Ein Theater für alle

Der besetzte Sala Alberdi in Buenos Aires im Widerstand gegen neoliberale Kulturpolitik

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Immer volles Programm: Ankündigungen der kostenlosen Veranstalten außerhalb des Theatersaals
Immer volles Programm: Ankündigungen der kostenlosen Veranstalten außerhalb des Theatersaals

Internationalen Glanz und Glamour kann der kleine Theatersaal "Sala Alberdi" im sechsten Stock des Kulturzentrums San Martin wahrlich nicht versprühen – und das trotz seiner zentralen Lage im Herzen der Kulturmetropole Buenos Aires. Stattdessen ist es ein genossenschaftliches Theater, das Schauspieler ausbildet, Vorführungen für Schülergruppen durchführt, Workshops abhält sowie Raum für kleine Konzerte und Theaterstücke bietet, die allen sozialen Schichten zugänglich sein sollen. Genau diese Ausrichtung hat zu einem intensiven, andauernden Konflikt mit der Regierung der argentinischen Hauptstadt geführt. Das Theater ist seit knapp anderthalb Jahren besetzt.

Buenos Aires ist in Lateinamerika wie auch weltweit für sein enormes Kulturangebot bekannt. Doch abseits des Scheinwerferlichts des Teatro Colón und der zahlreichen internationalen Festivals werden die kleinen, unabhängigen Kulturschaffenden immer stärker von der neoliberalen Kulturpolitik der Stadtregierung unter Bürgermeister Mauricio Macri marginalisiert. Während sich die nationalen Regierungen von Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner nach dem neoliberalen Fiasko der 1990er Jahre und dem kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001 ideologisch von den schlimmsten Formen des Ausverkaufs distanziert haben, wird diese Form der Politik von vielen Wählern in der Landeshauptstadt weiterhin unterstützt. Der Kulturhaushalt der Stadt ist zwar ziemlich hoch, doch öffentliche Einrichtungen werden am laufenden Bande privatisiert und investiert wird nun in prestigereiche Großprojekte.

Kampf verschiedener Kulturverständnisse

Die Ausrichtung des Sala Alberdi passte absolut nicht in das Modernisierungskonzept der Stadtregierung für ein multimediales Kulturzentrum, das seit 2006 verfolgt wird: So erhielt die Kooperative ohne Vorwarnung eine Räumungsklage, während der Rest des Komplexes aufwendig modernisiert wurde. Drei andere Theaterräume, die sich im Kulturzentrum befinden, wurden bereits in Kinos umgewandelt und an private Investoren vermietet. Ein juristisches Vorgehen des Sala Alberdi konnte die Räumung lange verhindern, ehe die Stadtverwaltung im März 2010 den Saal, offiziell aus Mangel an Besuchern, endgültig schließen ließ. Doch in der Folgezeit formierte sich eine Gruppe aus "Schülern, Ex-Schülern und Freunden des Sala Alberdi", die den Saal seit dem 17. August 2010 besetzt hält.

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"Wir sind Künstler verschiedener Disziplinen, die der Überzeugung sind, dass Kultur und Bildung weder einer neoliberalen, noch einer kapitalistischen Logik im Allgemeinen folgen sollte", so die Aktivistin Yamila. Die Besetzung hat sich zu einem wahren Kampf zwischen der Stadtregierung und den engagierten Künstlern entwickelt. Um eine Übernahme zu verhindern, muss der Saal stetig von mehreren Personen besetzt sein. Es gab bereits öfters Versuche, in den Saal einzudringen und sogar vor Gewalt wurde nicht zurückgeschreckt: "Zwei der Theaterschüler wurden von einem gefährlichen Schlägertrupp verprügelt", erinnert sich Yamila. Eine Anordnung der Stadt im Juni dieses Jahres, wonach der Saal innerhalb von 48 Stunden zu räumen sei, wurde von den Aktivistinnen und Aktivisten nicht befolgt. Stattdessen versammelten sich mehrere hundert Unterstützer in dem Saal und schlussendlich vermied die Stadt die direkte Konfrontation.

Auch zukünftig das Anrecht auf Kultur wahren

Die anstrengende Besetzung hält die Künstler jedoch nicht davon ab, viele Veranstaltungen getreu ihrem Motto "Theater für alle" abzuhalten. Nachmittags finden Theatervorführungen für Kinder statt, abends für Erwachsene. Außerdem erhalten unbekannte Musikgruppen die Chance, sich vor einem Publikum zu präsentieren. Bei den Veranstaltungen werden Spenden für Besetzung und Selbstverwaltung gesammelt, Eintritt wird jedoch nicht verlangt.

Auf die Frage nach den Zukunftsaussichten des besetzten Saales gibt sich Yamila optimistisch und kämpferisch: "Die Zahl unser Unterstützer ist gewachsen. Wir wollen einen Raum für Ideenaustausch und jede Form von Kultur zur Verfügung stellen und dafür werden wir den Saal so lange besetzt halten, wie es nötig ist. Wir stehen für eine bessere Gesellschaft ein, in der Kultur nicht einfach kommerzialisiert werden kann, sondern jeder ein Anrecht darauf hat." Nicht zuletzt von dem Erfolg dieses und ähnlicher Projekte wird abhängen, ob die zahlreich vorhandenen lokalen Künstler das lebendige kulturelle Leben Buenos Aires prägen können oder ob zukünftig nur noch eine international besetzte, profitorientierte Großveranstaltung die nächste jagt.

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