Quito. Am 19. Januar hat Roxana Mero die letzte Nachricht ihres Ehemanns, Kapitän Carlos Mero, erhalten. In einem Notruf meldete er kurz darauf, dass ein US-Flugzeug, ein blaues Patrouillenboot und zwei Drohnen die Fiorella, das von ihm geführte ecuadorianische Schiff, umkreisten. Einen Tag später geriet das Boot in Brand. Seither fehlt von den acht Fischern an Bord jede Spur.
Die Präsenz der US-Maschine versetzte den Kapitän in Alarmbereitschaft, nicht zuletzt wegen der wiederholten Fälle extralegaler Luftangriffe unter der Regierung von Donald Trump. Der Pazifik und die Karibik sind die Hauptschauplätze dieser Operationen, die bislang rund 170 Todesopfer forderten. Obwohl die attackierten Schiffe des Drogenschmuggels beschuldigt wurden, fanden die Küstenwachen bei vorherigen Kontrollen keine verdächtigen Hinweise und erteilten die Auslaufgenehmigung. Während Trump, Verteidigungsminister Pete Hegseth und das Südkommando seit Monaten betonen, die Einsätze richteten sich ausschließlich gegen Drogenhändler, berichten Überlebende von Angriffen auf Fischereiboote sowie von Misshandlungen durch US-Einheiten.
Ecuadors amtierender Präsident Daniel Noboa gilt als enger strategischer Partner der USA in der Region. Die Kooperation reicht so weit, dass der Politologe Daniel Granja, früher Berater im Außenministerium, das Land als eine "nordamerikanische Kolonie" beschrieb. Die Journalistin Camila Lourdes Galarza schrieb für Drop Site News, derzeit seien "weitere 36 Überlebende zweier Angriffe im Pazifik von US-Kräften verschleppt, gefoltert, per Boot nach El Salvador gebracht und anschließend nach Ecuador zurückgeführt worden". Für ihre Recherche sammelte sie Aussagen von Anwälten, Angehörigen und Betroffenen, darunter Hernán Flores, Kapitän der Negra Francisca Duarte II, die am 17. März durch eine Drohne getroffen wurde.
"Viele von uns erlitten Verletzungen durch die Explosion. Ein junger Mann blutete so stark, dass der Boden des Rettungsbootes überschwemmt wurde", schilderte Flores. Nach dem ersten Einschlag traf eine weitere Detonation das Boot, wodurch mehrere Männer gezwungen waren, ohne Rettungswesten ins Meer zu springen, teils ohne schwimmen zu können. Im Fall der Fiorella berichten drei voneinander unabhängige Angehörige, Augenzeugen hätten das Schiff in Flammen gesehen. Angélica Lourdes Mero, die bei dem Vorfall Ehemann und Kinder verlor, erklärt: "Die Zeugen fürchten um ihr Leben; sie wurden bedroht, damit sie nicht mit der Presse sprechen."
Ihnen gefällt, was Sie lesen?
Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit. Regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen.
Der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen, der bereits zuvor gegen Sicherheitskräfte unter Noboa ermittelte, richtete ein Schreiben an die Behörden und verlangte Aufklärung zum Fall Fiorella. Auch die Oppositionsabgeordnete Mónica Palacios kündigte an, die Angelegenheit direkt vor die Vereinten Nationen zu bringen. Die Verantwortung der ecuadorianischen Regierung steht zunehmend im Fokus: Während die Küstenwache bei den angegriffenen Fischereibooten keine Unregelmäßigkeiten feststellte, meldete sie gleichzeitig die Beschlagnahmung von Kokain im Wert von 26 Millionen Euro auf Schiffen mit Verbindungen zur Familie und zu privaten Unternehmen des Präsidenten Noboa.
Überlebende berichten, bewaffnete Männer hätten sie mit Kapuzen versehen, gefesselt und über mehr als 24 Stunden auf dem heißen Metalldeck festgehalten, was schwere Verbrennungen und Blasen verursachte. Medizinische Versorgung, Nahrung und ausreichend Wasser blieben den meisten tagelang verwehrt. "Hätte das Schiff Drogen transportiert, wäre es nicht versenkt worden, man hätte es als Beweismittel benötigt", sagte einer der Zeugen zum Geschehen rund um die Fiorella.
Schließlich erklärten Überlebende des Bootes Don Maca, man habe sie "wie Tiere" behandelt. Mehrere der geretteten Fischer befinden sich weiterhin im Krankenhaus und erhalten aufgrund der erlittenen Traumata psychiatrische Betreuung.

