Brasiliens Präsident Lula verbietet Online-Wetten

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Experten versichern: "Online-Wetten greifen das soziale Gefüge an, in gesundheitlicher wie in wirtschaftlicher Sicht"
Experten versichern: "Online-Wetten greifen das soziale Gefüge an, in gesundheitlicher wie in wirtschaftlicher Sicht"

Brasília. Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva hat eine vorläufige Maßnahme zum vollständigen Verbot der im Land weit verbreiteten Online-Wetten, den sogenannten "Bets", erlassen. Er will damit der zunehmenden Verschuldung von Familien, vor allem aus unteren Schichten, entgegentreten. Das Verbot umfasst sowohl Sportwetten mit festen Quoten als auch virtuelle Casinospiele wie das "Tigerspiel". Neue Einzahlungen sind verboten. Wettspieler können ihre Guthaben noch bis zum 5. Oktober von den Plattformen abheben. Am Folgetag gehen die Webseiten und Apps offline.

Die Maßnahme tritt mit ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt der Union in Kraft, bedarf jedoch innerhalb von 120 Tagen der Zustimmung beider Kammern des Kongresses, um gültig zu bleiben. Bei Bekanntgabe der "notwendigen, harten und drastischen Maßnahme" sagte Lula: "Es ist wie mit Krebs: Entweder man entfernt den Tumor, oder er tötet einen." Der Präsident betonte: "Da es getan werden muss, lasst uns tun, was getan werden muss. Schluss mit den Wetten!"

Das Verbot der Online-Wetten erfüllt eine langjährige Forderung von Experten für öffentliche Gesundheit. Wetten haben demnach zur erhöhten Verschuldung der Bevölkerung und einer Verschlimmerung von Depressionen geführt, die in vielen Fällen Suizid zur Folge haben können.

In einem Interview mit Rádio Brasil de Fato betont der Psychologe Altay de Souza, Professor für Wirtschaftspsychologie und Angewandte Statistik an der Bundesuniversität von São Paulo (Unifesp), dass Online-Wetten niemals hätten legalisiert werden dürfen. Souza erforscht das Phänomen seit vielen Jahren und führt verschiedene Belege an. 34 Prozent der jungen Menschen, die ein Studium an einer privaten Universität planten, hätten ihren Plan aufgrund von Problemen im Zusammenhang mit Wetten verschoben.

"Online-Wetten greifen das soziale Gefüge an, in gesundheitlicher wie in wirtschaftlicher Sicht. Wetten bringen weder der Wirtschaft noch dem Staat oder der Gesellschaft einen Nutzen", betont Souza. Fast 140 Milliarden Reais (rund 24 Milliarden Euro) seien seit 2021 durch Wetten aus Brasilien abgeflossen. Der Psychologe hebt hervor, dass 20 Prozent der brasilianischen Bevölkerung Wetten als Investition betrachten. "Das sind Fehlinformationen, denn Wettanbieter finden immer einen Weg, mehr Gewinn zu erzielen." Laut Souza sei mehr Aufklärung nötig, um die Manipulationstechniken zu durchschauen, die Wettanbieter in ihren Algorithmen und ihrer Werbung einsetzen.

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Auch andere Experten betonen negative Aspekte. Für jeden Real, den die brasilianische Bundesregierung 2025 durch Wetten einnahm, beliefen sich die sozialen Kosten des Glücksspiels auf fast vier Reais. Die Unternehmen der Branche zahlten im Jahr 2025 rund 9,95 Milliarden Reais (rund 1,68 Milliarden Euro) an Bundessteuern, während das Institut für gesundheitspolitische Studien (Ieps) die jährlichen Schäden durch Glücksspiel auf mindestens 38,8 Milliarden Reais (rund 6,57 Milliarden Euro) schätzt.

Die vom Ieps berechneten Kosten umfassen direkte und indirekte Kosten wie medizinische Behandlungen, Beeinträchtigungen der Lebensqualität und Todesfälle. Allein die gesundheitsbezogenen Schäden belaufen sich auf 30,6 Milliarden Reais (rund 5,81 Milliarden Euro) jährlich.

Lulas Entscheidung ändert die bisherige Regierungspraxis radikal. Online-Wetten wurden 2018 unter Staatspräsident Michel Temer legalisiert und erlebten unter dem rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro einen rasanten Aufschwung. Laut Gesundheitsminister Alexandre Padilha stiegen die Ausgaben des öffentlichen Gesundheitssystems im Zusammenhang mit pathologischem Glücksspiel und Wettproblemen von 2018 bis 2025 um 140 Prozent.

Am 28. September beantragten der Nationale Verband der Spiele und Lotterien (ANJL) und das Brasilianische Institut für verantwortungsvolles Spielen (IBJR) beim Obersten Bundesgericht (STF) die Aussetzung der vorläufigen Maßnahme, bis der Kongress diese geprüft habe. Politische Beobachter sehen die Maßnahme auch als einen Versuch Lulas, in der Endphase des Wahlkampfes weitere Zustimmung zu erlangen. Nach einer Atlas-Bloomberg-Umfrage befürworten 75 Prozent aller Brasilianer ein Verbot von Wetten, 17 Prozent sind dagegen. Bei Frauen liegt die Zustimmung zum Verbot mit 82 Prozent etwas höher, bei Evangelikalen mit 70 Prozent etwas niedriger.