Venezuela

Mediendemokratie im Aufbau

Öffentlich-rechtliches Programm in Venezuela feiert heute ersten Geburtstag. Privatkanal RCTV will Lizenz zurück

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Mediendemokratie im Aufbau
TVes-Präsidentin Rodríguez: Zuschauer als aktive Protagonisten einbinden

Caracas. Auf den Tag genau seit einem Jahr gibt es öffentlich-rechtliches Fernsehen in Venezuela. Die Präsidentin des damals gegründeten Kanals TVes (Soziales Venezolanisches Fernsehen), Lil Rodríguez, bezeichnete am Montag gegenüber Pressevertretern das erste Jahr als eine Zeit des Lernens und des Aufbaus. Die Anfänge seien schwer gewesen: Ein neues Konzept - bisher ohne Vorbild im Land - habe nur langsam Stück für Stück entwickelt werden können. "Heute bietet TVes eine echte Bühne für die unabhängigen Produzenten," betonte Rodríguez nicht ohne Stolz: "Die Unabhängigen sind die Seele von Tves".

TVes ist verpflichtet, auf unabhängige Produktionen zurückzugreifen. Politisch gehe es darum, "mit dem Paradigma des verkommenen, entfremdenden Fernsehens zu brechen und ein neues Fernsehen zu erfinden". Dazu soll auch die Abstimmung mit Komitees der Zuschauer und der Produzenten dienen, die über Entscheidungen des Kanals beraten und abstimmen sollen. Auch in der Leitung des Senders sind beide vertreten. TVes ist damit der erste Sender Lateinamerikas, der ein solches Vertretermodell etabliert hat. Der von einer Stiftung betriebene Sender genießt gegenüber der Regierung Autonomie.

Die bisher geringen Einschaltquoten machten ihr jedoch Kopfschmerzen, gab Rodríguez zu. Sie arbeite aber unentwegt an Verbesserungen um das Programm attraktiver zu machen. Hingegen habe TVes nicht die Möglichkeiten wie ein kommerzieller Kanal. Vor allem seien aber die Ziele andere und dabei sei die Einschaltquote nicht das Entscheidende. Außerdem seien zwar die Ergebnisse in Caracas nicht zufrieden stellend, allerdings sei das Programm bisher auch mehr auf die Provinz ausgerichtet und der Zuspruch dort größer. Den heutigen Geburtstag verbringt das Programm im Freien: den ganzen Tag wird ein Spezialprogramm vom zentralen Plaza Bolívar in Caracas aus gesendet.

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Auch der Privatkanal RCTV, der seine terrestrische Sendelizenz damals an den neuen Kanal abgeben musste, gedenkt der "dunkelsten Stunde" in seiner Geschichte und hofft darauf, die Lizenz wieder zu erlangen. Auch dort gibt es heute Sonderprogramm. Zwar verbreiten immer noch viele Medienschaffende in Deutschland der Sender sei "verboten" worden (z.B. in der taz), doch in Wahrheit hatte er nach einer selbstverordneten Sendepause im vergangenen Juli seinen Betrieb wieder aufgenommen. Die Möglichkeit, das Signal über Satellit und Kabel auszustrahlen war ihm nie abgesprochen worden. Zwar wurde die terrestrische Lizenz nicht verlängert, doch nach der Bekanntgabe der Entscheidung im Dezember 2006 bis zur Abschaltung der Sendeanlagen im Mai 2007 wäre genug Zeit gewesen entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Doch RCTV wollte den Propaganda-Erfolg einer angeblichen Zensur und täuschte damit die gesamte Weltöffentlichkeit.

Am Sonntag inszenierte die Sendeleitung dann wieder medienwirksam eine Protestkundgebung gegen ihre damalige "Schließung" und hunderte Venezolaner kamen und beteiligten sich an der Show. Massenwirksam waren die Stars der Telenovelas gekommen und der Sender feierte sich vor seinem Gebäude in Caracas selbst. "Wir marschieren für die Demokratie und dass sie uns unseren Fernsehkanal wiedergeben", sagte ein Studentenvertreter auf der Veranstaltung. Doch RCTV ist nicht gerade für seine demokratische Orientierung bekannt. Besitzer Marcel Granier gilt als autoritärer Führer, der rücksichtslos seine politische Linie durchdrückt und selbst vor Beleidigung und Manipulation keinen Halt macht. Das politische Engagement des RCTV-Trägers und Medienkonzerns BC1 ging sogar so weit, dass Unternehmen und Sender im April 2002 einen Putschversuch unter Federführung rechter Militärs und Unternehmer unterstützten.


Bildquelle: MinCI

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