12. Aug 2010 | Bolivien | Politik

Morales fordert "nationalen Pakt"

Boliviens Präsident versucht am Nationalfeiertag eine Annäherung an die rechte Opposition

DruckversionEinem Freund senden

La Paz. Es war zweifelsohne ein denkwürdiger Moment, als Boliviens linker Staatspräsident Evo Morales am Freitag vor Parlamentariern, Regierungsmannschaft und den Granden der bolivianischen Tieflandoligarchie eine viel beachtete Rede hielt. Zum ersten Mal in 185 Jahren republikanischer Unabhängigkeit, die am 6. August mit Militärparaden und Straßenfesten landesweit begangen wurde, war die Boomtown und rechte Oppositionshochburg Santa Cruz de la Sierra als Ort der offiziellen Feierlichkeiten ausgewählt worden.

Die "Gesetzgebende Plurinationale Versammlung" (ALP), seit Inkrafttreten der neuen Verfassung Name des bolivianischen Kongress, hatte sich im überquellenden Salón Chiquitano des Expocruz-Messegeländes versammelt, Stolz des mächtigen Agrobusiness. Das Publikum staunte nicht schlecht, als Morales zu sprechen ansetzte. Nach viereinhalb Jahren Amtszeit hätten "Regierung und Staat noch immer strukturelle Schwächen im Kampf gegen den Schmuggel, Drogenhandel und die Realisierung von Investitionen", so Morales offenherzig. "Damit wir nicht nur von Mineralien und Gas abhängen" forderte Morales die "Partner im Inneren" zu mehr Investitionen auf. Er habe kein Verständnis dafür, dass seine "Regierung der Mitte" bei internationalen Entwicklungsbanken wie der Weltbank Klinken putzen müsse: "Wir können unsere eigenen großen Projekte finanzieren".

Nur wenige Meter von dem Messestand entfernt, wo Spezialeinheiten 2009 das Waffenlager einer ausländischen Terrorzelle ausgehoben hatte, bat der Chef des Palacio Quemado um "Vertrauen". Bis heute ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die aufgeflogene Söldnergruppe um den ungarisch-bolivianischen Kroatienkrieg-Veteranen Eduardo Rosza Flores und seine Auftraggeber, die man im direkten Umfeld des Präfekten von Santa Cruz, Rubén Costas, und dem Unternehmerbündnis "Komitee Pro Santa Cruz" vermutet.

Das Oppositionslager begann die "hoffnungsvollen" Signale des Präsidenten auszuschlachten. "Evo hat gemerkt, dass er mit seinen hetzerischen Reden nicht weiter auf Gewalt setzen kann", polemisierte die rechte Senatorin Centa Reck. Germán Antelo, Senator der Latifundisten, freute sich, die "Anerkennung von Fehlern leitet hoffentlich die Etappe der Zusammenarbeit ein".

Der neoliberale Ex-Senatschef Oscar Ortíz verkaufte die Bolivianer mit der Erklärung für dumm, der sozialistische Präsident habe "das produktive Modell von Santa Cruz als ein Beispiel für den Fortschritt" anerkannt. Soweit ist man in La Paz sicher nicht. Zur Überwindung der historischen Abhängigkeit vom globalen Rohstoffmarkt kann die MAS-Regierung aber in der Tat nicht allein auf Verstaatlichung setzen. Auf die Wirtschaftselite im eigenen Land kann nicht verzichtet werden - ein schwieriger Spagat.

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Abonnieren Sie unseren täglichen oder wöchtenlichen E-Mail-Newsletter » jetzt eintragen

Ähnliche Inhalte: Evo Morales + Rubén Costas

Bolivianischer Gesundheitskonflikt kurz vor Lösung

La Paz. In Bolivien steht eine Lösung des Konflikts im Gesundheitssektor kurz bevor. Gesundheitsminister Martín Maturano ist optimistisch, dass sich sowohl mit dem seit fast zwei Monaten streikenden Krankenhauspersonal als auch mit dem Gewerkschaftsdachverband COB noch diese Woche eine Lösung finden lässt. … weiter >

6. Mai | Bolivien | Politik | Soziales

Bolivianische Regierung will Mindestlohn erhöhen

La Paz. Boliviens Wirtschaftsminister Luis Arce Catacora hat angekündigt, den gesetzlichen Mindestlohn um 20 Prozent auf knapp 1.000 Bolivianos (ca. 140 US-Dollar) zu erhöhen. Die Gehälter im Gesundheits- und Bildungssektor sollen um acht Prozent angehoben werden. … weiter >

Bolvien verstaatlicht Stromnetzbetreiber

La Paz. Präsident Evo Morales hat am 1. Mai die Verstaatlichung des bolivianischen Stromnetzbetreibers Transportadora de Electricidad (TDE) verkündet. Bolivien übernimmt damit die Kontrolle über die 73 Prozent des Stromnetzes des Landes, die bisher von dem Unternehmen betrieben worden sind. … weiter >