Immer mehr Menschen verschwinden in El Salvador

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Die Zahl der Verschwundenen nimmt in El Salvador weiter merklich zu
Die Zahl der Verschwundenen nimmt in El Salvador weiter merklich zu

San Salvador. Immer mehr Personen in El Salvador fallen dem Verschwindenlassen zum Opfer. Neue Untersuchungen zeigen, dass im Jahr 2020 rund 1.500 Personen verschwanden und die Fälle damit die Anzahl von Ermordeten übersteigt. Auch für Januar bis März 2021 meldete das Ministerium für Justiz und öffentliche Sicherheit bereits mehr als 300 Fälle von vermissten Personen. 40 Prozent davon wurden lebend, vier Prozent tot aufgefunden. In den restlichen Fällen geht die Suche weiter.

Im Jahr 2020 verschwanden durchschnittlich vier Personen pro Tag. Davon waren 541 Frauen (36,2 Prozent), 841 Männer (56,4 Prozent) und 109 Personen (7,4 Prozent) ohne Angaben zum Geschlecht. Etwa 24 Prozent waren unter 17 Jahren und 84 Opfer unter zwölf Jahren alt, 29 Prozent waren zwischen 18 und 30 Jahren.

Haupttäter für das Verschwindenlassen von Menschen sollen Banden sein. Diese nutzen es als eine effektive Möglichkeit, um begangene Verbrechen straffrei zu halten. Aber auch andere Gruppen sollen es als Mechanismus zur Verschleierung von Tötungsdelikten nutzen, die beispielsweise im Rahmen politischer Konkurrenz begangen werden. Andere Gründe sind Familien- oder Nachbarschaftsprobleme. Dies geht aus einer Untersuchung der Stiftung für Studien der Rechtsanwendung (Fespad) hervor.

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Verschwindenlassen wurde schon während des bewaffneten Konflikts von 1980 bis 1991 eingesetzt. Nach dessen Ende ging auch die Anzahl von Verschwundenen zurück. 2003 gab es einen erneuten Anstieg der Fälle, der einer Regierungspolitik der "harten Hand" (mano dura) zugeschrieben wird. Während der intensivierten Verfolgung der kriminellen Banden wurden vermehrt Opfer getötet und heimlich begraben. Seit 2019 gibt es einen erneuten Anstieg. 2019 und 2020 überstiegt die Zahl der Verschwundenen die Anzahl der Ermordeten, was als spezifisches Indiz angesehen wird. "Das Verschwindenlassen von Personen ist das schwerste Verbrechen, das die salvadorianische Gesellschaft derzeit betrifft. Es ist ein extremer Ausdruck von Gewalt", so Fespad.

Die Folgen für die Familien und nahestehende Personen sind verheerend. Noch Monate oder Jahre später suchen sie nach den Vermissten. Sie erfahren oftmals erst spät oder gar nicht von dem Verbleib der Leichen. Somit betrifft ein Fall nicht nur die verschwundene Person, sondern hat auch soziale, ökonomische oder rechtliche Auswirkungen für ihr Nahestehende.

2019 führte der salvadorianische Staat eine Reform des Strafgesetzbuchs durch, die das Verschwindenlassen von Personen als spezifischen Straftatbestand anerkennt. Außerdem wurde eine darauf spezialisierte Einheit geschaffen. Jedoch gibt es mehr als ein Jahr danach nur wenige substanzielle Fortschritte. Fespad stellt daher zahlreiche Forderungen auf, wie das Schaffen eines nationalen Registers für vermisste Personen, weitere Gesetze, die Ratifizierung von internationalen Übereinkommen oder auch die stärkere Einbeziehung von Nichtregierungsorganisationen und Angehörigen.

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