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15.12.2017 Mexiko / Menschenrechte

Humanitäre Krise und Klima des Terrors im Hochland von Chiapas

Region ist bekannt für anhaltende Straflosigkeit, massive Menschenrechtsverletzungen und staatlichen Schutz für Paramilitärs
Unter den Vertriebenen sind viele Kinder, Neugeborene, Frauen und alte Menschen

Unter den Vertriebenen sind viele Kinder, Neugeborene, Frauen und alte Menschen

Quelle: frayba.org.mx

Seitdem am 24. und 25. November mindestens 5.323 Menschen in den Regionen Chalchihuitán und Chenalhó gewaltsamen vertrieben wurden, spitzt sich die Lage im Hochland von Chiapas (Altos de Chiapas) weiter zu. Dies berichtet eine Beobachtungs- und Dokumentationsmission zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Chiapas, die am 9. und 10. Dezember Interviews mit vertriebenen Familien und Gemeindebehörden führte.

Die Vertreibung erfolgte durch bewaffnete Milizen, die laut Zeugenaussagen im gesamten Gebiet offen operieren. Die betroffene Region ist bekannt für ihre anhaltende Straflosigkeit, massive Menschenrechtsverletzungen und einen staatlichen Schutz für Paramilitärs.

Etwa 3.000 Vertriebene flüchteten in die Landkreishauptstadt Chalchihuitán. Dort nahmen bewaffnete Milizen einige von ihnen fest und zerstörten die Zufahrtsstraße. Ungefähr 2.000 weitere Vertriebene flüchteten in die Berge. Auch hier verhindern Straßenblockaden, dass die Menschen zurückkehren oder weiter fliehen können. Unter ihnen befinden sich viele Kinder, Neugeborene, Frauen und alte Menschen, alle gehören der Bevölkerungsgruppe der Tsotsiles an. Mindestens 114 Frauen sind schwanger.

Derzeit liegen die Temperaturen in der Region rund um den Gefrierpunkt, was das Überleben in den improvisierten Unterkünften in den Bergen extrem erschwert. Die Dokumentationsmission berichtet von zahlreichen Menschen, die keine den Temperaturen angemessene Kleidung haben und warnt ausdrücklich vor der akuten humanitären Krise in der Region. Viele Menschen erkranken an den Folgen von Hunger und Kälte, es gibt keinerlei Medikamente und viel zu wenig Nahrung. Die von staatlicher Seite gestellten Lebensmittel entsprechen so wenig den Essgewohnheiten der Menschen, dass sie zu Verdauungsproblemen führen und das Überleben zusätzlich erschweren. Die Vertriebenen benötigen dringend gesunde Lebensmittel, Medikamente und medizinische Versorgung.

Laut einem Bericht der mexikanischen Tageszeitung La Jornada sind bereits vier Kinder und zwei Erwachsene an Hunger und Kälte gestorben. Maura Pérez Luna starb, als sie ein Jahre alt war. Adriana de Jesús Pérez Pérez war zweieinhalb Jahre alt. Sie verstarb bereits am 30. November.

In einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung der zuständigen Behörden heißt es allerdings, ihnen wären keine Todesfälle bekannt. Stattdessen würden die Betroffenen mittlerweile wieder in ihre Dörfer zurückkehren. Dem widersprachen jedoch Sprecher der Vertriebenen vehement. Sie verwiesen auf die nach wie vor existierenden Straßenblockaden und  die Unmöglichkeit der Rückkehr in ihre Gemeinden. Auch die staatlichen Hilfsbrigaden seien nicht wirklich von Nutzen, da sie lediglich bis zur Landkreishauptstadt führen und keine Medikamente mitbrächten.

Die Regierung spricht nun davon, dass sie zur Lösung des Konfliktes ein Militärcamp in der Region einrichten wolle, was von zivilgesellschaftlichen Organisationen scharf kritisiert wurde. Als am 4. Dezember eine Delegation von Vertreter der Vertriebenen in die Landeshauptstadt Tuxtla Gutiérrez fuhr, um sich für einen anderen Lösungsweg des Konfliktes stark zu machen, wurden sie verhaftet.

Die Beobachtungsmission konnte durch verschiedene Zeugenaussagen und Interviews die Existenz bewaffneter Gruppen nachweisen, die in der Region und insbesondere in Chenalhó, offen operieren. Laut Zeugenaussagen werden ihre Aktivitäten von den Behörden von Chiapas und der Bundesregierung gestattet. Weiter spricht die Mission von einem allgemeinen Klima des Terrors, das die bewaffneten Gruppierungen der gesamten Bevölkerung der Region aufzwängen. Dafür machen sie den Staat auf Grund seiner allgemeinen Politik der Straflosigkeit verantwortlich. Mit Sorge berichten sie weiter, dass viele Dorfbewohner aus Angst, erschossen zu werden ,nicht zu ihren Äckern gelangen. Sie haben bereits ihre letzte Ernte verloren und können keine neuen Pflanzen aussäen, was eine noch größere Nahrungsmittelkrise auslösen wird.

Hintergrund der Gewalt und der Existenz bewaffneter Gruppen ist einerseits ein seit etwa 45 Jahren ungeklärter Landkonflikt, in dem es um 900 Hektar Land und die territorialen Grenzen der beiden Regionen Chalchihuitán und Chenalhó geht. Andererseits handelt es sich bei dem betroffenen Gebiet um die Region, in der vor genau 20 Jahren Paramilitärs das Massaker von Acteal begangen. Am 22. Dezember 1997 massakrierten die Täter über mehrere Stunden 45 Angehörige der pazifistischen, zivilen Organisation Las Abejas (Die Bienen). Sie konnten dabei ungestört vorgehen, obwohl sich Polizei und Militär in unmittelbarer Nähe befanden. Auch in der aktuellen Situation scheint das Militär anwesend zu sein und nicht einzugreifen. Erst vor wenigen Wochen wurden die Letzten noch inhaftierten Haupttäter des damaligen Massakers frei gelassen. Selbst bekennende Mörder wurden nach wenigen Jahren vom Obersten Gerichtshof wegen Verfahrensfehlern freigesprochen. Die Drahtzieher, die nachweislich in den obersten Ebenen der mexikanischen Politik zu verorten sind, wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Heute sind die paramilitärischen Kräfte in der Region so präsent wie lange nicht mehr. Die Situation ist so angespannt, dass es selbst für etablierte, anerkannte zivile Organisationen gefährlich ist, zur Unterstützung und Beobachtung vor Ort zu sein. Aufgrund der Zuspitzung des Konflikts warnt die Menschenrechtsorganisation Serapaz ausdrücklich vor einer Gewalteskalation "schlimmer als in Acteal".

Das Menschenrechtsinstitut Fray Bartolomé de las Casas führt eine Eilaktion durch, die unter https://frayba.org.mx/alto-al-fuego-urgen-organizaciones-ante-emergencia-humanitaria/ unterschrieben werden kann (nach ganz unten scrollen).

Darüber hinaus werden dringend Spenden benötigt. Bisher sind 1300,- bei Partner Südmexikos e.V. eingegangen (Stand: 13.12.).

Partner Südmexikos e.V.

Volksbank Böblingen

IBAN: DE30 6039 0000 0459 3900 07
BIC: GENODES1BBV

Stichwort: Vertreibungen

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20.11.2017 Nachricht von Sarah Wollweber