Chile / Kultur

Luis Sepúlveda ‒ Ein Leben voller Leidenschaft und Freunde

Zum Tod des chilenischen Autors und Aktivisten Luis Sepúlveda (4. 10. 1949 -16. 4. 2020)

Vielleicht drückt der kolumbianische Schriftsteller Santiago Gamboa es am treffendsten aus, wenn er schreibt: "Du musstest ihn nicht nur lesen, du wolltest ihn auch zum Essen zu dir nach Hause einladen." Es ist die Rede von Luis Sepúlveda, eine der schillerndsten und erfolgreichsten literarischen Stimmen aus dem chilenischen Exil. Sein Werk wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt.

Sepúlveda und seine Frau, die preisgekrönte Dichterin Carmen Yáñez, waren Ende Februar wegen Verdachts auf Covid-19 ins Krankenhaus im spanischen Asturien eingeliefert worden. Während Yáñez rasch in Quarantäne entlassen wurde, behielten sie den Autor von El viejo que leía novelas de amor1, noch dort. An eine Atemmaschine angeschlossen, war er sediert worden, hieß es. In der Medizin wird damit eine "Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems" bezweckt. Um am Leben zu bleiben, wurde er gleichzeitig aus diesem ausgeschlossen ‒ grausame Ironie des Schicksals für einen Denker seinesgleichen, der "ohne das Rauschen des Meeres nicht leben könnte" und ständig in Bewegung sein musste.2 Ohne den dramatischen Krankheitsverlauf des Autors wunderbarer Fabeln und zeithistorischer Romane auf die leichte Schulter nehmen zu wollen, war meine erste Reaktion: Der alte Guerillero hat so viele Kämpfe ausgestanden und Krankheiten ‒ oft Nachwirkungen seiner Gefangenschaft in Chile ‒ überwunden, warum sollte es dieses Mal nicht auch so sein? Zumal doch ein Romanprojekt auf ihn wartete!

Politisches Engagement und Exil

1949 im chilenischen Ovalle geboren, trat der Sohn einer Krankenschwester und eines Kochs bereits mit 13 Jahren in die Juventudes Comunistas de Chile ein, die chilenische kommunistische Jugend. Als Ernesto Guevara 1967 in Bolivien ermordet wurde, erzählte Sepúlveda3, verließ er die kommunistische Jugend und wechselte in die Sozialistische Partei. Weil sie eine klare lateinamerikanische Botschaft vermittelte und weil Salvador Allende "eine außergewöhnliche Führungspersönlichkeit war" und eine ungeheure menschliche Wärme ausgeströmt habe. Im Gegensatz zu den Kommunisten, zu denen seine damalige Frau Carmen gehörte, "wollten sie nicht die proletarische Diktatur implantieren, sondern die demokratische Tradition respektieren".4 Sepúlveda wurde zur 1970 gegründeten persönlichen Sicherheitsgarde Allendes berufen, der Grupo de Amigos Personales (GAP), eine Auszeichnung, auf die er sein Leben lang stolz gewesen war. Von Diktator Augusto Pinochet (1973 -1990) wurde sie als "Bande von Terroristen und Kriminellen" diskreditiert.

Nach dem Putsch am 11. September 1973 lebte Sepúlveda zunächst im Untergrund, wurde dann mit vielen anderen seiner Genossen verhaftet. Während er in das Gefängnis Tucapel de Temuco kam, wurde Carmen im von Schrecken umwobenen Foltergefängnis Villa Grimaldi interniert.

Sepúlveda hatte Glück im Unglück, denn nach etwa drei Jahren wurde seine Verurteilung zu 28 Jahren Gefängnis aufgrund internationalen Drucks zu acht Jahren Exil umgewandelt. Auf seine Zeit in Tucapel de Temuco angesprochen, erzählte er zwar immer über die grausame "Standardfolter" (das Herausreißen von Fußnägeln ohne Narkose), aber er betonte auch stets den Humor unter den Mitinsassen, der ihnen über den physischen und psychischen Terror hinweggeholfen habe.

Humor, der oft fließend in Sarkasmus übergeht, zeichnen auch seine Romane aus. So etwa in La sombra de lo que fuimos (2011), in dem drei ehemalige linke Aktivisten sich nach drei Jahrzehnten in Santiago de Chile wiedertreffen. "Er wandte sich wieder dem Kreuzworträtsel zu. Stadt im Baskenland, sechs Buchstaben. Bilbao passt immer. Warum fragen sie eigentlich nie nach ein bisschen Intelligenz erfordernden Wörtern, die etwas mit uns zu tun haben? Zum Beispiel: Konzentrationslager, in das du, wenn sie dich nachts rausholen, nie wieder zurückkehrst, zehn Buchstaben. Puchuncaví. Was du empfindest, wenn deine Alten dich im Gefängnis besuchen und dir sagen, deinen Bruder Juan hätte man erschossen auf einer Müllkippe gefunden, sechs Buchstaben. Trauer."5

Sepúlveda musste Chile 1977 verlassen und ging nach Ecuador in den Amazonas, wo er sich den indigenen Shuar annäherte. Jahre später, 1989, sollte daraus Un viejo que leía novelas de amor werden, sein erster Weltbestseller. In vielen Schulen ‒ nicht nur in Chile ‒ steht er auf dem Lehrplan.

1979 schloss er sich der Internationalen Brigade Simón Bolívar an und beteiligte sich an der sandinistischen Revolution. Kurz nach dem Sieg der Sandinisten im Sommer 1979 zog er weiter nach Hamburg, wo er als Journalist arbeitete und sich unter anderem bei Greenpeace engagierte. Der Globetrotter lebte auch in Paris. Ende der 1980er Jahre traf er nach fast 20 Jahren Trennung wieder auf Carmen. Sie gingen nach Asturien. Sepúlveda schrieb: "Es zog uns an, weil es eine proletarische Stadt der Bergarbeiter und Werften war, mit einem sehr starken Widerstandsgeist." Ein ungeschriebener Liebesroman in den Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts.

Engagierte Literatur des 21. Jahrhunderts

Sepúlveda, dessen Werk vielfache Preise erhielt und einige Verfilmungen zählt, war zweifelsohne ein 6écrivain engagé des neuen Jahrtausends. Seine Literatur ist politisch, selbst (oder gerade) in den Fabeln, die sich an die jungen wie auch alten (!) Leser richten. Scheinen diese sich zunächst durch ihre poetische und metaphorische und stets klare Sprache, bereichert durch mythologische Referenzen, von den zeithistorischen Romanen abzugrenzen, sind dort gesellschaftspolitische Aspekte allgegenwärtig. Nie wirkt seine Literatur belehrend, die so oft durchdrungen ist von Menschlichkeit und seiner Zeit vorauseilenden Mahnungen. "Ich habe in der Literatur nie Erlösungen noch psychoanalytische Heilung gesucht. Zu sehr respektiere ich die Literatur, um in diese Falle zu treten. Ich weiß, dass meine Literatur, alles was ich schreibe, mehr als meine eigene Stimme ist, sie ist oft auch die Stimme der vielen Menschen, die keine haben", brachte es Sepúlveda einmal selbst auf den Punkt.

Mit seiner Literatur, betonte der Schriftsteller immer wieder, wollte er ein historisches Gedächtnis schaffen. In diesem Sinne holte ihn 2017 Diktator Pinochet wieder ein. Wie auch in anderen Romanen sind in El fin de la historia autobiografische Elemente auszumachen, nicht zuletzt widmet er diesen (nun letzten) Roman seiner "Frau Carmen, Gefangene 824, und all denjenigen, die durch die Hölle von Villa Grimaldi gingen". In diesem Roman noir nimmt er seine Leser mit auf eine Reise von Trotzkys Russland zu Pinochets Chile, vom Nazi-Deutschland nach Patagonien, sprich: Er durchforstet die dunkelsten Stationen des 20. Jahrhunderts, sein Alter Ego, Juan Belmonte, steht dabei im Zentrum dieses für das chilenische Gedächtnis wichtigen und für seine internationalen Leser bereichernden Romans.

Sepúlvedas Fabeln sind visionär

Was lange den deutschen Linken fehlte, zog von Beginn an wie ein roter Faden durch das erzählerische Werk von Sepúlveda: Die Sorge um die Umwelt und der Umgang des Menschen mit ihr. "Manchmal frage ich mich, ob einige von diesen Menschen wahnsinnig geworden sind, weil sie versuchen, aus dem Ozean eine einzige Müllkippe zu machen", miaut der Kater Hein Reling in Historia de una gaviota y del gato que le enseñó a volar (1996), eine Fabel, die in Hamburg verortet ist. Es ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Anderssein, aber eben auch scharfe Anklage gegen die vom Menschen hervorgerufene Zerstörung der Meere7. Heute endlich steht auch dieses Thema auf der Agenda einiger deutscher Politiker. In Historia de una Ballena Blanca (2019) nimmt er das Meer und sein Innenleben ebenfalls wieder auf, erzählt wird aus der Sicht eines weißen Wals, eingepackt in eine wahre Geschichte und einen Mythos der Mapuche. Und eilt nicht auch seine Fabel Historia de un caracol que descubrió la importancia de la lentitud (2018)8 unserer Zeit voraus? Während wir wegen des Coronavirus gezwungen werden, einen Schritt langsamer zu gehen, uns der Notwendigkeit dieser Langsamkeit zu besinnen? Und Dinge zu sehen, die wir sonst, in unserem rasanten Leben nie sehen würden? Seine Fabeln sind tatsächlich aktueller denn je.

Sepúlveda – ein solidarischer Schriftsteller

"Ich kann mir vorstellen, dass seine Verleger ein wenig Angst vor ihm hatten: Lucho hatte immer auch einen jungen und unbekannten Autor zu Hand, der ihn begeisterte. Die Begeisterung für seine neue Entdeckung versuchte er auch den Verlegern zu vermitteln. Wir waren viele, die wir diese Großzügigkeit spüren durften, die ihn immer begleitet hatte und die wir nun verloren haben. Ich bin sicher, dass dort, wo Lucho nun ist, er gerade in diesem Moment auch wieder einem Verleger zuredet, doch jenen jungen Schriftsteller zu veröffentlichen, der verspricht, eine literarische Entdeckung zu werden", war Leonardo Paduras Antwort auf meine Frage, was ihm zu Sepúlveda einfiele. Luis Sepúlveda hinterlässt ein umfangreiches, wichtiges literarisches Werk, das es wieder und wieder neu zu entdecken gilt. Er wird "eine Lücke hinterlassen. [...] Dieser großartige Mensch und Visionär wird in unseren Herzen und Köpfen weiterleben", formulierte Nicole Witt, seine langjährige Agentin, in ihrem Nachruf.

Und er wird an vielen Tischen von Freunden und Mitgliedern seiner großen Familie fehlen. Wie hieß es in der letzten Danksagung zum Roman El fin de la historia? Die richtete er nämlich an "meine Freunde für die Abendessen, bei denen ich gefehlt habe, während ich diesen Roman schrieb".

Obwohl er kurz vorher auf das Coronavirus negativ getestet wurde, verstarb Luis Sepúlveda am 16. April im Alter von 70 Jahren an den Folgen der Infektion.

  • 1. Dt.: Der Alte, der Liebesromane las, 2000, Carl Hanser Verlag; 2002 Deutscher Taschenbuch Verlag, München. Zur gleichen Zeit als Sepúlveda 1988 den Literaturpreis Premio Tigre Juan de novela für diesen Roman erhielt, wurde Chico Mendes im brasilianischen Urwald im Auftrag von Großgrundbesitzern umgebracht, weshalb ihm Sepúlveda folgende Worte widmete: "Dieser Roman wird nun nicht mehr in Deine Hände gelangen, Chico Mendes, geliebter Freund weniger Worte und vieler Taten, und doch kommt der Preis Tigre Juan auch Dir zu. Dir und all jenen, die Deinen Weg fortsetzen werden, unseren gemeinsamen Weg zum Schutz dieser einen, einzigen Welt."
  • 2. Luis Sepúlveda, Widerstand am anderen Ende der Welt, Dokumentarfilm, Sylvie Deleule, Arte France, 2011.
  • 3. Ebenda, Sylvie Deleule, Arte France, 2011
  • 4. Diese beiden grundsätzlich verschiedenen Ansätze habe, so Sepúlveda, eine Entfremdung zwischen ihm und Carmen provoziert, so dass sie sich nach wenigen Jahren inmitten der politischen Unruhen trennten. Luis Sepúlveda in: https://www.iodonna.it/personaggi/2018/11/23/luis-sepulveda-e-carmen-yanez-il-nostro-amore-e-un-romanzo/.
  • 5. Dt.: Der Schatten dessen, was wir waren, Rotpunktverlag, Zürich 2011
  • 6. Siehe hierzu auch seinen Blog in der Le Monde Diplomatique: https://www.lemondediplomatique.cl/-carne-de-blog
  • 7. Dt.: Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankurt am Main, 1997. Fünf Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft
  • 8. Dt. etwa: Die Schnecke, die die Bedeutsamkeit der Langsamkeit entdeckte.
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