Kolumbien: Anstieg der Gewalt gegen Frauen unter der Ausgangssperre

Cali. Die aufgrund der Corona-Pandemie verhängte Ausgangssperre verschlechtert die Lage für mögliche Opfer von häuslicher und intrafamiliärer Gewalt. Bereits nach wenigen Tagen der Maßnahme sind schon mehr Frauenmorde und Übergriffe gemeldet als im Vergleichszeitraum, so ein Sprecher des Observatoriums sozialer Realität in Cali gegenüber amerika21.

Dem Observatorium zufolge gab es allein in der Stadt schon vor der offiziellen Ausgangssperre mehr Feminizide und Übergriffe gegen Frauen als üblich, weil viele Menschen bereits vorher aus Angst vor einer möglichen Ansteckung zu Hause geblieben sind. Ein Sprecher erklärt: "Die ungewohnte Enge in den Familien, vor allem in armen Vierteln, wo viele Menschen in nur einem oder wenigen Zimmern leben, steigert die Aggressivität." Bei fast allen im März gemeldeten Feminiziden war der Täter der Partner des Opfers. Aber nicht nur Morde, sondern auch psychische und verbale Gewalt sind ein massives Problem. Zudem werden in Cali steigende Zahlen von Vergewaltigungen gemeldet. Die Mordrate ist allgemein weiterhin hoch.

Fälle wie am Wochenende erschüttern nicht nur Frauenorganisationen: Eine Prostituierte wurde im Zentrum von Cali vergewaltigt und die Täter gaben nachher an, sie wollten die Frau "bestrafen", weil sie sich nicht an die Ausgangssperre gehalten habe.

"Dies war kein Einzelfall", so die Sprecherin des Programms zur Verminderung von Gewalt gegen Frauen der katholischen Kirche, Adriana Lozada, gegenüber amerika21. "Corona hat die Lage verschlimmert, hat auch für mehr Sensibilisierung über das Tabuthema beigetragen."

Aufgrund dieser vielen Berichte über das verschärfte Risiko für Frauen und Kinder unter der Ausgangssperre hat die Stadt Cali nun zusätzliche Kapazitäten für Notfalltelefone eingerichtet. Das wurde von Frauenverbänden schon lange gefordert. Laut Lozada ist es dank der mutigen Kämpfe von Frauen in den letzten Jahren überhaupt möglich, über sexualisierte und häusliche Gewalt zu sprechen, auch im öffentlichen Raum und in den Medien. Zu Beginn der Ausgangssperre wurde nicht nur über das erhöhte Risiko berichtet, sondern auch Notfallnummern bekannt gegeben.

So gibt es nun eine Notfallnummer von Polizei und Innenministerium sowie weitere wie von der Ombudsbehörde, den Stadtverwaltungen und von Frauengruppen selbstorganisierte Nummern. Lozada empfiehlt die rund um die Uhr erreichbare Notfallnummer 3105162760.

Die Mitarbeiterinnen unterstützen mit Seelsorge und konkreten medizinischen und juristischen Hinweisen. "Sie helfen, wenn eine Frau oder ein Kind ins Krankenhaus muss, ärztliche Betreuung braucht, machen Rechtsberatung. Und wenn eine Bedrohung des Lebens besteht, gibt es eine Zufluchtstelle, wo Frauen auch mit ihren Kindern unterkommen können", erklärt Lozada. Aber sie ist sich auch im Klaren, dass genderbasierte und häusliche Gewalt von den Behörden häufig als Lappalie behandelt werden. "Unter normalen Bedingungen stellt uns eine Anzeige im Fall einer Vergewaltigung schon vor Herausforderungen. Die Wartezeiten bei Justiz und Polizei sind immens, oft werden wir abgewiesen oder die Behandlung verzögert. Die jetzigen Umstände aufgrund der Ausgangssperre erfordern mehr Geduld und Solidarität denn je."

Auch vor der zunehmenden Gewalt gegen Kinder wird gewarnt, denn alle Formen häuslicher Gewalt nehmen zu. "Vor allem Familien, in denen bereits Übergriffe vorgekommen sind, können jetzt zu einer Zeitbombe werden", befürchtet Lozada.

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