Venezuela

Zukunft aus der Klassik

Das »Sistema« Simón Bolívar will in Venezuela »Klarinette statt Knarre«

Die junge Philharmonie »Simón Bolívar« holt Kinder und Jugendliche von den Straßen Venezuelas in den Konzertsaal. Das funktioniert so gut, dass nicht nur das Orchester international gefeiert wird, sondern auch das Ausbildungsmodell auf weltweites Interesse stößt.

»Más intenso, muchachos«, bittet Gustavo Dudamel mit fordernder Stimme und hebt den Dirigentenstab, um den Einsatz wiederholen zu lassen. Nach dem zweiten Einsatz, folgt der Dritte. Dann scheint der 26-jährige Derwisch am Dirigentenpult zufrieden, lächelt kurz und weiter geht's im Repertoire. Das hat es in sich, denn beim Gastspiel heute in Lübeck steht die fünfte Symphonie von Gustav Mahler auf dem Programm und obendrein noch die symphonischen Tänze von Leonard Bernstein. Kein Pappenstiel für die 220 Mitglieder des Orchesters, die am Dienstag in Essen ihre vierte Deutschland-Tournee begannen. Am Freitagabend verzauberten sie das Publikum im Leipziger Gewandhaus mit ihrer Spielfreude, am Samstag kommen sie in die Dresdner Semperoper und danach geht es weiter nach Bonn und Frankfurt (Main).

Emotionen will Dudamel hören, wenn er dirigiert und so dirigiert der junge Mann mit dem wippenden Lockeneinsatz auch - mit vollem Körpereinsatz. Bei den Musikern kommt dieses unbändige Engagement an. »Er kitzelt auch noch das Letzte aus uns heraus, treibt uns immer weiter nach vorn«, sagt Galaxia del Universo Zambrano. Die 23-jährige spielt Harfe und ist seit weit mehr als zehn Jahren im »Sistema«. Sistema ist die geläufige Kurzfassung für Fundación del Estado para el Sistema de Orquesta Juvenil e Infantil de Venezuela (FESNOJIV), der Stiftung, die sich dem Ziel verschrieben hat der Jugend des Landes die klassische Musik zugänglich zu machen.

Mehr als 250 000 Kinder und Jugendliche hat das »Sistema« bisher mit Geige, Querflöte und Co. ausgerüstet, um ihnen eine Alternative zum Rumhängen auf der Strasse zu bieten. »Die Straße steht in Caracas für Kleinkriminalität, Drogenkonsum und Perspektivlosigkeit«, erklärt Andrés Ascanio. Der 20-Jährige mit dem dünnen Kinnbärtchen stammt im Gegensatz zu Galaxia aus Caracas und spielt Trompete im Premiumorchester des »Sistema«. Über seinen Vater ist er zum Jugendorchester gekommen. Der gehört quasi zum Inventar, denn 1975 war er unter den elf, zwölf Jugendlichen, die der Komponist, Musiker und Ökonom José Antonio Abreu in einer Garage um sich scharte, um ihnen klassische Musik nahe zu bringen. Das war die Keimzelle für ein Netz von Schulen, die sich mittlerweile über das ganze Land erstrecken. 15 000 Musiklehrer unterrichten dort 250 000 Kinder und Jugendliche, die zu 90 Prozent aus einfachen oder sozial schwachen Familien stammen.

Anders als hierzulande steht nicht zuerst Theorie auf dem Stundenplan, sondern Praxis. Die Kinder bekommen Instrumente geschenkt, werden angehalten, von Beginn an zu spielen und zügig in 120 Jugend- und 60 Kinderorchester integriert. Und das Konzept unter der Devise »Klarinette statt Knarre« geht auf und wird stetig ausgeweitet. Auf eine Million Schüler soll das »Sistema« in den nächsten Jahren ausgebaut werden und an Lehrern herrscht kein Mangel. Das zeigt schon das Beispiel von Andrés. Für den ist es vollkommen normal, Jüngere zu unterrichten und auch Gustavo Dudamel hat lange als Ausbilder in Caracas gearbeitet.

Das merkt man dem 26-jährigen Wunderknaben, den Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, als »faszinierendsten Dirgienten, den ich kenne«, bezeichnete, an. Geduldig, zugleich bestimmt und fordernd geht er mit seinen Musikern um, lobt, motiviert, kritisiert und findet scheinbar immer den richtigen Ton. »Es gibt keine Distanz zwischen uns und ihm, wir haben fast alle den gleichen Weg hinter uns und sprechen die gleiche Sprache«, erklärt Andrés. Der würde gern wie Kontrabassist Edicson Ruíz einmal bei den Berliner Philharmonikern spielen. Für Andrés gehört Dudamel bereits zu den großen Dirigenten. Und er kann es beurteilen, denn schließlich hat er schon unter den Koryphäen Sir Simon Rattle und Claudio Abbado gespielt, die beide in Caracas zu Besuch waren.

Rattle sieht in den Strukturen, die in Venezuela aufgebaut wurden, schlicht die »Zukunft der klassischen Musik«. Und an der will auch Dudamel weiter mitarbeiten. Der Nachwuchsdirigent, der ab Herbst in Göteborg und ab Frühjahr 2008 auch in Los Angeles dirigieren wird, will seiner musikalischen Heimat, dem Jugendorchester, nicht untreu werden. Vor dem künstlerischen Spagat zwischen alter, neuer und neuester Welt - gemeint ist Lateinamerika - hat Dudamel keine Bange. Er will jedem Orchester einen speziellen Klang geben. Der von »seinem« Jugendorchester ist schon recht ausgeprägt.

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