Kolumbien: "Transmenschen leiden unter einem Teufelskreis von Armut, Gewalt und Ausgrenzung"

Interview mit Matilda González Gil, kolumbianische Transaktivistin und Menschenrechtsanwältin

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Matilda González Gil
Matilda González Gil

Durchschnittlich haben Transfrauen eine Lebenserwartung von 35 Jahren in Lateinamerika. Matilda González Gil ist eines der berühmtesten Gesichter der Trans-Bewegung in Kolumbien. Die Rechtsanwältin setzt sich seit Jahren für die kolumbianische Trans-Community ein und blickt in ihrer jungen Karriere bereits auf viele Erfolge zurück, wie die Durchsetzung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kolumbien. Matilda arbeitete mit unterschiedlichen Menschenrechtsorganisationen zusammen und schrieb unter anderem als Autorin für das Magazin Vice und die kolumbianische Zeitung El Espectador. In Bogotá erzählt Matilda, was es bedeutet, Transaktivistin in Kolumbien zu sein.

Seit wann und wie hat dein Aktivismus begonnen?

An der Universität, gab es eine Gruppe namens Círculo LGBTI Uniandino (Uniandino LGBTI Kreis), die nicht gegründet werden konnte, weil sich niemand anmelden wollte und drei zu vergebende Positionen benötigte: Präsidentin, Vizepräsidentin und Schatzmeisterin. Ich ging zufällig zu einem ihrer Treffen und die Präsidentin bat mich, mich zu registrieren, damit sie die Gruppe gründen konnten. Nach einer Weile wurde bei ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert und sie starb. Da ich das Anmeldeformular als Vizepräsidentin unterschrieben hatte, musste ich nach ihrem Ausscheiden die Geschäftsführung übernehmen. So begann mein Leben als Aktivistin durch Zufall. Mit dieser Gruppe begannen wir, viele Aktionen durchzuführen. In einem dieser Räume traf ich Menschen aus dem Red Comunitaria Trans (Gemeinschaftliches Transnetzwerk), für das ich heute noch arbeite. Während meines Stipendiatenaufenthaltes in den USA engagierte ich mich bei der Interamerikanischen Organisation für Menschenrechte, und es gelang uns, die erste Unisex-Toilette in der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) durchzusetzen.

Als ich nach Kolumbien zurückkehrte, begann ich bei Colombia Diversa zu arbeiten. Ausgehend von dieser Arbeit riefen wir den Kurs “Nationale und internationale Transpolitik: Spannungen und Fortschritte bei den Rechten von Transpersonen” an der Universität Los Andes in Bogotá ins Leben, wo wir 20 Stipendien an verschiedene Aktivistinnen und Aktivisten des Landes vergaben; aus diesen Tagen entstand das Buch “Sueños furiosos: Aportes para la Construcción de una Agenda Política Trans” (Wütende Träume: Beiträge zum Aufbau einer transpolitischen Agenda), veröffentlicht von der University of California (UCLA).

Was war dein größter Erfolg und dein größter Misserfolg in deinem Prozess als Aktivistin?

Es gibt mehrere Errungenschaften: Gemeinsam mit Colombia diversa habe ich Gerichtsprozesse gewonnen. Ich erhielt einen der Fälle im Zusammenhang mit der gleichgeschlechtlichen Ehe und war Teil der Gruppe, die die Rechtsprechung umgesetzt hatte. Ich habe auch den Fall eines schwulen Paares angefochten, das aus dem Einkaufszentrum Avenida Chile in Bogotá vertrieben wurde, weil es sich in der Öffentlichkeit geküsst hatte – wir haben den Fall gewonnen und das Einkaufszentrum musste sich entschuldigen. Ein weiterer Erfolg war die Durchsetzung des Dekrets 1227 von 2015, das es Transmenschen erlaubt, das Geschlecht in ihrem Ausweis zu ändern.

Außerdem war ich auch in den Medien, in einem Youtube-Kanal mit der Zeitung El Espectador namens La prohibida, obwohl letztendlich alles schlecht ausging, weil sie mich nicht bezahlt oder meine Urheberrechte nicht anerkannt haben. Die größte Leistung für mich war jedoch die Veröffentlichung des Buches Sueños furiosos. Ich glaube, dass Juristen nicht beigebracht wird, im Team zu arbeiten, und das war die Gelegenheit, das Recht kollektiv und partizipativ zu nutzen. Dieses Buch öffnete die Türen zu vielen anderen sehr erfolgreichen Möglichkeiten.

Und so viele Misserfolge! Ich erinnere mich daran, als das Red Comunitaria Trans, als sie gerade erst mit ihrer Arbeit begonnen hatten, eine Party in La Candelaria [Viertel in Bogotá] organisiert haben, um Mittel für Projekte im Gefängnis zu sammeln – denn die schlimmste Situation für eine Transperson ist, im kolumbianischen Gefängnis zu sitzen. Zu der Party tauchten nur zwei Personen auf.

Sitzen viele Transpersonen in den Gefängnissen Kolumbiens?

Ja, aber es existieren keine genauen Zahlen. Ich habe Petitionen an die Generalstaatsanwaltschaft, den Obersten Rat der Justiz und andere, für die Angelegenheit zuständige Institutionen geschickt, und sie antworteten mir, dass sie keine Zahlen haben, oder sie geben mir Berichte mit Zahlen, die nicht übereinstimmen, was bedeutet, dass hohe Dunkelziffern existieren.

Die Staatsanwaltschaft zum Beispiel sagt, dass sie nur zwei LGBT-Personen für Drogendelikte registriert hat. Eine Studie des Instituto Nacional Penitenciario y Carcelario (Nationales Strafvollzugs- und Gefängnisinstituts) besagt, dass 40 Prozent der LGBT-Personen im Gefängnis mit Drogendelikten in Verbindung gebracht werden.

Existiert Gewalt gegen Transmenschen in Bogotá?

Ja, ich glaube, dass das Problem der Gewalt gegen Transpersonen in einem Rahmen geschlechtsspezifischer Gewalt auftritt, ähnlich wie bei Cis-Frauen. Ein Beispiel dafür ist die Auswirkung, die es mit sich bringt, Partner einer Transperson zu sein: die Stigmatisierung von Männern und die Demütigung von Frauen.

Aber es gibt auch Gewalt seitens des Staates. Institutionelle Gewalt ist eine der präsentesten Formen der Gewalt, unter der Transmenschen leiden. Sie tritt auf, weil das Gesetz diese Gewalt durch Instrumente, wie zunehmend invasive polizeiliche Befugnisse, legitimiert. In einem Fall wie der Regulierung der Sexarbeit ist institutionelle Gewalt offensichtlich, da die vom Plan de Ordenamiento Territorial de Bogotá (Flächennutzungsplan Bogotá) vorgeschlagene Organisation unklar ist. So ist unklar, ob es möglich sein wird, die Sexarbeit an Orten in der Stadt fortzusetzen, wo Menschen der Arbeit bereits seit Jahren nachgehen. Daher existiert eine Dynamik der Zwangsvertreibung von Prostituierten innerhalb der Stadt.

Eine weitere Erscheinungsform der institutionellen Gewalt ist die Kriminalisierung der Armut: Diejenigen, die im Gefängnis landen, sind diejenigen, die in der Gesellschaft an unterster Stelle stehen. Menschen, die den Weg in die Kriminalität finden, um zu überleben. Menschen, die den Weg zum Drogenhandel finden, weil es ihnen egal ist, ob sie von der Polizei verhaftet oder von diesen kriminellen Organisationen getötet werden.

Vor welchen Herausforderungen steht die Trans-Community in Kolumbien, insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Beschäftigung?

Ich möchte auf die Kriminalisierung der Armut aufmerksam machen, denn ich glaube, dass dies das Hauptaugenmerk ist. Transmenschen leiden unter einem Teufelskreis von Armut, Gewalt und Ausgrenzung, der sie anfälliger macht für Gewalt, einschließlich institutioneller. Diejenigen von uns, die höheren gesellschaftlichen Klassen angehören, haben mehr Zugang zur Gesellschaft und sind daher weniger anfällig für die Kriminalisierung seitens des Staates. Die Kriminalisierung der Armut ist ein grundlegendes Problem, das sich verschärft, wenn der Staat mehr in Armee und Polizei investiert, um strukturelle Probleme zu lösen, wenn die Dynamiken des Strafrechtspopulismus offensichtlich werden und es die Armen sind, die immer im Gefängnis sitzen.

Soziale Probleme haben immer mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu tun. Im Bereich Bildung habe ich kürzlich die trans-indigene Frau Embera Chamí, interviewt, und sie sagte mir, dass sie die Einzige sei, die die Schule abgeschlossen habe. Der Schulabbruch und die Ausgrenzung von Transpersonen ist sehr hoch.

In Bogotá gibt es Transpersonen, die in der Bezirksverwaltung eingestellt werden, aber das wurde durch die LGBT-Politik früherer Verwaltungen ermöglicht. Die Arbeitsmöglichkeiten sind schrecklich, nur einige informelle Ökonomien erlauben es ihnen zu arbeiten, wie Friseur- und Sexarbeit, und das wiederum macht Transmenschen anfälliger für den Einstieg in stark kriminalisierte Ökonomien, in denen das Gesetz der Straße das ist, das alles regelt. In der Beschäftigung muss also nicht nur das Fehlen von Arbeitsmöglichkeiten thematisiert werden, sondern das Recht auf Prostitution ernsthaft berücksichtigt werden. Transfrauen haben das Recht auf Schutz, viele sind Prostituierte, weil die Umstände sie dazu getrieben haben, aber es gibt auch andere Transfrauen, die die Arbeit als Prostituierte bewusst gewählt haben.

Im Bereich des Gesundheitswesens gibt es zwei Dimensionen: den Fortschritt, denn es liegen drei Urteile des Verfassungsgerichts vor, die besagen, dass trans sein unter keinen Umständen als Krankheit angesehen werden kann. In der Praxis erleben wir jedoch einen Rückschritt, da die überwiegende Mehrheit der Gesundheitseinrichtungen Pathologisierungsgutachten1erstellt. Der Fortschritt ist also relativ, denn zum ersten Mal in Kolumbien bietet eine Privatklinik wie Profamilia Transpersonen medizinische Beratung ohne Pathologisierung an ‒ sie verfolgen auch eine ähnliche Strategie bei Abtreibung ‒, aber da es sich um ein Privatunternehmen handelt, kostet der Termin 110.000 COP (cirka 30 Euro), was zu einem eingeschränkten Zugang zu diesen Dienstleistungen führt. Es ist ein kleiner Schritt nach vorne, denn im Idealfall sollte Gesundheit ein Recht und kein Privileg sein.

Was erwartest du von der LGBTIQ-Bewegung und insbesondere von der Trans-Bewegung in den nächsten zehn Jahren in Kolumbien?

Was Beispiele anderer Ländern zeigen, ist, dass Trans-Bewegungen beginnen, mehr rechtliche, politische und soziale Errungenschaften zu erreichen, wenn sie sich von LGBT-Bewegungen trennen. Bei einem kürzlichen Treffen, an dem ich in Südafrika teilgenommen habe, haben mehrere Organisationen ihre Agenda vorgestellt und gezeigt, dass die Emanzipation von der LGBT-Bewegung ein wichtiger Schritt ist. Ich denke, dass wir uns in Kolumbien in diesem Prozess der Trennung befinden, obwohl es schwierig ist, weil es einen historischen Paternalismus gibt, der uns dazu gebracht hat, kindliche Einstellungen anzunehmen, um uns in diesem System zurechtzufinden. Heute, wenn die Emanzipation stattfindet, müssen wir auch über die Mitverantwortung am Handeln nachdenken, wir müssen uns fragen, was wir tun werden, was als nächstes kommt. In diesem Sinne sehe ich immer mehr selbstbewusste transsexuelle Sexarbeiterinnen, die durch Erfahrungen und eigene Strategien besser darauf vorbereitet sind, was sie erwartet.

Was folgt ist, uns im Hinblick auf konkrete Ziele zu organisieren, so stelle ich mir die Trans-Bewegung in den nächsten Jahren vor. Kurzfristig müssen wir uns auf das einigen, was wir tun werden, indem wir der Intersektionalität und der Frage der Kriminalisierung Priorität einräumen; wir müssen der Polizei und der Armee die Macht entziehen, um soziale Probleme zu lösen, die ihre Wurzeln im Neoliberalismus haben. Wir müssen die Tatsache in Frage stellen, dass die Präsenz des Staates nur durch öffentliche Gewalt erfolgt. Wir brauchen einen Prozess der Entkriminalisierung der Trans-Sexualität, weil wir kriminalisiert werden, nur weil wir Transsexuelle sind, was in der Praxis bedeutet, über die Reform der Drogenpolitik zu sprechen, über die Regulierung der Sexarbeit zu sprechen, unter anderem das Polizeigesetz zu überdenken. Parallel zu dieser Entkriminalisierung müssen Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Arbeit ergriffen werden, um ein Leben in Würde für Transmenschen zu garantieren.

Anm. d. Red.: Für eine verbesserte Lesbarkeit wurde auf das Gendern verzichtet, jedoch wird sich auf alle Geschlechtsidentitäten bezogen.

  • 1. Gutachten, bei denen Transsexualität als Krankheit diagnostiziert wird
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