International / Kultur

Dank an das Leben

Amerika21.de wünscht allen Leserinnen und Lesern mit den Worten Violeta Parras ein frohes neues Jahr

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Violeta Parra
Violeta Parra

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir zwei Augen, um deutlich zu trennen
das Weiße vom Schwarzen; die Welt zu erkennen,
den sternklaren Grund überm endlosen Himmel
und den, den ich liebe im Menschengewimmel.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir zwei Ohren, die Welt zu erlauschen,
Gesang von Zikaden, des Regenguss' Rauschen,
Geräusch von Turbinen, vom Hämmern an Bauten,
die zärtliche Stimme des lange Vertrauten.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir die Stimme, es gab mir die Laute,
so konnte ich rufen, den, dem ich vertraute:
die Mutter, den Freund und den Bruder zu finden,
den Weg zu der Seele des Liebsten ergründen.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir zwei Füße, um sie zu benützen,
so laufe ich müde durch Städte und Pfützen,
auf Berge, durch Wüsten, so heiß ohnegleichen,
dein Haus, deine Straße, um dich zu erreichen.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir mein Herz, und das klopft zum Zerspringen,
will ich die Früchte des Geistes besingen,
seh ich wie weit ist das Gute vom Bösen,
seh ich deine Augen und kann mich nicht lösen.

Ich danke dem Leben, das mir so viel gegeben:
Es gab mir mein Lachen, es gab mir mein Weinen,
und lässt mich das Glück von dem Leid unterscheiden,
mein Lied ist aus diesen zwei Quellen entsprungen,
mein Lied für mich selber und für euch gesungen,
mein Lied für mich selber und für alle gesungen.

Gracias a la vida, der Dank an das Leben, ist das bekannteste Musikstück der chilenischen Liedermacherin Violeta Parra. Es wurde vielfach interpretiert, bekannt ist vor allem die Version der 2009 verstorbenen Mercedes Sosa. Gracias a la vida erinnert zugleich an den ständigen Kampf der Menschen auf dem amerikanischen Kontinent um ihre Selbstbestimmung und Menschenrechte.

So passt es, dass die chilenische Staatsanwaltschaft in diesen letzten Tagen des Jahres Haftbefehle gegen acht mutmaßlich Verantwortliche für die Ermordung des Musikers und Aktivisten Victor Jara nach dem blutigen Putsch 1973 erlassen hat.

Amerika21.de verabschiedet sich mit diesen Zeilen – in einer Übersetzung des in diesem Jahr verstorbenen Lyrikers Heinz Kahlau – für 2012 von seinen Leserinnen und Lesern. Aber auch morgen werden wir weiterhin täglich fundiert und aktuell über Lateinamerika und die Karibik berichten.

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