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Schweben statt Stressen

Bolivien baut das größte urbane Seilbahnnetz der Welt. Wie bereits Städte in Venezuela, Brasilien und Kolumbien erhält La Paz ein Verkehrsmittel, das über den wild gewachsenen Siedlungen schwebt
Evo Morales bei der Einweihung der "Roten Linie"

Evo Morales bei der Einweihung der "Roten Linie"

Am 30. Mai 2014 eröffnete der bolivianische Präsident Evo Morales die "Linea Roja“ des Teléferico. Sie ist eine von insgesamt drei Seilbahnlinien, die künftig die beiden Städte La Paz und El Alto verbinden. Im September wurde die "Linia Amarilla" eingeweiht und am 4. Dezember ging die "Linea Verde" in Betrieb.
 
Die Masten des Teleférico ragen wie große Bäume aus den von Backsteinhäusern überzogenen Hängen von La Paz. Die drei Linien der Luftseilbahn verbinden zukünftig die Satellitenstadt El Alto mit dem 400 Meter tiefer gelegenen La Paz. Mit einer Gesamtlänge von fast zehn Kilometern, verteilt über 14 Stationen werden zukünftig über 443 Gondeln im 12 Sekundentakt über 17 Stunden täglich Menschen schnell und sicher transportieren und das radikal überforderte Verkehrssystem der beiden Metropolen entlasten.  

Vorreiter Medellín 

In südamerikanischen Metropolen gibt es bereits einige Seilbahnen. Vorreiter war die kolumbianische Stadt Medellín. In den 90er Jahren galt Medellín als "Mordmetropole". Durch den Bau der Seilbahn konnte die Stadt nicht nur ihre Verkehrsprobleme mildern, sondern auch die Gewalt reduzieren. Die Seilbahn gilt als Statement: Die Politik tut etwas für die Menschen im Viertel; die Menschen des Barrios sind nicht minderwertig.
 
Dieses Statement ist psychologisch wichtig, denn es reduzierte Verbitterung und Aggression und förderte Selbstbewusstsein und Zuversicht. Die Anwohner nennen die Seilbahn "Poesie in den Wolken", dort wo die Gondeln drüberschweben, wird alles schön gemacht, um den Passagieren einen guten Eindruck vom Barrio zu geben. Sergio Fajardo, der ehemalige Bürgermeister und Mitinitiator der Seilbahn von Medellín, sagte: "Unsere schönsten Gebäude müssen künftig in unseren ärmsten Gegenden stehen." Auch in Caracas und Rio erhofft man sich mit der Seilbahn ähnlich positive Effekte.

Drohender Verkehrskollaps und hohe Luftverschmutzung

In Bolivien ist es weniger die Einbindung von Slums in die Stadt als vielmehr der drohende Verkehrskollaps, der die Regierung zum Handeln bewog. Der Siegeszug des Autos in Südamerika hat auch Bolivien nicht verschont. 92 Prozent der Luftverschmutzung Boliviens stammen vom motorisierten Verkehr. Die Schadstoffkonzentrationen der Abgase sind besorgniserregend hoch und liegen deutlich über der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwerten. In den vergangenen Jahren verbilligten sich die Benzin- und Gaspreise und der Import von Gebrauchtwagen wurde vereinfacht. In Bolivien landeten vor allem die Wagen, die anderswo aufgrund von Abgastests und Fahrzeugkontrollen durchfielen. In den vergangenen zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der Fahrzeuge auf 1,2 Millionen. 
 
La Paz und El Alto gleichen einem Ameisenhaufen. Rund 30.000 sogenannte "Trufis", meist Kleinbussen und Kombis, drängen sich durch die Strassen und bedienen rund 300 Linien in den Zwillingsstädten in denen insgesamt rund 1,8 Millionen Menschen leben. Jeder Bolivianer kann einen "Linienbus" betreiben. Regeln gibt es so gut wie keine, daher massiert sich der Verkehr zu Stoßzeiten. Einst gab es hier Trams, aber der öffentliche Verkehr ist so gut wie zum Erliegen gekommen.

Ein wegweisender Schub für den öffentlichen Nahverkehr

Politisch passierte lange Jahre wenig, um die Verkehrsituation zu verbessern. Die Konkurrenz zwischen den Stadtregierungen und der Bundesregierung erschwerte das Handeln. Weder einigte man sich auf Abgaskontrollen, noch gab es gemeinsame Pläne für den öffentlichen Nahverkehr.
 
Paradoxerweise führte ausgerechnet dieser politische Konkurrenzkampf  zum Wettrüsten im Bereich des öffentlichen Verkehrs. Die Stadtregierungen von La Paz und El Alto investierten je zehn Millionen US-Dollar für neue, verkehrssichere Busse und den Ausbau eines Busnetzes. Zudem versuchen sie die Minibus-Betreiber mit in das neue Netz einzubinden, um deren scharfen Protesten und gut organisierten Gewerkschaften entgegenzukommen.
 
Die Bundesregierung, die ihren politischen Gegnern nicht alle Lorbeeren überlassen wollte, investierte daher auch massiv in den öffentlichen Verkehr. Rund 234 Millionen Dollar investierte Boliviens Präsident Evo Morales in das Seilbahn-Projekt, das er 2012 entschlossen auf den Weg brachte. 

Alpines Wissen für den urbanen Raum

Den Zuschlag für den lukrativen Regierungsauftrag bekam die österreichisch-schweizerische Doppelmayr/Garaventa-Gruppe, die bereits die Seilbahnen in Medellín und Caracas gebaut hat. Der Marktführer im Bereich der Luftseilbahnen besitzt fundiertes Wissen über den Bau von Seilbahnen im schwer zugänglichen alpinen Bereich. Das Abschmelzen der Gletscher und Schwinden der Skigebiete machte es jedoch nötig sich nach alternativen Geschäftsbereichen umzusehen. Seilbahnen im urbanen Raum sind da ein lohnendes Feld. Javier Tellería, der Geschäftsführer von Doppelmayr in La Paz sagte, die Firma sei stolz auf dieses Projekt. Es sei strategisch und genieße innerhalb des Konzerns eine hohe Priorität. Für den Bau der Seilbahn hat sich die Firma in Bolivien niedergelassen.
 
In Südamerika gibt es ein großes Interesse an Stadtseilbahnen. Tellería sagt: "Der Raum in vielen Städten ist knapp. In La Paz ist praktisch gar nichts anderes möglich als eine Seilbahn." Um eine weitere Straße den steilen Hügel hinauf zu bauen, müssten sehr viele Häuser abgerissen werden und massive Erdbewegungen stattfinden, um eine Trasse in den Berg zu schlagen. Der Bauaufwand ist enorm, kostet viel Zeit und Geld und verschlechtert zudem die Lebenssituation der Stadtbewohner durch vermehrten Lärm und Dreck, den der massive Individualverkehr mit sich bringt.
 
Ganz anders die Seilbahn, deren Bau minimalinvasiv ist und zudem weitere Vorteile mit sich bringt, wie Heiner Monheim, Professor für Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier, berichtet, der sich seit Jahren mit den Potenzialen von Seilbahnen im urbanen Raum beschäftigt. "Der Bau einer städtischen Seilbahn dauert kaum länger als zwei Jahre, die Seilbahn muss auf den Straßenverkehr keine Rücksicht nehmen." In La Paz dauerte es von der Planung bis zur Umsetzung nicht einmal zwei Jahre. 2012 ging der Auftrag raus, Ende 2014 sind alle Linien in Betrieb.

Teléferico - Ein modernes Verkehrsmittel

Schon beim Bau setzte die Regierung konsequent auf neue Technologien: interaktive Karten, bargeldlose Zahlungsmittel und eine multimodulare Bauweise der Seilbahnstationen. Die Stationen sind frisch und modern, farblich auf die jeweilige Linie abgestimmt. In jeder Station gibt es eine Notfallversorgung, Arzt und selbst Sauerstoffversorgung stehen bereit. Vorausschauend wurde auch das Umfeld mit in den Blick genommen und Parkplätze, Buszubringer und Fahrradstationen an den Haltestellen eingerichtet. In der andinen Hochebene von El Alto, wo das Radfahren zunehmend beliebter wird, aufgrund des chaotischen Verkehrs jedoch immer noch recht gefährlich ist, hat nun der Bürgermeister versprochen, einen Fahrradweg von der Seilbahnstation zur Universität einzurichten.
 
In den Stationen sind die Zugänge und Aufzüge behindertengerecht. Die Gondeln bewegen sich relativ langsam (0,2 m/sec), selbst Rollstuhlfahrer und Kinderwagen können leicht zusteigen. Zudem steht Personal bereit, das beim Einsteigen hilft. Der Teléferico ist nicht schnell, aber dennoch das schnellste öffentliche Verkehrsmittel, weil es kaum Wartezeiten gibt. Verpasst man einen Bus, verliert man mindestens zehn Minuten, während bei der Seilbahn die nächste Gondel immer schon in Sichtweite ist.
 
Der Teléferico verkürzt die Zeit die Pendler enorm. Waren sie bisher, eingequetscht in verrosteten Sardinenbüchsen, eine Stunde und länger unterwegs, verkürzt der Teléferico den Weg auf unter 15 Minuten. Auch preislich ist die Fahrt nicht viel teurer als der Bus. Was bei Busunternehmen und Taxifahrern für Unmut sorgt, da sie ihr Geschäft in Gefahr sehen. Um einen Boykott zu verhindern versuchen Nachbarschaftskomitees den schwelenden Konflikt zu schlichten, denn letztendlich geht es darum, die Lebensqualität der Bürger zu verbessern.
 
Äußerst positiv ist die Energiebilanz der Seilbahn, die jedes andere öffentliche Verkehrsmittel weit hinter sich lässt. Sie entspricht etwa der von Fahrrädern: Bezöge man den Strom für den Antrieb aus erneuerbaren Energien, wäre sie als Verkehrsmittel nahezu CO2-neutral. Zudem ist die Seilbahn das sicherste Verkehrsmittel. Die Gondeln schweben über den  tosenden Verkehr hinweg; normale Straßenunfälle mit Fußgängern, Radfahrern, Motorradfahren, Autos, Bussen und LKW, Fehlanzeige. 

Verbindung zwischen zwei Welten

"Uniendo nuestras vidas" lautet der Slogan des Teléferico. Die Philosophie dahinter ist, die Lebenswelten der Bewohner der Zwillingsstädte miteinander zu verbinden. Nicht nur rund 1.000 Höhenmeter trennen die Menschen, sondern auch Welten: Die der Reichen und der Armen, der Unternehmer und der Arbeiter und der Weißen und der Indigenen. Im klimatisch begünstigten Talkessel liegt La Paz. Hier befinden sich der Regierungssitz, das kommerzielle Zentrum und die Wohnviertel der Mittel- und Oberschicht. El Alto hingegen liegt auf einer kargen Hochebene. Mehr als 90 Prozent der Bewohner sind indianischer Herkunft (Aymara und Quechua).
 
Evo Morales, selbst Aymara, will diese Welten zusammenfügen. Mit dem innovativen Seilbahnsystem kann er nicht nur bei der Bevölkerung für die kommende Wiederwahl punkten, sondern auch weltweit, denn der Teléferico ist ein innovatives Vorzeigeprojekt für den öffentlichen Nahverkehr im urbanen Raum, der hoffentlich viel Nachahmung erfährt und städtische Räume neu erschließt. 

Amerika21 beginnt eine Kooperation mit der Zeitschrift Matices. In regelmäßigen Abständen sollen an dieser Stelle Beiträge aus der Print-Ausgabe des Lateinamerikamagazins erscheinen und auf die jeweils aktuelle Ausgabe hinweisen. Der vorliegende Beitrag stammt aus der Ausgabe 79 zum 20. Jubiläum. 
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