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Neue Aussagen von Ex-Militärs in Kolumbien zu "falsos positvos"

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Opferverbände kritisieren Nachsicht der Sonderjustiz für den Frieden gegenüber Militärs
Opferverbände kritisieren Nachsicht der Sonderjustiz für den Frieden gegenüber Militärs

Bogotá. Neue veröffentlichte Aussagen ehemaliger Militärs, die an außergerichtlichen Hinrichtungen von Zivilpersonen beteiligt waren, haben einen Einblick in den modus operandi der Armee bei den sogenannten "falsos positivos" gegeben. Die Enthüllungen wurden gegenüber der Sonderjustiz für den Frieden (JEP) im Prozess zur Aufklärung dieser Verbrechen gemacht.

Zuletzt hatte die JEP neue Untersuchungsergebnisse zu den außergerichtlichen Hinrichtungen vorgestellt, wonach im Zeitraum 2002 bis 2008 mindestens 6.402 Personen vom kolumbianischen Militär getötet worden waren, um sie als gefallene Guerillakämpfer:innen auszugeben (amerika21 berichtete). Die Aussagen beteiligter Armeemitglieder geben neue Informationen über das Vorgehen preis.

Im Zusammenhang mit der damaligen nationalen Sicherheitspolitik habe das Militär unter Druck gestanden, Ergebnisse im Kampf gegen die Guerilla zu liefern. Um die festgesteckten Ziele zu erreichen und Vorteile zu genießen, etablierten Befehlshaber der Armee die "falsos positivos" als systematische Vorgehensweise.

Soldaten bekamen den Auftrag, schutzlose Personen aus anderen Regionen zu finden und diese mit dem Versprechen von guter Arbeit zu locken. U. a. wurden Bauern, Obdachlose oder Indigene auf diese Weise "rekrutiert". Die Personen wurden dann in abgelegene Orte gebracht und getötet. Dabei wurde immer ein Gefecht mit der Guerilla simuliert.

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Die Militärs sollen von ihren Vorgesetzten stark unter Druck gesetzt worden sein. Allerdings gab es auch Anreize: Soldaten bekamen Belohnungen für jede Person, die sie "rekrutierten" oder töteten. Z. B. wurde ihnen eine Prämie ausgezahlt oder sie bekamen mehrere Tage frei; in einigen Fällen war es laut der Aussagen sogar möglich, sich für eine Reise ins Ausland zu bewerben.

Ehemalige Militärs schilderten, dass die "falsos positivos" zum Alltag gehörten. Dabei soll die Armee häufig mit Paramilitärs zusammengearbeitet haben. Laut einigen Aussagen sei auch der damalige Geheimdienst (DAS) in bestimmte Fälle involviert gewesen. Außerdem hätte es sich bei der Tötung einiger Personen um politische Gefallen gehandelt.

Einen Bericht von Noticias Caracol über die neuesten Erkenntnisse kritisierte die Regierungspartei Centro Democrático indes als tendenziös. Oppositionelle verlangen hingegen, dass die Duque-Regierung die "falsos positivos" als Staatsverbrechen anerkennt. Erst kürzlich wurde bekannt, dass in einem Friedhof in Medellín 906 nicht identifizierte Leichen begraben sind, von denen vermutet wird, dass es sich zum Teil um Opfer im selben Zusammenhang handelt.

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