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Nach halbem Jahrhundert diplomatischer Eiszeit: Bolivien und Chile kommen sich näher

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Der Konflikt um den verlorenen bolivianischen Küstenstreifen (gelb) im Salpeterkrieg sorgte jahrzehntelang für eine diplomatische Eiszeit
Der Konflikt um den verlorenen bolivianischen Küstenstreifen (gelb) im Salpeterkrieg sorgte jahrzehntelang für eine diplomatische Eiszeit

La Paz. Bolivien und Chile wollen nach 48 Jahren ohne diplomatische Beziehungen nun wieder zusammenarbeiten. Trotz der vorhandenen Konflikte und aktuellen Spannungen bezüglich der bevorstehenden Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag (IGH) zum Grenzstreit, reaktivieren beide Staaten die im Jahr 2021 beschlossenen gemeinsamen Agenda. Gearbeitet wird des Weiteren an neuen Kriterien der Zusammenarbeit sowie an bilateralen Projekten.

Chiles Außenministerin, Antonia Urrejola, und ihr bolivianischer Amtskollege Rogelio Mayta, trafen im Rahmen des diesjährigen Mercosur-Gipfels am 21. Juli die zusammen. Der chilenische Generalkonsul in Bolivien, Fernando Velasco, wurde nach La Paz eingeladen, um Kriterien der gemeinsamen Agenda zu diskutieren.

Boliviens Vize-Außenminister Freddy Mamani erklärte, dass das Treffen mit Velasco auch Orientierung für künftige Treffen bieten könnte. Betont wird die Relevanz des Handels und neuer ökonomischen Investitionen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung beider Länder.

Der "Fahrplan" für eine Zusammenarbeit (Hoja de Ruta 2020 – 2030) wurde im Jahr 2021 unterzeichnet und soll laut Jorge Sahd, Direktor des internationalen Studienzentrums der katholischen Universität Chiles, beiden Staaten, die nur konsularische Beziehungen haben, eine Zusammenarbeit fördern, ohne explizit auf die latenten Konflikte zwischen beiden Staaten eingehen zu müssen.

Nach der Niederlage Boliviens vor dem IGH im Jahr 2018 im Fall des Streits um einen Meerzugang befinden sich die Staaten erneut in einem Disput in Den Haag. Diesmal soll die Frage geklärt werden, ob es sich beim Fluss Silala um ein internationales oder ein bolivianisches Gewässer handelt.

Bolivien musste seine früheren Küstengebiete infolge des Salpeterkrieges (1879–1884) an Chile abtreten und fordert seither eine Revision der Grenzverträge. Insbesondere die Regierung von Ex-Präsident Evo Morales (2007-2019) nannte den Status Quo stets eine "historische Ungerechtigkeit" und klagte vor dem IGH.

Im Zuge des Grenzkonflikts kappten Bolivien und Chile bereits 1978 ihre diplomatischen Beziehungen.

Die neu gewählte chilenische Regierung unter dem linken Präsidenten Gabriel Boric und die amtierende linke Regierung Boliviens von Präsident Luis Arce verfolgen eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

Die ersten Früchte der Reaktivierung des "Fahrplans" lassen sich bereits erkennen: Bolivien und Chile haben ihre Beziehungen im Energiesektor wiederaufgenommen und arbeiten mit weiteren Staaten der Region an einem "elektrischen Korridor", dem Andenverbundsystem für Strom (Sinea). Hierbei soll eine Studie mögliche Strombrücken und -verbindungen zwischen Chile und Bolivien untersuchen.

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