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28.07.2014 Kolumbien / Kuba / Kultur

Gespräch in Havanna

Ignacio Ramonet in seiner monatlichen Kolumne über sein letztes Treffen mit García Márquez
Garcia Marquez und Fidel Castro im Gespräch

Garcia Marquez und Fidel Castro im Gespräch

Quelle: cubadebate.cu

Man hatte mir gesagt, dass er sich in Havanna aufhalte, aber niemanden sehen wolle, da er krank ist. Ich wusste, wo er üblicherweise wohnt: in einem wunderschönen alten Haus, weit vom Stadtzentrum entfernt. Ich rief einfach an und Mercedes, seine Frau, zerstreute meine Bedenken. Voller Wärme sagte sie mir: "Komm auf jeden Fall, das verscheucht seine Schwermut. Komm, Gabo wird sich freuen, dich zu sehen."

Am nächsten Morgen ging ich in der schwülen Hitze eine Palmen gesäumte Allee entlang und stand vor der Tür eines tropischen Landhauses. Ich wusste, dass er an Lymphdrüsenkrebs litt und sich einer anstrengenden Chemotherapie unterziehen musste. Man sagte, dass sein Zustand ernst sei. Man widmete ihm sogar einen erschütternden Abschiedsbrief an seine Freunde und an das Leben… Ich fürchtete, einen Sterbenden zu treffen. Mercedes öffnete mir die Tür und sagte zu meiner Überraschung lächelnd: "Komm rein. Gabo kommt schon…. Er spielt gerade sein Tennismatch zu Ende."

Kurz darauf saß ich auf dem weißen Sofa im dämmrigen Licht des Wohnzimmers und sah ihn kommen, in absolut guter Verfassung, das krause Haar noch feucht von der Dusche und der Schnurrbart zerzaust. Er trug eine gelbe Guayabera, eine weite weiße Hose und Segeltuchschuhe. Eine echte Figur von Visconti. Während er seinen Eiscafé trank erzählte er mir, dass er sich "wie ein Vogel fühlt, der aus dem Käfig entkommen ist. Auf jeden Fall wesentlich jünger als ich aussehe." Und er fügte hinzu, "mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass der Körper nicht dafür gemacht ist, solange zu funktionieren, wie wir gerne leben würden." Er machte dann den Vorschlag, dass wir es "wie die Engländer halten, die nie über gesundheitliche Probleme sprechen. Das ist für sie ein Zeichen schlechter Erziehung."

Der Wind bauschte die Vorhänge der großen Fenster auf und das Zimmer glich immer mehr einem Segelschiff. Ich erzählte ihm, wie sehr mir der erste Band seiner Autobiographie "Leben, um davon zu erzählen"1 gefallen hatte: "Es ist dein bester Roman." Er lächelte und richtete seine Brille mit dem dicken Gestell: "Ohne wenigstens ein bisschen Vorstellungskraft ist es unmöglich, die unglaubliche Liebesgeschichte meiner Eltern wieder zu erzählen. Oder meine Erinnerungen als ganz kleines Kind…. Vergiss nicht, nur die Imagination ist klarsichtig. Manchmal ist sie wahrhaftiger als die Wahrheit. Man muss nur an Kafka oder Faulkner denken, oder einfach an Cervantes", erläuterte er. Als musikalischer Hintergrund fluteten die Klänge der Sinfonie der Neuen Welt von Anton Dvorak den Raum mit einer gleichzeitig frohen und dramatischen Atmosphäre.

Ich hatte García Márquez ungefähr vierzig Jahre vorher kennengelernt, im Jahr 1979 in Paris mit meinem Freund Ramón Chao. Gabo war von der UNESCO eingeladen worden und bildete zusammen mit dem Gründer der Le Monde diplomatique, Hubert Beuve-Méry, eine Kommission, deren Vorsitz der Nobelpreisträger Sean McBride innehatte und die den Auftrag hatte, einen Bericht über das Nord-Süd-Ungleichgewicht in der Berichterstattung der Massenmedien zu erarbeiten.

Er hatte damals aufgehört, Romane zu schreiben aufgrund eines selbst auferlegten Verbotes, das so lange dauern sollte, wie Augusto Pinochet in Chile an der Macht war. Er hatte den Literaturnobelpreis noch nicht erhalten, war aber schon sehr berühmt. Der Erfolg von Hundert Jahre Einsamkeit (1967) hatte ihn zum bekanntesten Schriftsteller spanischer Sprache seit Cervantes gemacht. Ich erinnere mich, dass ich von seiner kleinen Statur überrascht war und von seiner Ernsthaftigkeit und Tiefe beeindruckt. Er lebte wie ein Einsiedler und verließ sein Zimmer, das zu einer Arbeitszelle umfunktioniert war, nur um zur UNESCO zu gehen.

Er verfolgte seine zweite große Leidenschaft, den Journalismus, und hatte gerade eine Chronik veröffentlicht, in der er den Angriff eines sandinistischen Kommandos auf den Nationalpalast von Managua in Nicaragua beschrieb, der dem Sturz des Diktators Anastasio Somoza2 vorausging. Er erzählte darin wertvolle Einzelheiten, als ob er selbst daran teilgenommen hätte. Ich wollte wissen, wie ihm das gelungen ist. Er erzählte: "Ich war zum Zeitpunkt des Angriffs in Bogotá und rief sofort General Omar Torrijos an, den Präsidenten von Panamá. Das Kommando hatte gerade in seinem Land Zuflucht gefunden, und er hatte noch nicht mit den Medien gesprochen. Ich bat ihn, den Jungens zu sagen, dass sie der Presse misstrauen sollten, weil sie ihnen das Wort im Munde umdrehen können. Er antwortete: 'Komm. Sie werden nur mit dir reden.' Ich fuhr hin und schloss mich zusammen mit den Chefs des Kommandos, mit Edén Pastora, Dora María und Hugo Torres in einer Kaserne ein. Wir rekonstruierten die Geschehnisse, Minute für Minute, von der Vorbereitung bis hin zur Durchführung. Wir verbrachten die ganze Nacht dort. Völlig erschöpft schliefen Pastora und Torres ein. Ich machte mit Dora María bis zum Morgengrauen weiter und ging dann ins Hotel zurück, um die Reportage zu schreiben. Später ging ich zurück, um sie ihnen vorzulesen. Sie korrigierten einige technische Begriffe, Waffennamen, die Struktur der Gruppe etc. Die Reportage wurde weniger als eine Woche nach dem Angriff veröffentlicht. So habe ich die sandinistische Sache in der ganzen Welt bekannt gemacht."

Ich traf Gabo dann noch viele Male, in Paris, Havanna oder Mexico. Über Hugo Chávez waren wir immer gegensätzlicher Meinung. Er glaubte nicht an den venezolanischen Kommandanten. Ich hielt ihn jedoch für den Mann, der in Lateinamerika eine neue historische Epoche einleiten könne. Abgesehen davon waren unsere Gespräche immer sehr (zu sehr ?) ernsthaft: das Schicksal der Welt, die Zukunft Lateinamerikas, Kuba…

Einmal aber, erinnere ich mich, habe ich Tränen gelacht. Ich war wieder in Cartagena de Indias, jener wundervollen kolumbianischen Kolonialstadt. Ich schaute mir sein Haus hinter den hohen Mauern an und sprach mit ihm darüber. Er fragte mich: "Weißt du, wie ich zu diesem Haus gekommen bin?" Keine Ahnung. "Von klein auf wollte ich immer in Cartagena leben", erzählte er. "Und als ich Geld hatte, begann ich, nach einem Haus dort zu suchen. Aber immer war es viel zu teuer. Ein befreundeter Rechtsanwalt klärte mich auf: 'Alle denken, dass du Millionär bist und setzen den Preis rauf. Lass mich für dich suchen.' Ein paar Wochen später findet er ein Haus, das zum damaligen Zeitpunkt eine alte Druckerei war, fast eine Ruine. Er spricht mit dem Eigentümer, einem Blinden, und handelt einen Preis aus. Aber der Alte stellt eine Forderung: er möchte den Käufer kennenlernen.

Mein Freund kommt zu mir und sagt: 'Wir müssen ihn besuchen, aber du darfst nicht sprechen. Denn wenn er deine Stimme erkennt, wird er den Preis verdreifachen… Er ist blind, du wirst taub sein.' Der Tag des Treffens kommt. Der Blinde beginnt, mir Fragen zu stellen. Ich antworte ihm mit einem unverständlichen Gekrächze… aber in einem unvorsichtigen Augenblick antworte ich mit einem lauten 'Ja'. 'Ah', ruft der Alte, 'diese Stimme kenne ich. Sie sind Gabriel García Márquez!' Er hatte mich erkannt…. Sofort fügte er hinzu: 'Wir müssen den Preis neu festsetzen. Jetzt sieht die Sache anders aus.' Mein Freund versucht, zu verhandelt. Aber der Blinde wiederholt: 'Nein. Es kann nicht bei dem Preis bleiben. Auf gar keinen Fall.' – 'Also wieviel dann?', fragen wir resigniert. Der Alte überlegt einen Augenblick und sagt: 'Die Hälfte.' Wir verstanden es nicht. … Dann klärt er uns auf: 'Sie wissen ja, dass ich eine Druckerei habe. Wovon, glauben Sie, habe ich bis jetzt gelebt? Ich habe Raubdrucke von García Márquez` Romanen gedruckt!'"

Der Lachanfall hallte noch in mir nach, als ich unsere Unterhaltung in dem Haus in Havanna mit einem gealterten Gabo fortsetzte, der aber geistig so klar wie immer war. Er sprach mit mir über mein Interviewbuch mit Fidel Castro.3 "Ich bin neidisch", sagte er lachend. "Du hattest das Glück, mehr als hundert Stunden mit ihm zu verbringen." – "Ich bin es, der ungeduldig darauf wartet, den zweiten Teil deiner Erinnerungen zu lesen", antwortete ich ihm. "Dann wirst du endlich über deine Begegnungen mit Fidel berichten, den du seit langem kennst. Du und er, ihr seid zwei Giganten in der hispanischen Welt. Auf Frankreich bezogen wäre das so, als ob Victor Hugo Napoleon gekannt hätte." Er lachte laut los und strich über seine dichten Augenbrauen. "Du hast eine zu große Phantasie…. Aber ich muss dich enttäuschen: es wird keinen zweiten Teil der Erinnerungen geben… Ich weiß, dass viele Leute, Freunde wie Feinde, auf irgendeine Art auf mein 'historisches Urteil' über Fidel warten. Das ist absurd. Ich habe alles geschrieben, was ich über ihn zu schreiben habe.4 Fidel ist mein Freund und wird es immer bleiben. Bis ins Grab."

Der Himmel hatte sich inzwischen verdunkelt und das Wohnzimmer lag nun, mitten am Tag, im Dämmerlicht. Die Unterhaltung wurde langsamer, anstrengender. Gabo dachte nach, sein Blick ging ins Leere und er fragte mich: "Ist es möglich, dass ich keine schriftlichen Erinnerungen an so viele vertraute Zusammenkünften hinterlasse, die ich in freundschaftlichem Komplizentum mit Fidel hatte? Habe ich sie vielleicht für eine postume Veröffentlichung gemacht, wenn keiner von uns mehr auf dieser Welt ist?"

Draußen stürzte eine Regenflut mit der Kraft eines tropischen Unwetters aus dem Himmel. Die Musik war verstummt. Der starke Duft von Orchideen strömte durch das Zimmer. Ich schaute auf Gabo. Er sah angeschlagen und erschöpft aus wie ein alter kolumbianischer Gepard. Er blieb so sitzen, schweigend und nachdenklich, schaute auf den strömenden Regen, den treuen Gefährten in seiner Einsamkeit. Still schlich ich mich davon. Ohne zu ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

  • 1. Gabriel García Márquez, Vivir para contarla, Barcelona, Mondadori 2003
  • 2. Gabriel García Márquez, Asalto al Palacio, Bogotá, Alternativa 1978
  • 3. Ignacio Ramonet, Fidel Castro. Biografia a dos voces, Madrid, Debate 2006
  • 4. Gabriel García Márquez, El Fidel que creo conocer, Vorwort zum Buch von Gianni Miná, Habla Fidel, Edivision 1988, und El Fidel que yo conozco, Cubadebate, Havanna 13.08.09
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