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Zufrieden in Venezuelas "Wahl-Diktatur"

Wie eine Gallup-Umfrage die gängige Venezuela-Berichterstattung in Frage stellt

Dieses Ergebnis wirft Fragen auf: Nach einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Gallup geben 64 Prozent der Venezolaner an, mit ihrer Lebenssituation zufrieden zu sein (amerika21.de berichtete). Das südamerikanische Land, dessen Regierung in den vergangenen zehn Jahren massiv in den Ausbau des Sozialsystems investiert hat, findet sich damit an sechster Stelle in der globalen Statistik. In Deutschland wählten nur 44 Prozent der Befragten die Es-geht-mir-gut-Option.

Die Resultate der Umfrage wurden unter anderem in der Berliner Morgenpost aus dem Hause Axel Springer veröffentlicht, in dessen Medien Venezuelas Staatschef schon mal als "gewählter Diktator" tituliert wird. Ähnliche Bezeichnungen werden im Internet von Amateurmedien abgeschrieben.

Wir meinen: Die Diskrepanz zwischen Umfrage und Berichterstattung lädt zum Nachdenken ein.

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Kommentare

Sehr geehrte Redaktion von

Sehr geehrte Redaktion von Portal Amerika21.de

Ich wohne in Venezuela seit Chavez Präsident ist. Zwar nicht durchgängig, weil ich berufsmässig viel unterwegs bin, aber immerhin so oft, dass ich mir einbilde, die Situation in Venezuela einschätzen zu können. Ich liebe das Land und die Menschen, aber leider kann ich die 64% Zufriedenheit nicht nachvollziehen.
Im Gegenteil es geht steil bergab!
- Die ärmeren Menschen werden immer ärmer (Statistiken sind manipulierbar, wie jeder weiss)
- Die "Barrios" sind hoffnungslos überfüllt. Ich meine nicht die "normalen" Barrios, sondern die Barrios, die auf freiem Gelände am Rande einer jeder Stadt entstehen. Jeder kann das auf Google-Earth nachvollziehen, indem er sich an Peripherie der Grosstädte heranzoomt und die Zeitschiene benutzt.
- In denen von Chavez mit viel Propanda eröffneten Einkaufsläden für die ärmere Bevölkerung (Mercal) gibt es kaum noch etwas zu kaufen.
- Die Strassen sind in einem katastrophalen Zustand und nachts kaum noch zu passieren (Schlaglöcher ohne Ende)
- Die „Intelligenz“ des Landes verschwindet immer mehr
- Die von Chavez vor einigen Jahren initiierten Hochgeschwindigkeits-Trassen für ebensolche Züge verkommen zu Ruinen. Seit zwei Jahren sehe ich dort (z.B. Caracas-Valencia) kein Vorankommen.
- Die Preise für Grundnahrungsmittel sind in den letzten zwei Jahren enorm gestiegen, ohne dass die Löhne angehoben wurden.
- Supermarktketten werden verstaatlicht, was zur Folge hat, dass diese von ahnungslosen „Amigos“ weitergeführt werden, somit die Logistik fehlt und die Regale leer bleiben (siehe Marcal)
- Die bei der Bevölkerung und mir sehr beliebten Nahrungsmittel, wie z.B. AREPAPAN“ (Maismehl) werden sanktioniert und stehen nur noch „ab und zu“ in den Regalen. Was wohl damit zu tun hat, dass Chavez Probleme mit dem Multi-Konzern „POLAR“ hat.
- Mangelwirtschaft überall wo man hinsieht (beste DDR-Kultur)

Viele Ansätze von Chavez waren zwar richtig und notwendig, aber mit den Jahren ist bei ihm wohl der „Draht“ zur Bevölkerung abhanden gekommen. In nicht nur meinem Berufszweig nennt man so etwas „Betriebsblindheit“, wenn man sich zu sehr an die Umstände gewöhnt hat und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Dann wir eben gerodet bis alles platt ist und dann wird das Staunen gross sein, wenn der Blick auf das grosse Nichts wieder frei ist.

Mit freundlichem Gruss
Gerhard C. Riedel

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23.04.2011 Nachricht von Maxim Graubner