Lateinamerika in schwerster Wirtschaftskrise seit Beginn der Aufzeichnungen

Rezession, aber verbesserte Aussichten der wirtschaftlichen Erholung. Bericht problematisiert Einkommensschere und Schulschließungen

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Jüngster Cepal-Bericht zu den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in Lateinamerika und der Karibik
Jüngster Cepal-Bericht zu den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in Lateinamerika und der Karibik

Santiago. Die Wirtschaftsleistung Lateinamerikas und der Karibik ist 2020 um 7,7 Prozent eingebrochen. Zu diesem Ergebnis kommt die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) in ihrem aktuellen Bericht. Die Region steckt demnach in der schwersten Rezession seit Beginn der Statistiken im Jahr 1900.

Das Bruttonationaleinkommen (BNE) fällt in praktisch allen Ländern der Region: Für Südamerika wird mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 7,3 Prozent gerechnet, für Mittelamerika mit 8,5 Prozent und für die Karibik mit 7,9 Prozent. Das einzige Land mit einem Positivwachstum ist demnach das karibische Guyana, das dieses Jahr mit der Ölförderung begann und ursprünglich mit einem noch höheren Wachstum gerechnet hatte. Die Rezession wird Paraguay am mildesten treffen (1,6 Prozent), während das BNE von Venezuela um 30 Prozent einbricht. Das Land litt bereits vor der Corona-Pandemie durch die innere Krise und schwere Sanktionen seitens der USA unter einer stark schrumpfenden Wirtschaftsleistung.

Die wirtschaftliche Erholung von den Folgen der Pandemie geht dabei schneller voran, als es noch im Sommer der Anschein hatte: Mit dem aktuellen Bericht korrigiert die Organisation ihre frühere Prognose, die eine Rezession von 9,1 Prozent für 2020 vorsah.

So rechnet die Cepal für 2021 nun mit einem raschen Wiederanstieg des Wirtschaftswachstums auf 3,7 Prozent. Dadurch werden aber die Verluste des laufenden Jahres nicht ausgeglichen, wie die Präsidentin der Kommission, Alicia Bárcena, erklärte.

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Prognosen für die kommenden Jahre sind schwierig und hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie der Verfügbarkeit von Impfstoffen, der Umsetzung einer expansiven Wirtschaftspolitik, der Entwicklung der Inflation und dem Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für die lateinamerikanischen und karibischen Staaten. Wenn die Region auf den durchschnittlichen Wachstumspfad der letzten zehn Jahre zurückkehren würde, hätte sie im Jahr 2024 wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Eine noch längere Erholungsphase bei niedrigeren Wachstumsraten ist jedoch auch möglich. Schon 2019 war die Wirtschaft nur um durchschnittlich 0,1 Prozent gewachsen. Bárcena sprach von einem "in wirtschaftlicher Hinsicht verlorenen Jahrzehnt für die Region".

Lateinamerika ist laut der Cepal unter den Regionen der Entwicklungs- und Schwellenländer am schlimmsten von den Folgen der Pandemie betroffen, auch weil die Krise die bereits extreme Ungleichheit in vielen Staaten verschärfen wird. Der Bericht geht von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um fünf Millionen Personen auf 10,7 Prozent und durchschnittlichen Einkommensverlusten von 19,3 Prozent aus. Der gleichzeitige Anstieg von Lebensmittelpreisen (plus fünf Prozent) setzt die Haushalte noch stärker unter Druck. Auf einem internationalen Forum warnte Bárcena kürzlich, dass 30 Millionen Personen aus mittleren in untere Einkommensgruppen abrutschen würden. Zudem befänden sich zwei Drittel der ärmeren Lateinamerikaner:innen nicht in Gesundheits- oder Sozialsystemen. Sie unterstrich die Notwendigkeit eines "universellen Wohlfahrtsstaates und universeller sozialer Sicherungssysteme".

Wirtschaftliche Maßnahmen zur Krisenbewältigung haben laut der Cepal die Rezession abgefedert. Die Organisation rät zu einer expansiven Fiskal- und Geldpolitik, also aktiven Investitionen, vor allem in die Schaffung von Arbeitsplätzen, in strategische und nachhaltige Sektoren sowie ein Notfall-Grundeinkommen. Den Internationalen Währungsfonds (IWF) forderte sie zu einem Schuldenerlass mithilfe der Ausgabe neuer Sonderziehungsrechte, der künstlichen Währung des IWF, auf.

Bárcena ermutigte die lateinamerikanischen und karibischen Staaten dazu, die Wiederöffnung der Schulen zur Priorität zu machen. 87 Prozent der Schüler:innen hätten in den letzten acht Monaten keinen Unterricht bekommen. Das stelle nicht nur einen Lernverlust dar, sondern für Millionen von Kindern und Jugendlichen den Verzicht auf die Schulverpflegung und ein entsprechend höheres Risiko der Unterernährung.

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