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02.06.2010 Suriname

Surinam: Die wahre Unabhängigkeit

Hintergründe zum kleinsten Land Südamerikas und Bericht von einem Treffen mit seinem ehemaligen "Diktator"

Paramaribo. Mehr als 30 Jahre sind seit der "Revolution der Sergeanten" vom 25. Februar 1980 vergangen, die vom Oberstleutnant Desiré Bouterse (heute 64) in Surinam angeführt wurde. Eben dieser Bouterse ist in der vergangenen Woche als Gewinner aus den Parlamentswahlen hervorgegangen. Sein Motto damals wie heute lautet in der Sprache Sranan-Tongo, der Kreolensprache Surinams "Tide tamara we stree go moro fara": "Heute und morgen führen wir den Kampf weiter".

Einige Medien meldeten, dass nach den vorläufigen Ergebnissen "der Exdiktator von Surinam" und seine Partei Mega Combination (MC) 23 von 51 Sitzen erreichten. Drei zusätzliche Sitze seien für die Parlamentsmehrheit nötig. Die Partei des Präsidenten Ronald Venetiaan, der zehn Jahre mit seiner "Nieuw Front" regierte, erreichte 13 Sitze. Der ehemalige Rebellenführer Ronny Brunswijjk bekam sieben Sitze.

Diese Nation, umgeben von den Ländern Brasilien, Guyana und Französisch-Guyana, in die 350.000 afrikanische Sklaven verschleppt wurden, die aus vielen Rassen und Sprachen besteht, sehnte sich nach drei Jahrhunderten Kolonialisierung nach Unabhängigkeit. Sie sah sich der niederländischen Kolonialmacht gegenüber, die diese Freiheit schließlich am 25. November 1975 gewähren musste. Tatsächlich wollten die Niederlande auch nach der Unabhängigkeit Surinams eine neokoloniale Abhängigkeit bewahren. Surinam aber benötigte die Unabhängigkeit, um das von den Kolonialherren geerbte Chaos zu lösen. Die Bevölkerung bestand unter anderem aus 37 Prozent Asiaten, 36 Prozent Afrikaner und 13 Prozent Nachfahren geflohener Sklaven. Die Arbeitslosigkeit lag bei knapp 35 Prozent. Nach einer Statistik der Schriftstellerin Cecile Zandwyken verließen zwischen 1965 und 1978 rund 130.000 Menschen dieses kleinste Land Südamerikas.

Die Unruhe bemächtigte sich Surinams, als die alte Kolonialmacht ihr Versprechen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit nicht einhielt, inmitten eines Prozesses der Kapitalflucht, mangelnden Wohnungsbaus, einer allgemeinen Korruption und stagnierenden Produktion.

Ein Tag vor der Militärerhebung vom 25. Februar 1980 wurde eine Gruppe von Funktionären der Militärgewerkschaft, deren Präsident Bouterse war, verhaftet. Dies erfolgte auf Befehl des unbeliebten Präsidenten Henck Arron. Bouterse aktivierte unverzüglich den Plan "Stunde U": Mit 16 Unteroffizieren kaperten sie das Schiff S-402 im Fluss Surinam, um die inhaftierten Militärs zu befreien. Sie beschossen das Polizeigebäude, in das sich Präsident Arron geflüchtet hatte. Später errichtete die Revolutionsregierung an diesem Ort ein Denkmal als Zeugnis dieser Geschehnisse.

Als Bouterse einst erfuhr, dass wir in Surinam waren, um ein Interview für die nicaraguanische Zeitschrift Soberanía (Souveränität) zu führen, empfing er uns unverzüglich.

Wie uns zuvor bereits einige Freunde mitteilten, darunter der Erziehungsminister Glenn Sankatsing, konnten wir feststellen, dass Bouterse, im Gegensatz zur Darstellung der konservativen Presse des Kontinents, eine bescheidene, einfache, charismatische und sportliche Person war. Er genoss die Sympathie aus dem Volk und hatte vor allem einen ausgezeichneten Humor.

Als ich ihn über die bestehenden Möglichkeiten fragte, die er und die anderen Militärs bei der Machtübernahme hatten, antwortete mir Bouterse: "Tatsächlich waren wir uns bewusst, dass wir drei Möglichkeiten hatten. Die erste war die Errichtung einer Militärdiktatur im Land. Hätten wir diesen Weg eingeschlagen, hätten wir sofort die Unterstützung des Imperialismus gehabt und es gäbe weder gegen uns, noch gegen den revolutionären Prozess Destabilisierungskampagnen oder Verschwörungen mittels angeheuerter Söldner. Die zweite war, das Land den früheren dominierenden Gruppen zurück zu geben, was uns die Geschichte nie verziehen hätte. Der dritte Weg war weiter voranzuschreiten, um unser Land zu befreien bis zur wahren Unabhängigkeit und nationalen Souveränität."

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