Kolumbien / Politik

Kolumbien: Weiterer Hauptzeuge im Odebrecht-Skandal tot

Ehemaliger Regierungsfunktionär Merchán soll Selbstmord mit dem Gift Zyanid begangen haben. Forderungen nach Rücktritt der Generalstaatsanwalts

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Der ehemalige Sekretär für Transparenz und Zeuge im Odebrecht-Korruptionsskandal, Rafael Merchán, soll mit dem Gift Zyanid Selbstmord begangen haben
Der ehemalige Sekretär für Transparenz und Zeuge im Odebrecht-Korruptionsskandal, Rafael Merchán, soll mit dem Gift Zyanid Selbstmord begangen haben

Bogotá. Der kolumbianische Generalstaatsanwalt Nestor Humberto Martínez hat am Mittwoch vergangener Woche mitgeteilt, dass der wichtige Zeuge im Korruptionsskandal um das brasilianische Bauunternehmen Odebrecht, Rafael Merchán, im Dezember Selbstmord mit Zyanid begangen haben soll. Er widersprach damit Spekulationen, Merchán sei ermordet worden. Im November war mit Jorge Pizano ein erster Hauptzeuge tot aufgefunden worden. Die Umstände sind bislang ungeklärt. Auch sein Sohn starb kurze Zeit später an einer Zyanid-Vergiftung.

Im Laufe des Wochenendes kam es landesweit zu Protesten, die den Rücktritt des Generalstaatsanwalts forderten. Unter anderem in Bogotá, Medellín, Sincelejo, Bucaramanga, Barranquilla, Cartagena und Ibagué forderten die Demonstranten, den Weg für transparente Ermittlungen im Korruptionsskandal Odebrecht freizumachen. Dem stehe Martínez entgegen. Die Kritik an ihm wird seit Wochen stärker. Mittlerweile wurden Martínez und sein Team vom Fall Odebrecht sogar abgezogen

Der letzte Aufmerksamkeit erregende Fall betraf in Rafael Merchán den ehemaligen Transparenz-Sekretär unter der ersten Santos-Regierung (2010-2014). Der Anwalt und Politologe war drei Wochen vor seinem Tod als Zeuge für den Korruptionsfall Odebrecht benannt worden. Er sollte zugunsten von Luis Fernando Andrade aussagen, dem ehemaligen Direktor der Nationalen Infrastrukturagentur. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen seiner Rolle im Odebrecht-Skandal. Merchán sollte erklären, ob er über die Methoden von Odebrecht Bescheid wusste und ob Andrade ihn informiert hatte.

Am 27. Dezember war Merchán dann tot in seiner Wohnung aufgefunden worden, nachdem ihn seine Familie als vermisst gemeldet hatte. Diese erklärte von Anfang an, Merchán habe Selbstmord begangen. Der umstrittene Generalstaatsanwalt Martínez bestätigte dies am Mittwoch. In einer Pressekonferenz belegte er mit Internetprotokollen, Anrufdaten und Videoaufnahmen aus Überwachungskameras, dass Merchán wenige Tage vor seinem Tod das Gift Zyanid selbst gekauft und in sein Wohnhaus gebracht hatte. Auch der Händler, der ihm in einem Laden im Zentrum für weniger als neun Euro das Zyanid verkauft hatte, habe dies bestätigt, sagte Martínez. Die Mordermittlungen wurden eingestellt.

Mercháns Tod ist ein weiterer Rückschlag bei der schleppenden und von Skandalen gebeutelten Verfolgung des Odebrecht-Skandals in Kolumbien. Dort soll Odebrecht zwischen 2001 und 2016 etwa 11,1 Millionen US-Dollar Bestechungsgelder gezahlt haben. Der größte Teil der Summe diente dafür, die Aufträge für zwei staatliche Mega-Projekte zu bekommen: den Ausbau der Ruta del Sol, die das Landesinnere mit der Atlantikküste verbinden soll, und die Erweiterung der Autobahn Ocaña-Gamarra. In den Skandal sind auch Kolumbiens ehemalige Präsidenten Álvaro Uribe und Juan Manuel Santos und vor allem der jetzige Chef-Ermittler, Generalstaatsanwalt Nestor Humberto Martínez involviert.

Martínez habe die Aufklärung im Fall Odebrecht stark behindert, so Kritiker. Sie bemängeln auch seine Befangenheit: Vor seiner Ernennung zum Generalstaatsanwalt arbeitete er als Anwalt für den kolumbianischen Bankenkonzern Grupo Aval, dem Geschäftspartner von Odebrecht. Zu der Zeit hatte ihn bereits der damalige Kontrolleur des Ruta del Sol-Konsortiums, Jorge Pizano, über die Praktiken von Odebrecht informiert. Martínez verschleppt die Ermittlungen aber seit seiner Ernennung zum Generalstaatsanwalt im Jahr 2016. Pizano, der erste Hauptzeuge im Odebrecht-Skandal, ist tot.

Er starb im November unter bislang ungeklärten Umständen. Medien berichteten, auch sein Körper würde auf Zyanid-Rückstände untersucht. Sein Sohn, der für die Beerdigung seines Vaters aus Spanien anreiste, war wenige Tage später ebenfalls an einer Zyanid-Vergiftung gestorben.

Bei der Pressekonferenz zu Mercháns Selbstmord kündigte Generalstaatsanwalt Martínez in Kürze neue Erkenntnisse in Sachen Pizano an. Zwei weitere Zeugen haben nach dem Tod von Pizano und Merchán das Land verlassen und sollen sich in den USA befinden.

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