Zum 10. Todestag des lateinamerikanischen Denkers Bolívar Echeverría (Riobamba 31. Januar 1941 - Mexiko-Stadt 5. Juni 2010)

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Bolívar Echeverría (Riobamba 31. Januar 1941 - Mexiko 5. Juni 2010)
Bolívar Echeverría (Riobamba 31. Januar 1941 - Mexiko 5. Juni 2010)

"Wer ist dieser Bolívar Echeverría?" Mit dieser Frage will sich Professor Jürgen Habermas Gehör verschaffen, während der Promotionsausschuss des Instituts für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt 1992 meinen Antrag diskutiert, eine Dissertation über diesen marxistischen Philosophen zu erstellen.

"Wer ist er und wer ist Adolfo Sánchez Vázquez?"

Sehr wahrscheinlich weiß er die Antwort bis heute ebenso wenig wie, mit einigen honorigen Ausnahmen, viele Sozialphilosophen und -theoretiker der ersten Welt. Eine solche Ausnahme ist ein Kreis von Professoren der Universität Wien rund um die Zeitschrift Polylog, die sich für Debatten zur Modernität außerhalb Europas interessieren. Sie haben vor Kurzem damit begonnen, sein Werk zu lesen und luden ihn vergangenen Winter, seinem letzten, zu einem Kolloquium zu diesem Thema ein.

Es sind deren wenige der Personen, die es hinsichtlich Charakter und Reflexionskraft ertragen, mit stets offenen Augen in den Abgrund zu blicken, der sich angesichts unsrer Unfähigkeit auftut, den Zug der Geschichte zu stoppen, anzuhalten und auszusetzen, in dem wir jeden Tag mehr und mehr auf die Zerstörung dessen fortschreiten, was den unzähligen vorangegangenen Generationen zu gestalten und gründen gelang, und was notwendig dafür ist, dass die Gesellschaft und ihre Mitglieder glücklich und solidarisch sein können.

Es gibt derer nur wenige, welche heute die notwendige Unterweisung mitbringen, diesen Blick konstant auf den Kern der abstoßenden gesellschaftlichen Verhältnisse und seine konkreten Äußerungsformen zu richten, ohne daraus jedweden der beiden bequemen Schlüsse zu ziehen: ein chloroformierter Optimismus, frei von Teilnahme mit den Unterdrückten oder ein funktionaler Pessimismus, der jegliches Bestreben, den direkt auf den Abgrund zufahrenden Zug anzuhalten, als einen automatisch zum Scheitern verurteilten Versuch definiert.

Die Werke und die Jahre

Bolívar Echeverría ist einer dieser Wenigen und die Verbindung zwischen seinem Lebenslauf und seiner philosophischen Argumentationskraft ist keinesfalls eine zufällige Verbindung. Er wird am 31. Januar 1941 in Riobamba (Ecuador) geboren. Sein intellektuelles Leben beginnt 1958 mit der Lektüre philosophischer, anfangs existentialistisch geprägter Texte (Unamuno, Sartre, Camus, Heidegger) und der Erfahrung der kubanischen Revolution 1959 als wichtigem Impuls. Als Philosophiestudent, im West-Berlin der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, verfasst Echeverría die Einleitung zur ersten deutschsprachigen Biographie Che Guevaras (1968); zugleich nimmt er erstmals an der philosophischen Diskussion des undogmatischen Marxismus teil. Zu seiner Freundschaft, Kontakt und Briefwechsel mit einem der zentralen rebellischen Subjekte des "deutschen 68", Rudi Dutschke, gibt es Belege in neueren Veröffentlichungen zu dieser Epoche, auch im Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS).

Am 25. August 1969 schreibt Echeverría an Dutschke aus der mexikanischen Hauptstadt von der "Möglichkeit, mich wieder mit theoretischen Problemen zu befassen", und dass ihm aufgrund organisatorischer Veränderungen nun "Aufklärungsaufgaben" (über die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Widersprüche) "zugeteilt wurden" – das große Thema seiner intellektuellen Tätigkeit von diesem Zeitpunkt an, auf höchstem reflektiven, spekulativen und wissenschaftlichem Niveau (HIS, RUD 153-01).

Dieser Abschnitt seines Lebens ist bislang noch nicht vollständig verstanden worden. Wie bei vielen großen linken Theoretikern hat auch bei Echeverría die Entscheidung, sich vollends der Theorie zu widmen, ein tragisches Element eines zeitweiligen Rückzugs: sich in politisch schwierigen Zeiten theoretisch vorzubereiten und bereit zu sein, wenn die Verhältnisse besser werden. Sie alle wissen, dass sie nicht spielen, ihre theoretische Ernsthaftigkeit wird von Erfordernissen und Entscheidungen innerhalb der politischen Praxis angetrieben, welche zu diesem Zeitpunkt nicht unmittelbar verwirklicht werden kann.

Von 1968 an bis zu seinem Tod lebt er in Mexiko-Stadt, wo er Ingrid Weikert heiratet, mit der er aus Deutschland gekommen war und die später Professorin für deutsche Literatur an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) wird. 1976 hat er mit ihr seinen ersten Sohn Andreas, (bzw. Andrés je nach linguistischen Kontext). Bolívar spricht auf Deutsch mit ihm, sie kommunizieren kontinuierlich und arbeiteten gemeinsam an verlegerischen Projekten wie der spanischsprachigen Ausgabe des Buches Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit von Walter Benjamin, das von Andreas übersetzt und von Bolívar eingeleitet wird1. Zu Beginn der 1980er-Jahre trennt er sich von Ingrid Weikert und beginnt eine Paarbeziehung mit Raquel Serur, Professorin für englische Literatur an der UNAM, mit der er von diesem Zeitpunkt an zusammenlebte. Mit ihr hatte er zwei Kinder. Noch am letzten Nachmittag seines Lebens diskutierte er mit dem jüngeren, Alberto, dessen Studienabschlussarbeit in Biologie. Carlos, liest bei einer Hommage, drei Tage nach Bolívars Tod, einen intensiven und schönen poetischen Text über seinen Vater und das Bild, das er von ihm behält.

Von 1975 an ist Bolívar ordentlicher Professor an der ökonomischen Fakultät, ab 1987 an der philosophischen Fakultät der UNAM. Von 1974 bis 1990 ist er Redaktionsmitglied der wichtigen politisch-theoretischen Zeitschrift Cuadernos Políticos sowie 1997 Preisträger des Premio Universidad Nacional in Sozialwissenschaften, der von der UNAM verliehen wird, und erhält den Premio Libertador Simón Bolívar al Pensamiento Crítico 2007 für sein Buch Vuelta del siglo (2006).

Er unterstützt mit seiner außerordentlichen reflexiven Fähigkeit und theoretischen Bildung verschieden politische und soziale Bewegungen, beispielsweise wenn er auf der Avenida Paseo de la Reforma im Zentrum von Mexiko-Stadt eine Konferenz zur ästhetischen Theorie Bertolt Brechts hält. Sein Publikum setzt sich aus Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den damals virulenten Protesten nach der Präsidentschaftswahl zusammen. Am diesem Tag erlebe ich ihn glücklicher und zufriedener mit seiner Theoriearbeit als in jedem anderen mit ihm geteilten Moment.

Philosophie und Vehemenz

Bolívar bewegt sich mit noch unerreichtem intellektuellen Geschick zwischen den Debatten um eine undogmatische Interpretation des Werks von Karl Marx, den Diskussionen über eine Reaktivierung des radikalen Kerns des Denkens kritischer Theorie, der frühen Frankfurter Schule und den Diskussionen in Lateinamerika über die Rekonstruktion einer den kulturellen Diktaten der ersten Welt nicht untergeordneten Subjektivität.

Letztere Diskussionen, insbesondere dann, wenn sie in Richtung der Idee einer verlorenen Eigentlichkeit abgleiten, können eine gewisse Nähe zum Heideggerismus haben, der ihn früh nach Deutschland trieb, wo er – aufgrund einer glücklichen politischen und historischen Konstellation und weil ihn der Freiburger Professor nicht in Empfang nahm – Dutschke, Rabehl und Kurnitzky sowie andere theoretische Anhänger György Lukács’ kennen lernte und sich mit ihnen anfreundete.

Diese Nähe zu Heidegger ist immer ein kontroverser Punkt zwischen uns gewesen, was hier aber nicht vertieft werden soll. Fest steht, dass Bolívar es mit großem Geschick vermied, sich in dieser begrifflichen Falle zu verstricken, indem er sich ein ums andere Mal auf Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, immer mehr auf die Kritische Theorie, vor allem Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung sowie auf Benjamin, insbesondere dessen letzte Texte, bezog.

Ihm ist es wie kaum jemand anderem gelungen, sich mit diesen unterschiedlichen theoretischen Diskussionen mit großer emanzipatorischer Vehemenz, philosophischer Ernsthaftigkeit und Empörung angesichts der strukturellen Perversionen unserer weltweiten Gesellschaftsformation auseinanderzusetzen, sodass er sie ein ums andere Mal in begriffliche Klarheit übersetzen konnte.

Ich habe versucht, einige seiner wichtigsten theoretischen Beiträge in dem Buch Peripherer Marxismus. Kritische Theorie in Mexiko (Argument 1999) [Critical Marxism in Mexico. Adolfo Sánchez Vázquez and Bolívar Echeverría (Brill 2015/FCE 2007)] zu diskutieren, und es sind weitere Texte in Erarbeitung, welche diesen Autor diskutieren, der mehrere Studentengenerationen hinterlassen hat, die intensiv von ihm gelernt haben, insbesondere an der UNAM und anderen Hochschulen Mexikos und Ecuadors.

Es steht noch aus, seine Schriften in andere Sprachen zu übersetzen, seine vergriffenen oder nicht zugänglichen Werke wieder aufzulegen, seine unveröffentlichten Manuskripte herauszugeben sowie damit zu beginnen, auf Grundlage dessen vollen Verständnisses, sein Werk zu diskutieren, das begriffen werden kann als eine nicht-eurozentrische kritische Theorie.

Das vierfache Ethos

Einer der wichtigsten Beiträge Echeverrías zu diesem Projekt ist seine Theorie des vierfachen Ethos der kapitalistischen Moderne. Die kapitalistische Produktionsweise mit der in ihr vorherrschenden Wertlogik tendieren dazu, die Logik des Gebrauchswertes zunehmend zu zerstören. Dennoch sind die Produktion des Gebrauchswerts und des Werts historisch derart miteinander verflochten, dass es eine unlösbare Aufgabe scheint, die notwendige Befreiung zu denken oder zu ermöglichen.

Der Fokus Echeverrías in diesem Dilemma liegt auf dem Versuch, all dies zu erfassen, was diese an sich nicht tolerierbaren herrschenden Verhältnisse scheinbar erträglich macht.

Im Unterschied zum klassischen westlichen Marxismus sind es bei Echeverría nicht nur die ideologischen Figuren, welche die existierende gesellschaftliche Form als akzeptable und unveränderlich erscheinen lassen, sondern es gibt auch Verhaltens- und Kommunikationsformen, gesellschaftliche Institutionen etc., die das Unlebbare lebbar wenden. Diese Formen des Alltagslebens können nicht aus dem allgemeinen kapitalistischen Kontext allein heraus (dem abstrakten Wertverhältnis) verstanden werden, sondern es ist auch die konkrete Form der produzierten und konsumierten Gebrauchswerte zu berücksichtigen. Die Gesamtheit dieser Formen des Alltagslebens – je nach Region und Epoche variabel – nennt er "historisches Ethos". Dieses existiert heute in vier Varianten, die sich darin unterscheiden, den Widerspruch zwischen Wert und Gebrauchswert zu sehen oder nicht zu sehen sowie den Vorzug dem ersten oder dem zweiten einzuräumen.

Das realistische Ethos, das heute weltweit dominiert, negiert diesen Widerspruch und geht davon aus, dass mit der zunehmenden Fixierung auf die Wertproduktion automatisch auch die Gebrauchswerte gerettet und verbessert werden. Diese Negation ist nicht nur rein theoretisch und gedanklich, sondern findet ihren Ausdruck in einem teilnehmenden, der herrschenden Gesellschaftsverhältnisse verpflichteten Verhalten.

Das romantische Ethos negiert ebenfalls die Tendenz zur Zerstörung der Gebrauchswerte, allerdings nicht verbunden mit einer Fixierung auf die Werte, sondern verbunden mit der falschen Vorstellung, dass die aktuelle ökonomische Reproduktionsform auf die wirklichen Bedürfnissen der Menschen, also die Logik der Gebrauchswerte, ausgerichtet ist.

Das klassische Ethos unterscheidet sich von den ersten beiden dadurch, dass es den Widerspruch zwischen der Logik der Wertproduktion und derjenigen der Gebrauchswerte nicht negiert, aber implizit gegenüber dem Existierenden eine generell stoische Resignation einnimmt.

Das barocke Ethos, das in Lateinamerika in vielfältigen Momenten mit dem dominierenden realistischen Ethos koexistiert, besteht aus einer paradoxen Kombination einer besonnenen Zurückhaltung mit einem rebellischen Impuls. In ihm angelegt ist ein – aus der Perspektive der drei anderen Ethen absurder – Versuch, die Gebrauchswerte vermittels ihrer eigenen Zerstörung zu retten.

Hierbei lässt der unermüdliche Versuch, die Schranken menschlichen Glückes zu überspringen, nachdem diese glasklar als solche erfasst wurden, die unter aktuellen Verhältnissen unüberwindbar sind, nicht locker. Es teilt mit dem klassischen Ethos die Fähigkeit, die dem Kapitalismus inhärente Tendenz zur Zerstörung der Gebrauchswerte und damit eben des menschlichen Glücks wahrzunehmen. Mit dem realistischen und romantischen Ethos hingegen teilt es die tiefe Überzeugung, dass die Gebrauchswerte innerhalb der herrschenden Gesellschaftsformation gerettet werden können. In ihm besteht eine "konfliktive Kombination aus Konservatismus und Nonkonformität fort". 2

Es ist konservativ, weil es nicht offen gegen die kapitalistischen Reproduktionsverhältnisse rebelliert und weil es sich der vollständigen Zerstörung früher existierender Genussvermögen verweigert, insofern sie integraler Bestandteil traditioneller Lebensweisen sind. Es ist nonkonform, weil es sich nicht vollständig der Kapitallogik, also der Logik der Opferung der Lebensqualität durch einen Großteil der Menschheit, zu Gunsten der Gewinne der Besitzer der Produktionsmittel unterwirft. Es lebt das Unlebbare nicht aufgrund der Negation der Tatsache, dass es unlebbar ist, sondern just aufgrund ihrer Anerkennung. Mit der Unmöglichkeit von Genuss spielend, versucht es, diesen in versteckten und spontan entstehenden Zwischenräumen zu realisieren.

Während die Klarheit des realistischen Ethos, die sich auf eine irrtümliche Negation eines zentralen Aspekts unserer derzeitigen Existenz stützt, es nicht wirklich schafft, das höchste Ideal der Aufklärung, die Anerkennung des Anderen als notwendige Bedingung der Konstitution der eigenen Subjektivität, des eigenen Ichs zu erreichen, gelingt dem barocken Ethos in größerem Maße das Zusammenleben mit demjenigen, der andere Formen des Lebens und Denkens pflegt. Es ist eben diese widersprüchliche Haltung, die das doppeldeutige Sprechen, die Nichtexistenz des Wortes "Nein" etc. miteinschließt, die es ihm ermöglicht zusammen zu leben, ohne dem Anderen zuzumuten sich ihm zwecks Anerkennung gleichzumachen, wie es das realistische Ethos tut.

Sein Name gemahnt an diese Parallele zur barocken Kunst: die Fähigkeit, Elemente, welche aus "seriöser" Perspektive nicht zusammen sein dürften, zu kombinieren und zu mischen. Diese Mischung ist chaotisch und überschreitet die etablierten (ästhetischen) Regeln, jedoch war sie zugleich die einzige Kunst, die in Neu-Spanien ästhetische indigene Elemente mit aufnehmen konnte.

Die Elemente "verstehen" sich untereinander nicht, aber sie "lassen sich gegenseitig leben". Sie erkennen einander nicht im hegelschen Sinne an, aber weder vernichten sie sich noch schließen sie sich aggressiv aus. Sie ignorieren sich gegenseitig, sie können noch nicht einmal vollbewusst interagieren, doch stellen sie damit nicht das Existenzrecht des Anderen in Frage. Im barocken Ethos ist es darum zu tun, sich mit dem Anderen nicht nur trotz der strukturellen Unmöglichkeit gegenseitigen Verständnisses – begründet im allgegenwärtigen Wettbewerb, in dem der Andere immer und vor allem ein Konkurrent ist –, sondern gerade diese Unmöglichkeit nutzend, zu verständigen, mit Doppeldeutigkeiten spielend und Missverständnisse gerade als Kommunikationsform refunktionalisierend.

Während aus der Perspektive von Habermas oder anderen dies eine dürftig entwickelte Form der Kommunikation darstellen würde, die es zu modernisieren gälte, ist sie für Bolívar Echeverría vielmehr der Ausdruck eines anderen Typs von kapitalistischer Moderne, eben die des "Barocken Ethos".

Allein die Tatsache, dass in den anderen, stärker industrialisierten, Ländern andere "Ethen" und nicht das barocke dominieren, bedeutet nicht, dass diese zu einem "allgemeinen höheren Entwicklungsstadium des Menschen" gehören – ein Begriff, der zudem vom radikalen Marxisten Walter Benjamin, von großer Bedeutung für Echeverría, stark kritisiert wurde.

Es ist vielmehr so, dass der Grad der Industrialisierung nicht den Grad der Präsenz kapitalistischer Verhältnisse ausdrückt. Rosa Luxemburg folgend, für deren spanischsprachige Werkausgabe Echeverría das Vorwort schrieb, geht er von dem Gedanken aus, dass die weltweiten kapitalistischen Verhältnisse, um zu funktionieren, notwendigerweise Länder mit unterschiedlichen Industrialisierungsgrad umfassen müssen, doch zugleich müssen all diese Länder auf gleiche Weise als kapitalistisch begriffen werden.

Hier wird eine Konstante im Denken des mexikanisch-ecuadorianischen Philosophen seit der Berliner Jugendzeit deutlich. Im Jahr 1969 legt er in der erwähnten Einleitung zur ersten Biografie Ernesto Che Guevaras in deutscher Sprache folgendes dar:

"Lateinamerika kann nicht in die bürgerliche Epoche ‘hineinkommen’, weil es sich seit der iberischen Eroberung darin befindet; seine Unterentwicklung stammt weder aus seinem Beharren in einem vorkapitalistischen Produktionsmodus noch der ‘fehlenden Reife’ des einheimischen Kapitalismus, sondern aus der strukturellen Deformationen seiner kolonialen und neokolonialen Wirtschaft, die die Wirkung ihrer nach außen gerichteten, unterworfenen und spezialisierten Funktion ist, die ihr durch die Entwicklung des Kapitalismus der Metropole und des selbstzerstörerischen Systems der imperialistischen Produktion aufgezwungen wurde."3

Ironie, Mut, Humor und Emanzipation

Die folgenden Worte, geschrieben von Echeverría angesichts des Todes seines Zeitgenossen, den er sehr verehrt, dem Che, werden angesichts des plötzlichen Todes ihres Autors am 5. Juni 2010 erneut lebendig:

"Ernesto Che Guevara ist tot [...] Das komplizierte Gleichgewicht der Mineralien, die seinen Körper zusammenhielten, löste sich auf. Dieser besondere Entwurf hörte auf zu existieren, diese eigenartigste Initiative, dieser Mann mit ‘Vor- und Zunamen’, der auf die konkreten Anforderungen der lateinamerikanischen revolutionären Bewegungen antworten konnte und dadurch erreichte, daß sie ihn in die historische Person ‘Che Guevara’ verwandelten."4

Und weiter schreibt Echeverría 1969, der auf seine Art und Weise und drei Jahrzehnte später auf die Anforderungen der heutigen, von ihm als Jahrhundertwende (vuelta de siglo) bezeichneten Epoche antworten kann: "Es ist ein sehr harter Schlag gegen die Revolution. Er ist es, aber nur insofern, als die Schüsse des Imperialismus im Körper des Kommandanten Guevara das historische Leben des Che zerstören konnten." Sein Tod aber, so Echeverría weiter, "konfrontiert wiederum die dialektische mit der bürgerlichen Vernunft. Dieser erklärende, apologetische Apparat, eines Entwurfs einer Welt, in die nur vereinzelte menschliche Unternehmen und passive natürliche Materialien hineinpassen, kann den Tod eines Mannes nur auffassen als die absolute Zerstörung einer punktuellen Energiequelle [...]."5

Bereits seit diesem frühen Text erkennt Echeverría das Verhältnis von, einerseits, der Idee des isolierten Individuums, welche für die heute vorherrschende Ideologie zentral ist und die mit dem realistischen Ethos d'accord geht und, andererseits, der Idee der "passiven Natur", die angeblich im Gegensatz zum "Menschlichen"/Gesellschaftlichen existiert; sodann setzt er seinen Text mit einer Passage fort, die zugleich das Ende des unseren sein wird, der meinem Freund, "Forschungsgegenstand" – wie Bolívar zu scherzen pflegte – und, nicht nur philosophischen, Diskussionspartner gewidmet ist:

"Im Gegensatz zu dieser mechanischen Vernunft interpretiert die dialektische Vernunft […] die Bedeutung des Todes eines Individuums sowohl in Bezug auf die Funktion, die es ausübte als Person, im sozialen Entwurf, an dem es mitarbeitete […]. Für die revolutionären Kommunisten Lateinamerikas läuft die historische Gegenwart des Che über seine physische Anwesenheit hinaus; die Söldner des Imperialismus zielten auf die erstere, aber ihre Schüsse erreichten nur die zweite. In irgendeiner Form ist der Che gegenwärtig und macht sie zum Opfer seiner letzten und größten seiner berühmten Ironien."6

Die Ironie, wie auch der Mut, der Humor und die Unentwegtheit im emanzipatorischen Kampf – so Walter Benjamin, dessen Ideen Bolívar Echeverría erheblich inspiriert haben – sind menschliche Stärken, die uns durch eine "Heliotropismus geheimer Art" tendenziell dazu befähigen, als die wirklichen Subjekte des geschichtlichen Prozesses uns selbst wieder zu erheben, jenseits der erdrückenden Entfremdungsbürde, die Marx, Benjamin und Bolívar analysieren. Letzterer fährt in seinem Text fort:

"Der Che lebt –  steht auf allen Wänden der Städte und auf allen Lehmmauern der Dörfer Lateinamerikas mit roten Buchstaben geschrieben. Und die, die sie schreiben, glauben nicht an ein anderes Leben als das materielle und irdische."7

Stefan Gandler, Professor für Philosophie und Gesellschaftstheorie, hat in verschiedenen Universitäten gelehrt wie: Universidad Nacional Autónoma de México; University of California, Santa Cruz; Tulane University, New Orleans; Goethe-Universität, Frankfurt/Main und Universidad Autónoma de Querétaro, an deren Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät er das Forschungsprojekt Kritische Theorie aus den Amerikas des Nationalen Wissenschafts- und Forschungsrats (CONACYT) gegründete hat und leitet. Er ist Nationaler Forscher Stufe III (max.) des Nationalen Forschersystems (SNI). Bücher auf Deutsch: "Peripherer Marxismus" (Hamburg, Argument, 1999) [über Bolívar Echeverría], "Materialismus und Messianismus" (Bielefeld, Aisthesis, 2008), Frankfurter Fragmente (Frankfurt/Main, Lang, 2013) und "Der diskrete Charme der Moderne" (Münster, LIT Verlag, 2020, in Druck)

  • 1. Vgl.: Walter Benjamin, La obra de arte en la época de su reproductibilidad técnica (Übers. Andrés E. [Echeverría] Weikert). Ed. Itaca, México 2003
  • 2. Bolívar Echeverría, "El Ethos Barroco", in: ders. (Hrsg.), Modernidad, mestizaje cultural, ethos barroco. México, Universidad Nacional Autónoma de México/El Equilibrista, 1994, S. 13-36, hier: S. 26. Original: "una combinación conflictiva de conservadurismo e inconformidad"
  • 3. Bolívar Echeverría, "Einführung", in: Ernesto Guevara, ¡Hasta la victoria, siempre! Eine Biographie mit einer Einführung von Bolívar Echeverría. Zusammengestellt von Horst Kurnitzky. Aus dem Spanischen von Alex Schubert. Berlin (West), Peter von Maikowski, 1968, S. 7-18, hier: S. 13.
  • 4. Ebd. S. 7.
  • 5. Ebd. S. 8.
  • 6. Ebd. S. 8f.
  • 7. Ebd. S. 9.
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