Brasilien / Soziales / Umwelt

Brasilien: Angriffe mit Schusswaffen und Gasbomben auf Yanomami

Bereits vier Angriffe. Auch Kinder unter den Toten. Angst vor erneutem Massaker und Forderung nach Schutz

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Mitglieder der Yanomami fürchten derzeit weitere Angriffe
Mitglieder der Yanomami fürchten derzeit weitere Angriffe

Boa Vista. Bereits zum vierten Mal in diesem Monat fordern die Yanomami, das größte indigene Volk des brasilianischen Amazonas, Hilfe vom Staat. Seit elf Tagen kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Minenarbeiter:innen. Diese versuchen in die Gebiete der Indigenen einzudringen.

Die ersten schwereren Konflikte wurden am 10. Mai gemeldet. An diesem Tag starben vier Bergleute, vier weitere wurden verletzt. Eine indigene Person wurde durch einen Streifschuss am Kopf verletzt. In den darauffolgenden Tagen spitzte sich der Konflikt zu. Am 15. Mai reisten einige Anführer der Gruppe von Laimiú in das 150 Kilometer entfernte Boa Vista, die Hauptstadt des Bundesstaates Roraima, um die anhaltenden Bedrohungen und Angriffe zu kritisieren und um Hilfe zu bitten.

Am folgenden Tag kam es erneut zu Übergriffen an den Indigenen von Seiten der Arbeiter:innen. Allerdings wurden diesmal auch Gasbomben eingesetzt, unter dessen Einsatz vor allem die Kinder litten. Die Indigenen berichten von Halsschmerzen und Atemnot bei Kindern. In Folge des Angriffs wurden zuletzt zwei tote Kinder gemeldet. Diese verschwanden bei einem der Angriffe und wurden später tot aus einem naheliegenden Fluss geborgen. Auch in den nachfolgenden Tagen kam es immer wieder zu Versuchen, in das Gebiet der Indigenen einzudringen. Diese berichteten daraufhin von Todesangst und forderten mit Nachdruck, dass sich die Regierung um das Leben der Indigenen kümmere.

Die Vereinigung der indigenen Völker Brasiliens (apib) forderte nun den Obersten Gerichtshof auf, sich um die Situation zu kümmern. Die Arbeiter:innen müssten sich aus den Gebieten zurückziehen. Ebenso müsse dauerhaft mehr Sicherheitspersonal stationiert werden, um die Sicherheit der Indigenen gewährleisten zu können. Aktuell sind Polizei und Militär nur zwei Stunden pro Tag vor Ort. Dies sei zu wenig angesichts der Übergriffe vor allem in den späten Abend- oder frühen Morgenstunden.

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Von immer mehr Akteur:innen werden nun Stimmen laut, die Stellungnahmen einfordern, wie die Sicherheit der Yanomami gewährleistet werden kann und soll. Presseanfragen an mehrere staatliche Stellen wie Polizei oder Militär sollen bisher allerdings nur unzureichend beantwortet worden sein. Das Militär gibt an, die Situation weiterhin zu beobachten und Einsätze zu planen. Die Präsenz von Sicherheitskräften vor Ort hätte für die indigenen doppelten Nutzen: den eigenen Schutz, aber auch den Schutz des vor Ort stationierten Personals wie zum Beispiel Mediziner:innen, die aufgrund der Sicherheitslage abgezogen werden mussten.

Die Indigenen fürchten momentan weitere Massaker. Dies ist aus der Vergangenheit heraus nicht unbegründet. Seit 1980 sind die Yanomami bereits vier Mal Opfer von größeren tödlichen Attacken geworden. 1987 starben bei Angriffen 77 Indigene. Bereits im Jahr darauf kam es erneut zu einem bewaffneten Angriff auf die Gruppe. 1993 wurden fünf indigene Kinder und fünf Erwachsene von Minenarbeiter:innen durch einen Hinterhalt ermordet. Der Vorfall ging als Massaker von Haximu in die Geschichte ein. 2013 wurde das letzte Mal von größeren Angriffen auf die Yanomami berichtet.

Das Eindringen der Arbeiter:innen ist nicht nur eine physische Bedrohung für die Indigenen, sondern auch für ihre Kultur. Der Regenwald ("Urihi") ist in der Kosmologie der Yanomami Teil des Lebens. Er steht mit den Menschen in einem ständigen, komplexen Austausch und ist essenzieller Bestandteil des Lebens. Der Versuch, indigene Gebiete wirtschaftlich nutzbar zu machen, ist somit nicht nur immer wieder eine Bedrohung für Leib und Leben der Indigenen, sondern auch ein Angriff gegen ihre Kultur und Lebenswelten, die wiederum aktiv zum Schutz und Erhalt des Regenwaldes beitragen.

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