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Überschwemmungen in der Atacama-Wüste

Im Norden Chiles führen die Klimaschwankungen zu Überschwemmungen. Eine Reportage aus San Pedro de Atacama

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Atacama-Wüste bei San Pedro de Atacama
Atacama-Wüste bei San Pedro de Atacama

Die Atacama-Wüste im Norden Chiles gilt als die trockenste Wüste der Welt. Im Death Valley in den Vereinigten Staaten von Amerika fällt beispielsweise im Jahresdurchschnitt 50 mal mehr Regen als hier. Denn in der Atacama-Wüste verhindern im Osten die Anden, dass Wolken Regen herantragen. Und im Westen kühlt vor der Küste der Humboldtstrom, der eiskaltes Wasser aus der Antarktis mit sich führt, die Luft derart ab, dass sich Regenwolken gar nicht erst bilden. Während in trockenen Jahren deshalb weniger als ein Millimeter Niederschlag zu verzeichnen ist und der Wert seit Beginn der Messungen im 19. Jahrhundert nur in wenigen, sehr feuchten Jahren über die Schwelle von 60 Millimeter pro Jahr geklettert ist, bringt allein ein Starkregen in Mitteleuropa um die 30 Millimeter pro Stunde.

Im Februar jedoch hat es in der Atacama-Wüste fast zwei Wochen lang in Strömen gegossen. Zumindest in einigen Gegenden, etwa in dem Städtchen Toconao sowie in der touristischen Hauptstadt der Region, dem 5.000-Einwohner-Ort San Pedro de Atacama. Wissenschaftler vermuten, dass sich durch die leicht erhöhte Wassertemperatur des Humboldtstroms die Tiefdruckgebiete bis zur Wüste ausdehnen konnten. Sturzbäche sind vom Himmel gefallen, haben Flüsse entstehen lassen, wo sonst Sand und Steine in der Sonne liegen, Häuser sind eingestürzt und Straßen überschwemmt worden. "Seit über 20 Jahren sind keine Niederschläge in diesem Umfang gemessen worden", berichtet die Pressesprecherin der Gemeinde, Denysse Tito Rojas.

Der Ort San Pedro de Atacama ist das internationale Top-Touristenziel des Landes. Die salzverkrustete Tiefebene daneben, der Salar de Atacama, lockt mit seinen Lagunen, die soviel Salz enthalten, dass das Wasser einen trägt. Agenturen bieten Ausflüge zu weiteren berühmten Lagunen an, auch ins Nachbarland Bolivien. Das Valle de la Luna und das Valle de la Muerte sind berühmt für ihre von Wind und Wetter erodierten Felsen. In El Tatio kann man Geysire besichtigen und in heißen Quellen baden. Die zahlreichen Vulkane in der Nähe locken Bergsportler, etwa der fast 6.000 Meter hohe Licancabur, ein Vulkan wie aus dem Bilderbuch.

Fast alle diese Touren mussten die Agenturen Mitte des vergangenen Monats aus dem Programm nehmen. Das einzige, was möglich war, war ein Besuch der Ruinen einer alten Festung der Ureinwohner. Die restaurierten Mauern vermitteln einen Eindruck davon, wie die Menschen vor Hunderten von Jahren hier gelebt haben. Ansonsten konnte man noch zum Sandboarding auf einer nahegelegenen Düne aufbrechen, also mit einem Snowboard oder auf Skiern den Hang hinunterrutschen. Aber auch das macht bei Regen nicht ganz so viel Spaß.

"Viele Touristen, die keine feste Reise gebucht haben, sind vorzeitig abgereist, denn die Prognosen sagen Regen und Gewitter bis mindestens Ende der Woche voraus. Aber da immer neue anreisen – die wenigsten lesen unterwegs lokale Zeitungen – sind die Unterkünfte dennoch voll", erzählt der Angestellte eines Hostels. Es können auch gar nicht alle einfach weiterreisen: Noch ist ein bolivianischer Grenzübergang besetzt, andere Pässe allerdings sind geschlossen oder nur für Wagen mit Vierradantrieb passierbar.

Auch der Pressesprecherin der Kommunalverwaltung zufolge kamen kaum weniger Touristen als sonst: "Nur ein Prozent hat eine Buchung abgesagt. Und die großen Hotels hatten auch keine  Probleme wegen des Regens, da die stets eine eigene Strom- und Wasserversorgung haben. Wer mit weniger Geld in der Tasche angereist und in einem Hostel abgestiegen ist, hat sicher mehr vom Regen gemerkt: kein Strom, kein Wasser etwa. Aber für viele ist das auch Teil der Folklore des Ortes, das einfache Leben. Die Agenturen dagegen haben schon finanziell gelitten, weil sie weniger Ausflüge anbieten konnten."

Die Bewohner des Ortes gehen ganz anders mit dem Unwetter und seinen Folgen um als die Besucher aus den stärker industrialisierten Gegenden Chiles oder anderer Länder. "Die Häuser hier sind alle aus Lehm oder Blech gebaut. Die Menschen wohnen nicht darin mit dem Gefühl, die Konstruktion sei für immer", erklärt Javier Flores Loma. Er arbeitet eigentlich in einem Hostel, ist seit der letzten Woche aber damit beschäftigt, verschiedene Gebäude des Ortes auszubessern. "Häuser stürzen hier häufig ein. Sicher ist das dann ein Verlust, aber wir bauen schnell etwas Neues auf."

Der Franzose Phillipe Mellugue lebt seit elf Jahren in San Pedro de Atacama. Er hat hier ein Café eröffnet, das "Tío Pepe". Seiner Einschätzung nach hat den Restaurants und Cafés der Regen nicht geschadet, im Gegenteil: "Viele Touristen, die nicht auf Tour gehen konnten, sind stattdessen im Ort geblieben und haben etwas gegessen oder getrunken. An den Tagen, als es besonders stark gegossen hat, kam der Regen durch die Tür hinein, die mussten wir dann anlehnen. Und die Stromausfälle haben natürlich den Ablauf gestört, da lief dann etwa die Espressomaschine nicht und wir hatten kein Licht", erzählt Philippe Mellugue. "Aber wir haben uns mit Kerzen geholfen."

Ana Rodriguez Elmo, die einem Restaurant arbeitet, meint, es kämen zwar weniger Touristen zum Essen, aber problematisch sei das für sie selbst nicht: "Ich habe auch so genug zu tun, zu uns kommen viele Einheimische." Auch Manuel Martínez Acosta, der ein Hostel, eine Agentur und ein Restaurant betreibt, ist gelassen: "Das ist bald vorbei, dann ist wieder mehr los." Offenbar gefährden die Regenfälle nicht die Existenz der Bewohner des Touristenorts San Pedro de Atacama.

Letzten Samstag ist der Fluss San Pedro übergelaufen, viele Zufahrtsstraßen des Ortes waren gesperrt. Der Strom fällt seitdem dauernd aus, aber ansonsten geht alles seinen Gang. Es ist nicht ungewöhnlich, dass zu dieser Jahreszeit auch mal ein starker Regen fällt – ungewöhnlich ist, dass sich das an mehreren Tagen hintereinander wiederholt. "Wir hatten schon 2011 viel Regen", erinnert sich Denysse Tito Rojas, "und wir haben damit gerechnet, dass es wieder stark regnet. Aber nicht so stark. Diesmal ist aber Wasser, das sich oben in den Bergen gesammelt hatte, mit einem Schwall ins Tal geflossen. Es hat vieles mitgerissen und auch Erdrutsche und Schlammlawinen verursacht."

Bereits 2011 waren die Schäden in Toconao, das rund 40 Kilometer südöstlich von San Pedro liegt, am größten. "Auch in diesem Jahr ist die Bevölkerung dort nun schon seit über einer Woche ohne Wasser, insgesamt sind dort 20 Familien und mehr als 40 Personen betroffen", erzählt Denysse Tito Rojas. "In der ganzen Region haben allerdings rund 800 Personen mit den Folgen des Unwetters zu kämpfen."

Donnerstag vor einer Woche habe der Regen begonnen. Freitag sei dann das Notkomitee zusammengetreten, das die Leiter der Kommunalverwaltungsabteilungen bilden, etwa von Polizei und Gesundheit. Auch die wichtigsten Unternehmen der Region hätten Vertreter entsandt. "Das Wasser und der Strom waren weg – das musste zuerst repariert werden. Solange haben wir die Dörfer mittels Tankwagen mit Wasser versorgt. Dann wurden die Straßen freigelegt, repariert und Umleitungen eingerichtet. Die Straße von Calama nach San Pedro war nur eine Stunde gesperrt. Als ich klein war, hat es nach einem Regen immer Tage gedauert, bis sie wieder befahrbar war. Die lokalen Unternehmen helfen, ohne dass sie von der Verwaltung eine Aufwandsentschädigung erhalten. Schließlich haben sie ja auch ein Interesse daran, dass die Wege schnell wieder nutzbar sind."

Die Organisation der Hilfe übernimmt die Nationale Notfallorganisation des Innenministeriums, die Organisación Nacional Emergencia Ministerio del Interior y de Seguridad Publica (ONEMI). In diesen Tagen sieht man die orangenen Autos ständig durch die Gegend fahren; die ONEMI nimmt die Schäden auf und ordnet Hilfsmaßnahmen an. Sozialassistenten setzen diese um, sie kennen alle Familien persönlich und wissen, wer welche Schwierigkeiten hat – beispielsweise finanziell. Eine 76-jährige alte Dame, die mit ihrem Mann in einem Häuschen in der Nähe von Toconao wohnt, erzählt, dass die Fluten aus den Bergen ihre Felder zerstört haben: "Die ganze Kartoffelernte ist weg. Und auch der Knoblauch, die Trauben und die Bohnen." Und ausgerechnet jetzt sei sie umgeknickt und könne nicht mehr gut laufen.

Im Haus der Feuerwehr, der so genannten Bomberos, hängen Fotos von den Einsatzwagen und von der Mannschaft an den Wänden, daneben eine Urkunde zum ersten Jubiläumsjahr aus dem Jahr 2006. Erst seit knapp sieben Jahren gibt es Hilfe vor Ort, wenn es brennt oder wenn jemand irgendwo feststeckt. Vorher musste jemand aus Calama kommen, und das hat wertvolle Zeit gekostet – mindestens eine Stunde.

Die Feuerwehr besteht in ganz Chile aus Freiwilligen – sie werden nicht bezahlt für ihre Arbeit, nicht einmal für die Verpflegung auf den Einsätzen bekommen sie eine Entschädigung, sie erhalten nur eine Lebensversicherung, damit die Angehörigen im Falle eines Unglücks zumindest finanzielle Unterstützung erfahren – und Anerkennung. Umfragen zufolge ist die Feuerwehr in Chile eine der glaubwürdigsten Institutionen. Ihre Arbeit ist transparent, die Feuerwehrleute sind Teil der Gemeinde und genießen den Respekt und das Vertrauen der Bevölkerung.

"Es ist kein Beruf, sondern Berufung", erklärt der Superintendent Ernesto Pérez Flores. "Dennoch sind wir Professionelle, wir haben alle eine mehrjährige Ausbildung mit verschiedenen Kursen zu unterschiedlichen Gefahrensituationen sowie Prüfungen absolviert. Hier in San Pedro sind wir 38 Feuerwehrleute im Alter zwischen 17 und 64 Jahren."

Ernesto Pérez Flores ist 38 Jahre alt und Tierarzt. Seine Feuerwehrkollegen arbeiten als  Touristenführer, Busfahrer, Museums- oder Hotelangestellte meist Vollzeit in ihren Berufen – und übernehmen außerdem Bereitschaftsdienste für Notfälle. "Immer zehn haben Bereitschaft. Das verlangt eine gute Abstimmung mit dem Arbeitgeber – und der Familie. Das ist die größte Herausforderung", meint Ernesto Pérez Flores. Eine fest angestellte Sekretärin übernimmt die Verwaltungarbeit, etwa die Abrechnung: Der chilenische Staat subventioniert die Ausrüstung der Feuerwehr, die Hauptlast tragen jedoch die Gemeinden.

In der Woche der starken Regenfälle waren die Bomberos fast pausenlos im Einsatz – fast immer, um Touristen zu helfen. "Das fing an mit einer Schwangeren, einer Chilenin aus Santiago, und zwei Kindern, die in einem Auto im Schlamm bei der Lagune Cejar feststeckten. Wir konnten mit unseren Fahrzeugen auch nicht dorthin kommen und mussten zwei Stunden dahin laufen. Gegen 18 Uhr kamen wir an – und mussten feststellen, dass tatsächlich neun Autos feststeckten, mit 25 Personen. Außerdem setzte ein Gewitter ein, das war gefährlich. In den Tagen danach ging es ähnlich weiter, Touristen, die zum Teil mit Agenturen unterwegs waren, steckten im Salar de Atacama fest, im Valle de la Luna waren es 15 Autos mit Insassen. Wir empfehlen bei so einem Wetter immer, sofort alle Straßen zu sperren, aber das ist nicht passiert."

Den Einheimischen in Toconao und in Río Grande halfen eher andere Institutionen, der medizinische Notdienst den Verletzten, das Militär denen, deren Häuser umgekippt waren, die Verwaltung schickt die Wassertankwagen. Hier haben die Bomberos Unterstützung geleistet. Dennoch gingen viele Notrufe bei ihnen ein, oft sind sie ausgerückt, ohne dass sie dann wirklich helfen konnten. "Wir sind nicht dafür da und nicht darauf vorbereitet, zerstörte Felder zu reparieren", erklärt der Superintendent.

Auch bei Notfällen auf der bolivianischen Seite rücken die Bomberos von San Pedro aus. Denn Bolivien besitzt keine vergleichbare Spezialeinheit. Obwohl die Vereinten Nationen internationale Normen zur Zusammenarbeit aufgestellt haben, kommt es hier immer wieder zu Schwierigkeiten, erzählt der Superintendent: "Früher mussten wir bei jedem Einsatz den Pass vorzeigen, und immer noch kann es passieren, dass uns ein Grenzbeamter nicht durchlässt oder dass wir das Auto nicht einführen dürfen. Weil wir nicht zu Hilfe kommen konnten, sind sogar schon Menschen gestorben, absurd ist das. Mit Argentinien dagegen haben wir das Problem nicht."

Ein zusätzliches Risiko stellen Antipersonenminen dar, ein Erbe der chilenischen Diktatur: Experten schätzen, dass in der Region noch knapp 13.000 Minen liegen, die das chilenische Heer dort ausgelegt hat, um das Land vor potenziellen Angriffen der Nachbarn zu schützen. Wegen der Erdrutsche sei die Gefahr groß, dass diese Minen hochgehen. Deshalb wurde seit dem Regenbeginn verstärkt gesucht. In Chile hat es in den vergangenen 30 Jahren mehr als 130 Minenopfer gegeben, Verletzte und Tote.

Das Militär besitzt Karten, in denen die Lage verzeichnet ist, aber durch das Wasser können die Antipersonenminen wandern. Seit acht Jahren arbeiten Soldaten daran, die Minen zu entschärfen, bis 2014 sollen sie damit fertig sein. Extreme Wetterlagen wie der Starkregen gefährden dieses Ziel jedoch.

Der Landwirtschaftsminister Álvaro Cruzat besuchte San Pedro de Atacama und sagte der Region 400 Millionen Euro Hilfe zu. Doch was, wenn sich diese Art Starkregen in Zukunft wiederholen sollte? Denysse Tito Rojas spricht für die Kommunalverwaltung: "Es gibt keinen Plan für die Zukunft."

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