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21.01.2008 Venezuela / Wirtschaft

Zeit statt Geld

Venezuelas Wirtschaft unter der Lupe einer sozialistischen Politökonomie. Teil I: Der Arbeitswert als Maß der Umverteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums

Allin Cottrell und ich schrieben 1989 eine Arbeit über den Sozialismus, die drei Jahre später in Englisch unter dem Titel »Towards a New Socialism« (Hin zu einem neuen Sozialismus) veröffentlicht wurde. Dieses Buch richtete sich an ein Publikum in der UdSSR und osteuropäischen Ländern, weil es sich mit Problemen beschäftigt, mit denen der Sozialismus in diesen Ländern konfrontiert war. Es war unsere Absicht, eine russische Übersetzung zu veröffentlichen.

Das Buch präsentiert ein Modell für eine sozialistische Wirtschaft, die auf klaren ökonomischen und moralischen Prinzipien basiert und die - entgegen den unter dem damaligen Präsidenten Michail Gorbatschow eingeführten prokapitalistischen Maßnahmen - den grundlegenden Werten des Sozialismus wieder Geltung verschaffen sollte. Die Ereignisse verliefen aber zu schnell, als dass das Buch vor dem Untergang der UdSSR auf Russisch herauskommen konnte. Doch inzwischen haben die Grundaussagen der Arbeit hinreichendes Interesse bei Verlegern in Schweden, Deutschland (Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, PapyRossa 2005), Tschechien und Venezuela geweckt.

Im Juni des letzten Jahres, in einem Workshop in Venezuela anlässlich der Herausgabe der spanischen Übersetzung unter dem Titel »Hacia el socialismo del siglo XXI« (Hin zu einem Sozialismus des 21. Jahrhunderts), wurde die Frage gestellt, wie die von uns entwickelten Prinzipien auf die Entwicklung zum Sozialismus in diesem Land angewandt werden könnten. Im Folgenden soll darauf eine Antwort gegeben werden.

Merkmale des reifen Sozialismus

Selbstverständlich kann auf Venezuela ein wissenschaftliches Modell nicht unmittelbar angewandt werden, das für Probleme einer reifen sozialistischen industriellen Wirtschaft wie die der UdSSR konzipiert worden ist. Es kann aber eine Vorstellung davon vermitteln, wohin der sozialistische Transformationsprozess vielleicht führt. Ökonomische Fehler können vermieden werden, die in der UdSSR und Osteuropa gemacht wurden. Denn wer aus der Geschichte nichts lernt, wird nochmals zum Scheitern verurteilt sein.

Eine Gesellschaft im Übergang zum Sozialismus hat immer wieder Entscheidungen über den richtigen Weg zu treffen. Er kann auch schließlich zum Kapitalismus zurückführen, wie es im 20. Jahrhundert passierte. Das größte Problem dabei ist, dass die Auswirkungen von Entscheidungen nicht sofort auf der Hand liegen. Das heißt, fast bis zum letzten Moment können die Leute glauben, dass sie auf dem richtigen Kurs sind.

Im Folgenden wird versucht, einige Phasen des Übergangs zu einer neuen Ökonomie zu durchdenken, die wir in »Alternativen aus dem Rechner« beschrieben haben. Es soll nicht wiederholt werden, was in dem Buch ausführlich dargelegt wurde, aber drei Hauptmerkmale eines reifen Sozialismus sollen hier noch einmal kurz vorgestellt werden.

  1. Die Ökonomie beruht auf einer wohlüberlegten und bewussten Anwendung der Arbeitswerttheorie, wie sie von Adam Smith und Karl Marx entwickelt wurde. Es handelt sich um ein Modell, in dem auf der einen Seite Verbrauchsgüter mit der für sie aufgewendeten Arbeitszeit in Stunden und Minuten versehen werden und auf der anderen Seite jeder Arbeiter seine geleisteten Arbeitsstunden angerechnet bekommt. Die konsistente Anwendung dieses Prinzips eliminiert ökonomische Ausbeutung.
  2. Die Industrie ist Gemeineigentum, produziert nach einem Plan und nicht profitorientiert. Staatliche Einzelhandelsunternehmen zum Beispiel arbeiten eher kostendeckend als auf der Basis von Gewinn.
  3. Entscheidungen werden auf örtlicher und auf nationaler Ebene demokratisch getroffen. Das wichtigste Gebiet der Entscheidungsfindung betrifft die Höhe der Steuern und der öffentlichen Daseinsfürsorge. Eine solche Entscheidungsfindung ist für einen reifen Sozialismus lebenswichtig, um zu verhindern, dass die private Ausbeutung, wie es sie in der kapitalistischen Phase des Landes gegeben hat, von einer Ausbeutung durch staatliche Funktionäre abgelöst wird.

Wenn wir dies nun mit der heutigen Wirtschaft Venezuelas vergleichen, sehen wir, dass das Land in allen drei Hauptmerkmalen eines reifen Sozialismus entweder sich noch nicht auf den Weg dorthin gemacht hat, oder erst einige Schritte zurückgelegt hat.

Immer noch Geldwirtschaft

Sehen wir uns diese Punkte nacheinander an. Die venezolanische Wirtschaft beruht immer noch auf Geld. In seinem großen Werk »Das Kapital« zeigt Karl Marx, dass das Geld im Kapitalismus von Anfang an ein Grundübel ist. Das Wesen des Kapitalismus besteht darin, Mehrwert zu produzieren. Das heißt, ein Kapitalist setzt eine bestimmte Summe seines Geldes in einen Produktionsprozess ein, um am Ende desselben mehr Geld zur Verfügung zu haben. Marx bringt diesen Prozess auf die Formel G -> G|.

Weil Kapitalisten - lapidar gesagt - mehr Geld haben als arbeitende Menschen, können sie diese als Lohnarbeiter einstellen. Die Löhne sind viel geringer als der Wert, den die Arbeiter während einer Arbeitswoche schaffen. Da der Kapitalist das Produkt zu einem höheren Wert verkaufen kann, als er an Lohn für die Herstellung selbigen Produkts auszahlt, wird er immer reicher, während der Arbeiter von dem Lohn lediglich sein unmittelbares Leben erhalten kann.

Auf diese Weise wird in Venezuela immer noch gewirtschaftet. Das ist die eigentliche Ursache des Unterschieds zwischen Reich und Arm, zwischen der dort agierenden Wirtschaftsoli­garchie und den arbeitenden Massen. Darüber hinaus gibt es eine zweite Form von Ausbeutung, die Kapitalisten erlaubt, ihr Geld zu vermehren: das Verleihen von Geld gegen Zinsen. Dies ist ein Prozess, der dem Geldverleiher erlaubt, Jahr für Jahr durch Nichtstun reicher zu werden. Auch dies ist gegenwärtiger Alltag in Venezuela.

Ungeplante Wirtschaft

In Venezuela wird, im Unterschied etwa zur UdSSR, die Versorgung mit den meisten Gütern und Diensten über den Markt reguliert. Wenn dies auch keine gänzlich schlechte Sache ist, weil es in einem gewissen Umfang die Anpassung der Versorgung an die Wünsche der Menschen erlaubt, besteht der Nachteil darin, dass der Konsum von Gütern und Dienstleistungen systematisch zugunsten der Bedürfnisse der Reichen verzerrt wird. Venezuela fehlen gegenwärtig die Mechanismen, mit denen die Struktur der Wirtschaft als Ganzes durch einen bewussten gesellschaftlichen Plan reguliert werden könnte. Einen Plan, mit dem sowohl eine wirtschaftliche Entwicklung als auch eine angemessene Bedürfnisbefriedigung aller Bürger erreicht werden kann.

Unser Buch »Alternativen aus dem Rechner« geht vom öffentlichen Eigentum einer nationalen Ökonomie aus. Der größte Teil der venezolanischen Wirtschaft ist aber immer noch privat. Frühere Übergangsphasen zum Sozialismus in anderen Staaten haben privates Eigentum erlaubt. Eine Zeitlang existierten staatliches und kollektives Eigentum nebeneinander. Die Neue Ökonomische Politik zwischen 1921 und 1928 in der UdSSR sowie die privaten Fabriken in China in den fünfziger Jahren sind Beispiele dafür. Wenn aber private Produktion längere Zeit neben staatlicher koexistiert, hat das politische und wirtschaftliche Auswirkungen. Die kleinbürgerliche Struktur der Landwirtschaft der Volksrepublik Polen und die daraus resultierenden Lebensmittelprobleme waren ein Zeugnis solcher Gefahren.

In einem sozialistischen Einparteienstaat entstehen Fraktionen innerhalb der regierenden Partei, die im Interesse privater Produzenten sprechen. Langfristig können diese Fraktionen, wie die Erfahrung in China zeigt, zu einer Unterminierung des Sozialismus führen, die eine nominell kommunistische Partei in eine degenerierte Organisation verwandelt. Wahrscheinlich würde eine echte partizipatorische Demokratie eine solche Subversion schwerer machen als ein zentralisierter Einparteienstaat, jedenfalls wird auf lange Sicht die Beibehaltung des Privateigentums immer problematisch bleiben.

Revolution unvollendet

Während Venezuela Schritte in Richtung einer lokalen partizipativen Demokratie bereits unternommen hat, muss letztere in Bezug auf Hauptfragen nationaler wirtschaftlicher Kontrolle erst noch eingeführt werden. Fragen der Erhöhung der Staatseinnahmen und ihre Aufteilung zwischen den wesentlichen Budgettiteln - Verteidigung, gesellschaftliche Daseinsfürsorge, Investitionen in die Infrastruktur usw. - werden eher zentral behandelt, als dass es der Bevölkerung als Ganzer ermöglicht wird, über sie zu bestimmen. Wenn dieses Problem nicht angegangen wird und der Staat die Wirtschaft immer mehr dominiert, entsteht eine ernste Gefahr. Man könnte am Ende in eine Situation wie in der UdSSR geraten, in der der Staat und seine Funktionäre wie eine neue, ausbeutende Klasse erscheinen konnten.

Wenn wir daran denken, was in der UdSSR unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch passierte, muss das Begehren staatlicher Funktionäre und Betriebsleiter, von einem Status wie dem von Angehörigen einer Ausbeuterklasse zu tatsächlichen Kapitalisten - etwa den russischen Oligarchen von heute - überzugehen, zu einem der Hauptfaktoren für den Kollaps gezählt werden.

Durchführung der Transformation

Der englische Ökonom und Mathematiker John Maynard Keynes bemerkte, dass politische Praktiker, ob vorsichtig oder kühn, unbewusst die Ideen von Ökonomen, die schon lange tot sind, in der Praxis wiederholen. Politiker, die den Neoliberalismus voranbringen, wiederholen, ob sie es wissen oder nicht, die Ideen reaktionärer Wirtschaftswissenschaftler wie die der Österreicher Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Die Politik, die im folgenden vorgeschlagen wird, kontert jene Ideen, indem die Einsichten anderer Wissenschaftler in Anspruch genommen werden, insbesondere die des schottischen Philosophen Adam Smith, des großen deutschen Ökonomen Karl Marx, des polnischen sozialistischen Ökonomen Oscar Lange und des bereits genannten Keynes.

Ökonomen können nur mögliche Vorgehensweisen in der Wirtschaft und deren wahrscheinliche Folgen skizzieren. Entscheidungen über den einzuschlagenden Weg sind wesentlich politisch, und eine politische Gemeinde, die Führer und Bürger des betreffenden Landes, ist für ihr eigenes Schicksal verantwortlich. Intellektuelle können aber gesellschaftliche Entwicklungen antizipieren bzw. neue Entfaltungsmöglichkeiten vorschlagen, um die Debatte über den weiteren Weg zum Sozialismus zu beeinflussen.

Stabilisierung der Währung

Gemessen am Weltstandard leidet die venezolanische Wirtschaft unter einer beträchtlichen Inflation. Für das Jahr 2007 gab die Zentralbank einen Wert von 22,5 Prozent an. Die Teuerung wird zwar durch administrative Maßnahmen zur Stabilisierung der Preise bestimmter lebensnotwendiger Güter verdeckt, aber sie ist dennoch eine Tatsache.

An sich steht eine Inflation nicht notwendigerweise den Interessen der arbeitenden Klassen entgegen, vorausgesetzt, dass die Löhne mit den Preisen Schritt halten. Am härtesten von einer Inflation getroffen ist die Klasse der Rentiers, deren Geldbesitz und zinstragende Vermögen an Wert verlieren. Da diese Leute in der großen Mehrheit Gegner des Sozialismus sind, bräuchte sich eine sozialistische Regierung um deren wie auch immer geartete finanzielle Verluste nicht zu sorgen, wenn es nicht noch andere gesellschaftliche Auswirkungen der Inflation gäbe.

Ungewissheit über künftige Preise führt auch zu psychischer Instabilität in der Bevölkerung und oft zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Regierung. Diese Ungewissheit spielte eine Rolle beim Untergang der UdSSR. Und sei es aus keinem anderen Grund, wird es für die venezolanische Regierung letztendlich nötig sein, Maßnahmen zur Regulierung der Inflation zu ergreifen.

Wenn es darum geht, eine auf gleichwertige Bezahlung der Arbeit basierende sozialistische Ökonomie aufzubauen, kann eine Währungsreform als ein Schritt hin zu diesem Ziel benutzt werden. In der Folge der Einführung des neuen Bolívar Fuerte (am 1. Januar 2008 - d. Übers.), sollte der Staat der Zentralbank die gesetzliche Verpflichtung auferlegen, für einen stabilen Wert der Währung auf der Grundlage von Arbeitszeit zu sorgen, statt die neue Währung an den Dollar zu binden.

Als beispielhaft kann die erfolgreiche Währungspolitik der britischen Labour-Regierung nach 1996 gesehen werden. Damals unterstellte die Regierung die Währungspolitik dem Monetary Policy Committee, das mehrheitlich mit sachkundigen Ökonomen anstelle von Politikern besetzt war, und gab ihm den gesetzlichen Auftrag, eine Inflationsgrenze zu bestimmen. Man hätte erwarten können, dass eine deflationistische Politik herauskommen würde; tatsächlich war sie aber sehr erfolgreich, weil der Ausschuss verpflichtet war, sowohl Inflation als auch Deflation zu vermeiden.

Worin sich ein venezolanisches Komitee von dem britischen unterscheiden wird, ist die Zielsetzung: Der Bolívar sollte an den Arbeitswert, nicht an den Lebenshaltungskostenindex gebunden werden. Dafür gibt es zwei Gründe.

  1. Da die Arbeitsproduktivität auch in dieser Phase der Entwicklung zum Sozialismus steigt, wird ein an Arbeitsstunden gebundener Bolívar jedes Jahr gegen mehr Güter austauschbar sein und die Lebenshaltungskosten senken.
  2. Sobald der an Arbeitszeit gebundene Wert des Bolívar stabil ist, sollte der Arbeitswert auf den Bolívar-Banknoten in Stunden und Minuten angegeben werden. (Ein Rechenexempel: Für die Bundesrepublik entspricht der Wert eines Euros bei einer Ausbeutungsrate von 65 Prozent und einem Durchschnittslohn von 19,50 Euro zwei Arbeitsminuten - d. Übers.) Dieser Schritt wäre ein Akt revolutionärer Pädagogik. Den Unterdrückten würde eindeutig dargelegt, wie das bestehende kapitalistische System in Venezuela sie betrügt. Nehmen wir an, eine Arbeiterin arbeitet wöchentlich 45 Stunden, für die sie Bolívar erhält, und sieht, dass die aufgedruckte Arbeitszeit auf den einzelnen Geldscheinen zusammen nur 15 Stunden ausmacht. Dann wird ihr bewusst werden, dass sie jede Woche um 30 Arbeitsstunden betrogen wird. Dies wird das sozialistische Bewusstsein der Menschen erhöhen und eine günstige öffentliche Meinung für weitere sozialistische Maßnahmen der Regierung schaffen.

Das Prinzip der partizipativen Demokratie verlangt, dass statt eines Gremiums von Ökonomen, das mit der Regulierung des Bolívars beauftragt wird, ein »Ausschuss für Wertpolitik« sowohl von Ökonomen als auch von Delegierten aus Gewerkschaften und Verbraucherassoziationen gebildet wird. Dieser Ausschuss müsste, um seine Stabilitätspolitik durchführen zu können, Erhebungen darüber in Auftrag geben, wieviel Arbeit in den verschiedenen Industrien geleistet und wieviel an Geldwert in diesen Industrien investiert wurde.

Reform der Buchführung

Derzeit sind alle Firmen zu einer monetären Buchführung verpflichtet. Die Regierung könnte zur Bedingung machen, dass auch über die Arbeitszeiten Buch geführt wird und dass die Firmen auf allen Produkten, die sie verkaufen, das notwendige Arbeitszeitquantum, das für ihre Herstellung erforderlich ist, angeben.

Zunächst brauchen die Firmen nicht verpflichtet zu werden, ihre Waren zu ihren tatsächlichen Werten zu verkaufen. Sie könnten versuchen, sie für einen Preis anzubieten, der höher oder niedriger als der tatsächliche Wert liegt. Aber es ist eine Tatsache, dass in kapitalistischen Ökonomien Preise durch Arbeitswerte recht genau bestimmt werden. Die Abweichungen zwischen beiden betragen im Allgemeinen weniger als zehn Prozent. Überdies werden Verbraucher, da sie jetzt sehen können, ob die Preise überhöht sind, dazu tendieren, Firmen zu meiden, die Güter über ihrem tatsächlichen Wert verkaufen. Dadurch wird auf solche Firmen ein psychologischer und Verbraucherdruck ausgeübt. Auch dies ist eine Form sozialistischer Massenpädagogik.

In den Monaten, bevor auf allen Gütern deren Arbeitswerte angegeben werden, müssen die Firmen den Gütern, die sie zur Herstellung ihrer Produkte erwerben, ihre Arbeitswerte zuschreiben und dafür die Austauschrate zwischen Bolívar und Arbeitsstunden (entsprechend meinem Beispiel: ein Euro zu zwei Arbeitsminuten - d. Übers.) benutzen. Um zum Arbeitswert des Endprodukts zu gelangen, wird zum Arbeitswert der in ihm verarbeiteten Güter die Anzahl der Arbeitsstunden hinzugefügt, die von den Beschäftigten zur Herstellung des Endprodukts geleistet worden sind.

Ich erwähnte schon die pädagogischen Gründe für die Einführung der Arbeitszeitrechnung in der Wirtschaft. Die Regierung sollte sich auch in Richtung eines dualen Systems volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung - Arbeitszeitrechnung neben Geldrechnung - bewegen. Denn es gibt in der nationalen Wirtschaftspolitik viele Probleme, bei denen die Arbeitszeitrechnung informativer ist als die monetäre. Letztere verbirgt die Tatsache, dass nationale Wirtschaftspolitik nichts anderes als die (Wieder-)Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit ist. Geld ist die Maske, hinter der sich die wirkliche Arbeitsverteilung vollzieht.

Sobald ein System der Arbeitszeitkonten existiert, könnte ein rationales Planungssystem entwickelt werden. Aber dessen Aufbau kostet Zeit. Es erfordert beträchtliche Softwareinvestitionen. Es erfordert die Einrichtung demokratischer Institutionen der Produzentenkontrolle sowie ein redliches und ausgebildetes technisches Personal, das unter der Arbeiterkontrolle tätig ist. Bis solch ein Apparat aufgebaut ist, geht es in der Übergangsphase um eine wohlüberlegte und offene Anwendung des Wertgesetzes.

Regelungen zum Arbeitswert

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass in der kapitalistischen Welt der Geldwert der Güter im hohen Maße von ihrem Arbeitsinhalt, also vom notwendigen Arbeitszeitquantum, das für ihre Herstellung erforderlich ist, bestimmt wird. Studien ergeben, dass in den meisten Ökonomien die Korrelation zwischen Arbeitswerten und Produktpreisen bei 95 Prozent oder darüber liegt. So ist Adam Smiths wissenschaftliche Hypothese, dass Arbeit die Quelle des Wertes ist, jetzt statistisch verifiziert.

Dieser wissenschaftlichen Tatsache sollte in Venezuela in einem Gesetz Rechnung getragen werden, in dem anerkannt wird, dass Arbeit die einzige Quelle des Wertes ist. Darin käme auch zum Ausdruck, dass konsequenterweise Arbeiter oder ihre Gewerkschaften gegenüber den Unternehmern einen gesetzlichen Anspruch auf Bezahlung nach dem vollen Wert ihrer Arbeit haben. Wenn wir die vorherigen Maßnahmen und die revolutionäre Pädagogik, die daraus folgt, betrachten, sollte es relativ leicht sein, einen Volksentscheid über solch ein Gesetz zu gewinnen.

Nach der Verabschiedung eines solchen Gesetzes kann eine Welle des Aktivismus bei den Arbeitern erwartet werden, da Beschäftigte und Gewerkschaften den Schwindel und Betrug, dem sie ausgesetzt sind, nicht länger mitzumachen bereit wären. Es wird auch zu einer beträchtlichen Erhöhung der Reallöhne kommen, was wiederum die Unterstützung der sozialistischen Regierung zementiert.

Andererseits sähen sich die Unternehmer mit einem tiefen Sturz ihrer nicht durch eigene Arbeit gemachten Profite konfrontiert. Unternehmer, die aktive Manager sind, hätten natürlich noch Anspruch darauf, für ihre Leitungsarbeit wie jeder andere Angestellte auch bezahlt zu werden.

Der kumulative Effekt dieser drei hier umrissenen Maßnahmen (Währungsstabilisierung, Reform der Buchführung, Gesetz zum Arbeitswert - d. Übers.) bedeutet die Abschaffung kapitalistischer Ausbeutung am Arbeitsplatz - zumindest kurzfristig. Auf längere Sicht würde es jedoch Schwierigkeiten geben, wenn nicht weitere Maßnahmen ergriffen würden, die ich im zweiten Teil meines Artikels untersuchen werde.


Paul Cockshott ist Informatiker und Ökonom aus Glasgow

Übersetzung aus dem Englischen von Helmut Dunkhase

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