Venezuela

Neuer Anlauf zum Putsch in Venezuela

Exmilitärs planten Staatsstreich. Parlament richtet Untersuchungskommission ein

In Venezuela haben hochrangige Exmilitärs gemeinsam mit Kontaktmännern in der Armee offensichtlich die Ermordung von Präsident Hugo Chávez geplant. Am vergangenen Mittwoch abend hatte die venezolanische Fernsehsendung "La Hojilla" ("Die Rasierklinge") entsprechende Tonaufnahmen ausgestrahlt. In den mitgeschnittenen Gesprächen unterhalten sich die Umstürzler über mögliche Vorgehensweisen zur Beseitigung von Chávez. Sie deuten an, dass sie für ihre Pläne Unterstützung von Soldaten und Piloten hätten, die nur auf Befehle warten würden.

"Eine mögliche Operation", so die Verschwörer, sei es, die Präsidentenmaschine abzuschießen oder zu entführen. Außerdem ist zu hören: "Wir werden den Präsidentenpalast einnehmen und auch die Fernsehstationen". Das vorrangige Ziel sei, Chávez auszuschalten. Zur Herkunft der brisanten Aufzeichnungen sagte Moderator Mario Silva nur, sie stammten aus "einer Quelle". Es ist davon auszugehen, dass sich diese im Geheimdienstapparat der Regierung befindet.

Sechs höhere Militärs werden konkret verdächtigt zu den Verschwörern zu gehören. Darunter der General der Nationalgarde, Wilfredo Barroso, Vizeadmiral Carlos Millán Millán und Luftwaffengeneral Eduardo Báez Torrealba. Sie sollen auf den Aufnahmen zu hören sein. Torrealba ist bekannt als aktiver Unterstützer des missglückten Putsches von 2002. Daneben habe es auch schon mehrere Festnahmen ziviler Personen gegeben, teilte Verteidigungsminister Gustavo Rangel Briceño mit. Sein Ministerium hatte umgehend Ermittlungen aufgenommen.

Präsident Chávez wandte sich am Tag nach der Veröffentlichung der Pläne an die Bevölkerung. Das "Imperium" solle nicht glauben, dass "sie noch einmal so etwas machen können wie in Chile", sagte er am Donnerstag abend in Anspielung auf den Sturz von Salvador Allende vor 35 Jahren. "Sagt den Yankees und ihren Lakaien, dass sie dieses Land niemals mehr regieren werden, dieses Land ist frei", fügte Chávez hinzu. Gerade hatte er den amerikanischen Botschafter zur unerwünschten Person erklärt und den venezolanischen Vertreter aus Wa­shington zurückgerufen.

"Wir verlangen nichts weiter als Respekt aus dem Norden", betonte Chávez. Mit der Ausweisung des US-Botschafters wolle man seine Solidarität mit Bolivien zeigen, das seinen US-Botschafter wegen konspirativer Kontakte ebenfalls ausgewiesen hatte. Außerdem sind für die venezolanische Regierung die Spannungen in Bolivien und die Putschpläne in Venezuela zwei Seiten derselben Medaille. Erst Anfang des Monats hatte auch der neue Präsident Paraguays, Fernando Lugo, Putschpläne gegen seine Person veröffentlicht. Chávez warnte daher vor einer "neuen imperialistischen Offensive" in Lateinamerika.

Zuvor ließ der Präsident das Video mit den Telefonaufzeichnungen noch einmal auf allen Kanälen ausstrahlen, da viele kommerzielle Medien die Enthüllung bestenfalls als Randthema gebracht hatten. Die erstaunlich verhaltene Berichterstattung über die Aufdeckung der Putschpläne erinnert viele in Caracas an den Putschversuch vom 11. April 2002. Informa­tionsminister Andrés Izarra bestätigte dann entsprechende Befürchtungen: Es gebe Informationen darüber, daß Verantwortliche der Kommerzmedien in den Fall verwickelt seien, sagte er. Der Herausgeber der konservativen Tageszeitung El Nacional, Miguel Henrique Otero, reagierte prompt und nannte dies eine »Paranoia von Chávez«. Otero gehört dem berüchtigten Movimiento 2D an, in dem sich viele gescheiterte Putschisten von 2002 tummeln. Regierung und Parlament wollen nun eine mögliche Beteiligung von rechten Medienmachern wie Otero an der Ausarbeitung der Putschpläne prüfen.


Den Originalartikel in der Tageszeitung junge Welt finden Sie hier.

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