Neu-Delhi/Caracas. Die amtierende Präsidentin Venezuelas, Delcy Rodríguez, hat am Sonntag ihre fünftägige Arbeitsreise nach Indien beendet. Rodríguez, die sich in ihrer derzeitigen Funktion zum ersten Mal in Indien aufhielt, traf in Neu-Delhi mit dem indischen Premierminister Narendra Modi sowie mit Außenminister Subrahmanyam Jaishankar zusammen. Höhepunkt des Besuchs war jedoch das Treffen mit Indiens Minister für Erdöl und Erdgas, Hardeep Singh Puri, an dem auch führende Vertreter der größten indischen Energiekonzerne teilnahmen. Der jüngste Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem Venezuela in den letzten Wochen zum drittgrößten Rohöllieferanten für Indien geworden ist, welches der drittgrößte Ölimporteur der Welt ist.
Während der Hauptpunkt der Agenda die indischen Ölimporte aus Venezuela war, lag ein weiterer Schwerpunkt darauf, indische Investitionen in den Bereichen erneuerbare Energien, Bergbau, kritische Mineralien, Pharmazeutika und Automobilindustrie zu gewinnen. Im Rahmen ihres Besuchs machte Rodríguez auch Halt in Jamnagar, um die Raffinerie von Reliance Industries zu besuchen, der größte Raffineriekomplex der Welt und eine der wenigen Anlagen, die venezolanisches Öl effizient raffinieren können. Rodríguez beendete ihren Besuch in Mumbai, wo sie am Samstag den indischen Industriekonzern Tata besuchte, um über die Nutzung erneuerbarer Energien zu sprechen und ökologische Projekte für das südamerikanische Land zu fördern.
Die Meldung über den Besuch wurde zuerst vom US-Außenminister Marco Rubio kurz vor seinem Indienbesuch im vergangenen Monat veröffentlicht. Während er über die Ausweitung der US-Energieexporte nach Indien sprach, erklärte Rubio, dass "es Möglichkeiten mit venezolanischem Öl gibt", und fügte hinzu: "Meines Wissens nach wird die Interimspräsidentin Venezuelas nächste Woche ebenfalls nach Indien reisen."
Weder Neu-Delhi noch Caracas hatten einen solchen Besuch vor Rubios Äußerungen öffentlich angekündigt. Rubios Ankündigung löste Reaktionen von indischen Oppositionspolitikern aus, die fragten, ob Washington nun die Bedingungen der indischen Außenpolitik diktiere. John Brittas, Mitglied des Parlaments für die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten), erklärte in den Medien, dies sei "die traurige Lage dieses Landes", dass die USA entscheide, "wen wir treffen und welchen Staatschef wir empfangen sollen". Subhashini Ali, ein hochrangiges Mitglied derselben Partei, erklärte, dass "heute wichtige Entscheidungen bezüglich Indiens außerhalb Indiens getroffen werden, darunter auch, von wem wir Öl kaufen sollen".
Während ihres Besuchs in Indien traf sich Rodríguez auch mit dem US-Botschafter in Indien, Sergio Gor, um über "Fortschritte" in den Beziehungen zwischen den USA und Venezuela zu sprechen.
Für Indien vollzieht sich die jüngste Entwicklung vor dem Hintergrund eines erfolgreichen Vorstoßes der USA, Indien vom Import russischen Öls abzubringen. Anfang dieses Jahres folgte die indische Regierung der US-Vorgabe, den Import von russischem Öl einzustellen, nachdem die USA Neu-Delhi vorgeworfen hatten, Moskaus Krieg in der Ukraine zu finanzieren.
Auch im Handel mit Venezuela übten die USA in letzter Zeit großen Einfluss aus. Bis 2019 gehörte Venezuela zu den wichtigsten Öllieferanten Indiens, stieg 2012 auf den dritten Platz auf und blieb danach unter den Top fünf. Indiens Ölimporte aus Venezuela gingen jedoch nach der Verhängung von US-Sanktionen gegen Caracas im Jahr 2019 auf null zurück. Nach einer begrenzten Wiederaufnahme des Ölhandels zwischen den beiden Ländern im Jahr 2023 kamen die Importe 2025 erneut zum Erliegen, nachdem US-Präsident Donald Trump einen diskretionären Zoll von 25 Prozent auf Länder verhängt hatte, die Rohöl aus Caracas kauften. Indien nahm den Kauf von venezolanischem Öl erst wieder auf, nachdem die Sanktionen im Februar dieses Jahres im Zuge eines Ölversorgungsvertrags zwischen den USA und Venezuela gelockert worden waren.


