz zuvor hatte ein Distriktsgericht die sofortige Räumung des Geländes angeordnet, das vom Zucker-Konsortium "Ledesma S.A. I.I." beansprucht wird. Das Unternehmen kontrolliert den gesamten Landbesitz rund um das Stadtzentrum von San Martín.

Unmittelbar nach dem Eindringen der Sicherheitskräfte auf das von Notunterkünfte und Zelte bebaute Areal war es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Bewohnern gekommen, so Augenzeugen. "Wir wissen noch nicht wie viele Tote es gibt, viele Menschen kämpfen noch um ihr Leben", berichtet Krankenhaus-Direktor Roberto Maizel. "Es ist wie in einem Kriegsgebiet", schilderte der Mediziner gegenüber lokalen Medien.

"Das war ein Massaker", verurteilte Enrique Mosquera, Partei-Chef der linken Strömung für Klasse und Kampf (CCC) die Gewalteskalation gegenüber der Tageszeitung La Razón. Wenig später griffen in der Provinzhauptstadt San Salvador Unbekannte den Sitz der Regierung von Jujuy an. Provinz-Gouverneur Walter Barrionuevo von der sozialdemokratisch-peronistischen "Front für den Sieg" (FPV) verurteilte am Freitag das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte. Kurz zuvor war sein Regierungschefs Pablo La Villa zurückgetreten. Am Freitag forderte eine CCC-Demonstration von der Regierung in Buenos Aires zusammen mit Gewerkschaften und sozialen Organisationen "Aufklärung und exemplarische Bestrafung der Schuldigen für den Gewaltausbruch".

Hinter dem Räumungsbefehl vermutet der linke Gouverneur Barrionuevo angesichts anstehender Provinzwahlen Interessen von Opposition und Unternehmern. Der politische Verbündete der Kirchner-Regierung verurteilt den Abstand zwischen Arm und Reich im Wahlprogramm als "nicht tolerierbar". Die nationale Oppositionspolitikerin Silvana Giudici machte hingegen die "inkompetente Regierung und skandalöse Korruption" der Kirchner-Regierung für die "landesweite Wohnungskrise" verantwortlich.

Vor genau 30 Jahren war eine Landbesetzung in derselben Ortschaft von der damaligen Militär-Diktatur beendet worden, ebenfalls mit vielen Toten und Verschwundenen.

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Abonnieren Sie unseren täglichen oder wöchtenlichen E-Mail-Newsletter » jetzt eintragen

Ähnliche Inhalte: Landkonflikt

Gewalt und Chaos regiert im Norden von Honduras

Gewaltsame Räumung einer Siedlung in Bajo Aguán

Steigende Aggressionen gegen Kleinbauern. Anstieg militärischer und paramilitärischer Aktivitäten in der Region Bajo Aguán

Tocoa/Bajo Aguán. Das lokale Menschenrechtszentrum OPIDHA in Bajo Aguán hat auf erneute schwere Menschenrechtsverletzungen und die weiterhin stark angespannte Situation in der  … weiter >

Brasilien: Morddrohung gegen Indigenenaktivist wird untersucht

Guaraní-Mädchen

Brasília. Brasilianische Behörden wollen eine Morddrohung gegen den Guaraní-Aktivisten und Anthropologen Tonico Benites untersuchen. … weiter >

Über 12.000 Hektar Land in Honduras besetzt

Szene in Bajo Aguán

Tegucigalpa. In Honduras haben Bauernorganisationen über 12.000 Hektar Land besetzt. Die Aktionen begannen am 17. April, dem internationalen Tag des kleinbäuerlichen Widerstands. … weiter >