Lateinamerika: Der Kampf der Frauen um einen bäuerlichen, popularen Feminismus

Beitrag zum 7. Kongress der Lateinamerikanischen Koordination ländlicher Organisationen (Cloc) vom 25. bis 30. Juni in Kuba

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Am 26. Juni findet das Frauentreffen im Rahmen des 7. Cloc-Kongress statt
Am 26. Juni findet das Frauentreffen im Rahmen des 7. Cloc-Kongress statt

Die Entwicklung bei der politischen Teilhabe von Frauen aus ländlichen Regionen in Lateinamerika ist eng verbunden mit der Rebellion, die sich im Aufstand der Indigenen, der Bäuerinnen und Bauernund des Volkes ausdrückt. Und ebenso mit der Einheit des Kampfes, die aufgebaut wurde um gegen den Versuch von Konquistadoren, von verbündeten und/oder unterjochten Regierungen Front zu machen, 500 Jahre Entdeckung und Plünderung unseres Amerikas zu feiern.

In den fünf Jahren des Bestehens der Kampagne für Widerstand und kontinentale Einheit der ländlichen Bevölkerungen und der indigen Völker sind wir Frauen als Teil dieser Entwicklung auf die Straße gegangen. Wir haben uns die Geschichte hinsichtlich des bereits zurückgelegten Weges im Kampf und Widerstand unserer Völker zum Schutz unseres Landes und unserer Gebiete genauer anzusehen und haben darin ein notwendiges Element für die Entwicklung unseres bäuerlichen Lebens erkannt. Diese lange Reise hat den rebellischen Geist erneut aufgerufen und genährt. So konnten wir den kritischen Momenten begegnen, die wir in jedem unserer Ländern durchlebten. Die Organisationen konnten wieder Fuß fassen und gewannen an Bewusstsein. Das erhöhte ihre organisatorische Fähigkeit und sie stellten sich mit größerer Kraft dem faschistischen Angriff jener Zeit entgegen.

Diese Etappe des Kampfes zählte auf den vollen Einsatz der Frauen. Sie wiesen einen Weg, der sich weiter entwickelte und dazu führte, dass unsere Teilhabe und Aktivität beim zweiten Kongress der Lateinamerikanischen Koordination ländlicher Organisationen sichtbarer war, unsere Stimme sich lauter erhob und an politischer Relevanz gewann. Unsere Forderungen und Vorschläge waren und sind klar und präzise. Der Gerechtigkeit wegen forderten wir eine größere Beteiligung in Leitungsbereichen. Wir waren sicher, dass diese Koordinierung der Bewegungen auf dem Land durch die Geschlechterparität eine stärkere politische Bedeutung erlangt und zugleich war dies mit dem internationalen Prozess der Via Campesina1 verbunden, der sich zum wichtigsten Bezugspunkt für Kleinbauern und Landarbeiter entwickelte.

Die Wirksamkeit der politischen Aktion von Frauen in allen Bereichen erzeugt eine Dynamik, die über ihr Handeln hinausgeht - und nicht nur in den nationalen Organisationen. Dies drückt sich auch im Aufkommen neuer Frauenbewegungen aus, deren Ziel das gemeinsame Handeln mit der Bauernbewegung aus unserer Identität als Frauen heraus ist. So wird eine neue Organisationskultur geschaffen, die wichtige Schritte unternimmt und die alten machistischen Strukturen der Bewegung aufbricht.

Die Zunahme der Partizipation der Frauen auf der Führungsebene der Bewegung markiert einen Meilenstein in der Geschichte der Organisationsprozesse. Dies bringt uns weiter bei der notwendigen kontinentalen Organisierung der Frauen auf dem Land, mit eigenen Vorschlägen, die sich mit dem Kampf der Kleinbauern verbinden und ihre sämtlichen Fähigkeiten entwickeln und sichtbar machen, um politisch handeln und unsere Rechte ausüben zu können. Die Prozesse politischer Bildung, die wir in unseren kontinentalen und regionalen Schulen vorantreiben, ebnen uns den Weg zu einem breiteren Verständnis. Bei der Erarbeitung eines eigenen feministischen, bäuerlichen und popularen Vorschlags, der den Weg zum Kampf für eine sozialistische Gesellschaft einschlägt, sind wir vom Einfachen zum Komplexen übergegangen.

Viele fragen sich noch immer: Was soll dieser bäuerliche und populare Feminismus? Für die Ausarbeitung und politische Formulierung unseres feministischen Konzepts können wir nicht sagen, dass es in der Bewegung generell eine einstimmige Überzeugung gibt. Auch wenn die Vereinbarung des Kongresses für uns alle, Frauen wie Männer, verpflichtend ist. Aber es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass während wir in diesem politischen Aufbau vorankommen, immer mehr Genossen, Kleinbäuerinnen und indigene Schwestern dieses Denken bekräftigen und so den Kampf für eine Gesellschaft unter Gleichen führen. Eine Gesellschaft ohne Gewalt, in der Ausgrenzung Unterwerfung, Diskriminierung und Armut der Vergangenheit angehören. Wir können diesen Schritt für ein erfülltes Lebens auf den Wegen des Buen Vivir gehen.

Unsere Identität als Frauen vom Land

Es ist schon ein Jahrzehnt her, dass die Cloc am 30. April 2009 in Kuba beschloss, dass unser politischer Weg über den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft verläuft. Und die Mahnung von uns Frauen lautete: "Ohne Feminismus wird es keinen Sozialismus geben". Die Herausforderung war, wie diese feministische Konzeption ausgehend von Frauen entstehen würde, die wir historisch so weit weg von den feministischen Positionen waren, aber gleichzeitig von ihnen dargestellt wurden.

Unser bäuerlicher, popularer Feminismus wird von unseren Geschichten und Erfahrungen durchdrungen. Er gibt dem politisch Akkumulierten, das wir Frauen entwickelt haben, einen Sinn. Wie die Genossin Iridiani Seibert es in unserer kontinentalen Schule für Frauen gesagt hat: "Wir erfinden nichts Neues, sondern bekräftigen und vertiefen unseren Weg, unser historisch-politisches, gesellschaftliches und kulturelles Handeln ausgehend von unserer Identität, von der Wirklichkeit des Lebens und der Arbeit für den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Dabei bewahren und wertschätzen wir unsere Identität als Frauen vom Land, Indigene, Frauen mit afrikanischen Vorfahren, Fischerinnen und Landarbeiterinnen. Eine Identität, die historisch und gesellschaftlich vom Patriarchat und dem Kapitalismus verleugnet und entwertet wurde."

Aus diesem Blickwinkel müssen die Jahre der Debatten und Studien betrachtet werden - sowohl theoretische als auch praktische - in denen wir überdachten, wie die Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins in diesem patriarchalen, unterdrückerischen, gewaltsamen und ausbeuterischen Wirtschaftssystem in allen Bereichen das Bewusstsein der Völker schwächt. So soll verhindert werden, dass der Klassen- und Massenkampf als historisches Leitprinzip der Kämpfe gegen den Kapitalismus und für die Befreiung der Völker die zentrale Achse ist, die den politischen und sozialen Kampf der Bewegungen für eine solidarische Gesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit, eine egalitäre, sozialistische Gesellschaft eint. Wir wollen, dass die unterschiedlichen Aspekte rund um unsere politischen Bestimmungen dazu führen, uns als Frauen mit Rechten wertzuschätzen. Und das beinhaltet auch die Wertschätzung unserer Arbeit, unseres Wissens und unserer Kultur und des sozialen und wirtschaftlichen Wertes für die Entwicklung und das Wohl der Gesellschaft.

Unser feministischer, bäuerlicher und popularer Ansatz hat also eine eindeutige Klassenidentität; er erwächst aus unseren historischen und kulturellen Wurzeln, aus unserer Identität als Frauen vom Land, die zutiefst mit dem Land verbunden sind; von da aus haben wir den Weg aufgenommen, der die Kämpfe und die Kämpferinnen, die uns vorausgegangen sind, in die Gegenwart holt; die theoretische Ausarbeitung der sozialistischen Denkerinnen von gestern und ihr emanzipatorisches Erbe, den Beginn des historischen Feminismus; die akkumulierten Prozesse in den unzähligen feministischen Kämpfen in der Region und der Welt. Dabei wurde auch der politische Vorschlag der Vía Campesina zur Ernährungssouveränität für unsere Völker entwickelt; und ebenso eine sozialistische Denkweise hinsichtlich der neuen Beziehungen, die sich aus dem Aufbau dieses feministischen Vorschlages ausgehend von unserer Diversität und Identität als Frauen vom Land ergeben, ein Klassen- und populares Denken, ausgerichtet auf die sozialistische Gesellschaft.

In die Geschichte zurückblicken und uns in ihr seit dem Aufkommen der Landwirtschaft zu entdecken, hat uns die notwendigen Elemente für die politische Beurteilung des historischen Handelns des Kapitalismus und seines Hauptinstruments "Patriarchat" in die Hand gegeben; für die Beurteilung seiner Macht über unsere Gesellschaften und die perversen Methoden, die die Fortschritte in den Kämpfen der Völker und insbesondere dem Kampf der Frauen behindern und unterbrechen.

Wir durchleben heute intensive Momente. Die großen Mobilisierungen der Frauen, deren Teil wir sind und die unter feministischen Fahnen den Weg der emanzipatorischen Kämpfe erweitern werden, ermutigen und erfreuen uns. Die Herausforderung besteht nun darin, weder unsere Richtung noch unsere Klassenidentität zu verlieren. Den Kapitalismus beseitigen, mit dem Imperialismus Schluss machen, das ist sicherlich ein langer Kampf. Wir sind aufgerufen, voranzukommen ohne den Mut zu verlieren. Voran mit dem politischen und ideologischen Vorschlag für einen bäuerlichen und popularen Feminismus, der uns dazu befähigt, die sozialistische Gesellschaft zu erobern nach der wir uns sehnen. Wir haben die Gewissheit, dass wir mit dem Feminismus den Sozialismus aufbauen werden.

Francisca Rodríguez Huerta aus Chile ist Aktivistin der Nationalen Vereinigung ländlicher und indigener Frauen (Asociación Nacional de Mujeres Rurales e Indigenas, Anamuri)

  • 1. La Via Campesina (Der bäuerliche Weg) ist ein weltweites Bündnis von Kleinbauern, Landarbeitern, Fischern, Landlosen und Indigenen
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