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22.11.2007 International / Venezuela

"Für eine Revolution der OPEC"

Aus der Rede des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zur Eröffnung des 3. Gipfels der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC)

Heute übergebe ich dir die Präsidentschaft der Konferenz der Staats- und Regierungschefs unserer OPEC. Ich überantworte sie nach sieben Jahren intensiver Arbeit seit jenem unvergesslichen Gipfeltreffen von Caracas im September des Jahres 2000, als das XXI. Jahrhundert begann.

Ich möchte an erster Stelle und so kurz wie möglich daran erinnern, wie die OPEC entstand. Die OPEC wurde, wie wir wissen, 1960 geboren. Sie entstand im Zeichen großer Kämpfe, die sich auf der ganzen Welt gegen den Kolonialismus entfesselten.

Bouteflika (angesprochen wird der Präsident Algeriens, d. Red.), ich war ein Kind von sechs Jahren, als du schon im Kampf für die Befreiung Algeriens standest. Wir alle hier, unsere Völker, haben unsere Schlachten geschlagen, die "dritte Welt", wir über Jahrhunderte kolonialisierten, überfallenen und ausgeplünderten Völker. Das waren jene 60er Jahre. Damals hatte die kubanische Revolution gesiegt, es entfesselten sich die antikolonialistischen Kämpfe in Lateinamerika, in der Karibik, in Afrika, in Asien. Es erhoben sich die Banner des Sozialismus, die Suche nach einem Weg der Gleichheit, der Gerechtigkeit und des Friedens.

In jenen Jahren wurde kraftvoll die Bewegung der Nichtpaktgebundenen geboren, später die Gruppe der 77. Was für intensive Zeiten waren das! In jenen Jahrzehnten, in den 60er und den 70er Jahren, wurde also die OPEC geboren und etablierte sich. Sie entstand als ein neuer geopolitischer Akteur auf der Weltbühne, daran besteht kein Zweifel. Sie war nicht nur ein ökonomischer, technokratischer Akteur, um den Markt und die Ölpreise zu vereinbaren. Die OPEC wurde mit einer äußerst wichtigen geopolitischen Bestimmung geboren. Es waren die Zeiten, daran müssen wir erinnern, der bipolaren Welt. In dieser Situation bezogen die entwickelsten Länder der Welt unter der Führung der Vereinigten Staaten von Amerika gegen die OPEC Stellung.

Ich erinnere mich an die Äußerungen eines nordamerikanischen Präsidenten namens Ronald Reagan, der forderte: "Zwingen wir die OPEC in die Knie". Und es ist ihnen gelungen. Sie haben die OPEC nicht nur in die Knie gezwungen, sie haben sie fast in Stücke geschlagen. Das gelang ihnen nach den 70er Jahren, nach dem ersten Gipfel der Staats- und Regierungschefs von Algier 1975. (...)

Ich lade dazu ein, dass wir noch einmal die Abschlusserklärung von damals lesen (...), die von der ersten Konferenz der Staatschefs in Algier am 6. März 1975 verabschiedet wurde. Aus dem Text spricht eine politische OPEC, eine OPEC, die mehr als politisch war: sie war revolutionär. Man sprach damals viel von "Revolution der OPEC".

Es war eine OPEC, deren Anführer zum Beispiel das Folgende sagten, und ich lese diesen Abschnitt vor: "Die Souveräne heben hervor, dass die Ursache für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise grundsätzlich in den tiefen Ungleichheiten im wirtschaftlichen und sozialen Prozess der Völker begründet liegt, denn diese für die Unterentwicklung charakteristischen Ungleichheiten wurden grundsätzlich durch die ausländische Ausbeutung geschaffen und verschlimmert und haben sich im Verlauf der Jahre verschärft, weil eine angemessene internationale Kooperation für die Entwicklung gefehlt hat. (...)"

Später gaben sie weitere antiimperialistische Erklärungen ab. "Sie klagen an", heißt es hier - hör gut zu, Bouteflika: "Sie klagen auch jede Gruppierung von Verbrauchernationen an, die die Konfrontation suchen, und verurteilen ebenso jeden Plan oder jede Strategie, die zur Aggression gegen einige Mitgliedsländer der OPEC ausgearbeitet wurden".

Die OPEC-Länder kämpften für die soziale Gerechtigkeit, für die Gleichheit in der Welt; für die Nord-Süd-Kooperation und den Respekt für die Souveränität unserer Völker, nicht nur der hier vertretenen Völker, nicht nur der Mitglieder der OPEC, sondern alle Völker der "dritten Welt". Es war eine solidarische OPEC, eine OPEC, die die Führung der Welt des Südens in den Kämpfen um Entwicklung übernimmt; eine bewahrende OPEC, die den Konsumentenländern einen nachsichtigen Umgang mit Erdöls empfiehlt, einer nicht unerschöpflichen und nicht erneuerbaren grundlegenden Ressource; eine OPEC, die Mechanismen zur Garantie der Belieferung zu einem gerechten Preis etabliert; eine OPEC, die sich Entwicklungsprogramme vornimmt, besonders für die Kooperation mit den ärmsten Völkern des Planeten; eine OPEC für die Geopolitik, eine zweifellos revolutionäre OPEC. Deshalb müssen wir die Deklaration von Algier heute immer und immer wieder lesen.

So wurde die OPEC geboren. Und wir wissen, was dann geschah: Die bipolare Weltordnung ging zu Ende, die Sowjetunion brach zusammen, siegreich wurde das Banner des Neoliberalismus und der imperialistischen Welthegemonie der Vereinigten Staaten erhoben, ein guter Teil der Kämpfe der "dritten Welt" wurde eingestellt, es kam der Washington Consensus und damit die Stagnation der OPEC und ihr gefährlicher Niedergang, der ihr fast den Tod brachte. In diesem Kontext verfielen die Preise des Erdöls auffällig, Investitionen und Technologie verfielen ebenso. Als die Idee aufkam, zu einem zweiten Treffen von Staats- und Regierungschefs einzuladen, hatten wir gerade die Revolutionäre Bolivarische Regierung in Caracas gebildet. Wir begannen ab 1999, dem ersten Jahr unserer Regierung, die Kontakte zu pflegen, organisierten die ersten Treffen und Reisen und dank euch, dank des Königs Fahd - ich möchte diesem guten Bruder und guten Freund Ehre erweisen - und dank euch aller und der Zusammenarbeit aller Länder unserer Organisation führten wir jenes denkwürdige Treffen in Caracas im September 2000 durch, über das wir sagen könnten, dass dort die OPEC wiedergeboren wurde. Dort wurde die OPEC wiedergeboren und es begann ein Prozess der Stärkung, der in diesen sieben Jahren nicht zum Stillstand gekommen ist. (...)

Als ich die Präsidentschaft dieser Konferenz im Jahr 2000 erhielt, lag der Preis des Barrel Erdöl bei etwa zehn US-Dollar, heute übergebe ich ihrer Majestät die Präsidentschaft mit einem Preis von 100 Dollar pro Barrel. Ich bin sicher, dass es ihrer Majestät und uns allen gelingen wird, den gerechten Preis für unser Erdöl zu festigen.

Schließlich möchte ich für diese sieben Jahre alle Regierungen, Präsidenten, Emire, ihre Majestät König Abdullah, allen Ministern, unseren Generalsekretären - es gab einige in diesen sieben Jahren - zu dieser intensiven Arbeit und den hervorragenden Ergebnissen beglückwünschen. Heute steht die OPEC aufrecht vor der Welt, stark wie nie zuvor. Und das ist auch notwendig!

Bevor ich die Präsidentschaft der Konferenz aber an unseren Bruder, König Abdullah, übergebe, möchte ich die Prinzipien bekräftigen, nach denen unsere Organisation geboren wurde und vorschlagen, dass wir die OPEC weiter von innen heraus stärken und mehr noch: dass die OPEC in den kommenden Jahren zu einer aktiven politischen Vertreterin wird, einer politischen, geopolitischen Akteurin mit verschiedenen Zielen.

Erstens, um Respekt für unsere Länder einzufordern, wie es in Algier 1975 hieß, um einzufordern, dass die mächtigsten Länder der Erde ihre Drohungen gegen die Länder der OPEC einstellen. Denn in all diesen sieben Jahren, das wisst ihr sicher, mussten wir Venezolaner imperialistischen Aggressionen, Staatsstreichen, Verschwörungen, Mordversuchen widerstehen. Und der Hauptgrund für all diese Aggressionen ist das Erdöl.

Wir haben die Situation im Irak gesehen und sehen sie noch immer. Wir sind Zeugen der ständigen Drohungen gegen den Iran. Ich denke, die OPEC muss sich in dieser Lage stärken und die Respektierung der Souveränität unserer Völker einfordern, wenn die entwickelte Welt die Belieferung mit Erdöl garantiert haben will.

Mich hat vor einigen Tagen in Santiago de Chile jemand nach den Drohungen gegen Venezuela und den Iran gefragt und ich habe geantwortet: "Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika so verrückt sind, Iran zu überfallen oder erneut Venezuela anzugreifen, wird der Ölpreis vermutlich nicht auf 100 Dollar steigen, sondern auf bis zu 200 Dollar klettern". Wir brauchen Stabilität, wir brauchen Ruhe und wir benötigen, dass die Weltmächte die Hoffnung nicht aufgeben. Wir garantieren sichere Lieferungen und wir können gut mit diesen großen Konsumentenländern kooperieren, um ihnen Stabilität auf dem Markt und Stabilität bei den Preisen zu bieten. Aber ich bitte auch darum, Exzellenz, Exzellenzen, dass die OPEC sich als weiterer Akteur an die Spitze stellt, als Vorhut im Kampf gegen die Armut und das Elend in der Welt, in Lateinamerika, in Afrika, in Asien.

Ich glaube, wir haben hier eine Schuld, die wir in den kommenden Jahren gut begleichen können. Die OPEC müsste sich unserer Ansicht nach bei der Ausgestaltung einer neuen internationalen Wirtschaftsstruktur an die Spitze stellen. Daher schlagen wir die Gründung einer Bank der OPEC vor, um unsere eigenen Ressourcen in dieser Bank anzulegen und damit unsere Länder weiter zu entwickeln und den ärmsten Ländern zu helfen, den ärmsten Ländern der "dritten Welt".

Die OPEC kann die Forschung hervorragend ausbauen, die Suche nach alternativen Energiequellen, um den künftigen Generationen Energie zu sichern. Die OPEC kann hervorragend ihre Aktivitäten ausdehnen, um bei der Lösung der Klimaprobleme zu helfen, die die Menschheit bedrohen. Die OPEC kann sich schließlich, Exzellenz, in einen viel stärkeren Akteur entwickeln auf der geopolitischen Ebene, der geoökonomischen Ebene, der sozialen Ebene, in den Kämpfen um Entwicklung, bei der Suche nach Frieden, nach dem universellen Ausgleich, nach dem Weg der Gerechtigkeit. Venezuela wird, gemeinsam mit euch, weiter dafür kämpfen.

Ich möchte außerdem den Beitritt von Angola und Ecuador zur OPEC hervorheben. Denkt daran: Vor sieben, acht Jahren war die OPEC Opfer zentrifugaler Kräfte. Venezuela stand damals vor dem Austritt aus der OPEC. Die früheren Regierungen Venezuelas waren wie ein trojanisches Pferd. Sie verletzten die Quoten, sie griffen die Einheit der OPEC an. Heute haben wir eine OPEC mit 13 Mitgliedern und weiteren Ländern, die beitreten möchten.

Ich habe mit Lula gesprochen, dem Präsidenten Brasiliens. In Brasilien haben sie vor wenigen Wochen große Erdölvorkommen in den Tiefen des Ozeans entdeckt, und Lula hat gesagt, Brasilien stelle sich als strategisches Ziel den Beitritt zur OPEC.

Dies ist eine Organisation, die immer stärker wird und die für einen starken Markt mit gerechten Erdölpreisen eintritt. Denen, die uns kritisieren, weil wir den Markt manipuliert hätten, um die Erdölpreise steigen zu lassen, muss eines gesagt werden: Der Preis von 100 US-Dollar pro Barrel entspricht praktisch den Preisen von 30, 35 Dollar in den 70er Jahren entspricht. Es ist ein gerechter Preis.

Riad, Saudi-Arabien, 17. November 2007


Ein Video der Rede finden Sie hier http://www.kaosenlared.net/noticia.php?id_noticia=45721.

Der Text basiert auf einer Übersetzung der Rede durch die Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela in Deutschland. Er wurde redigiert und u.a. um die weitreichende Einleitung, Redundanzen und religiöse Bezüge gekürzt.

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