Südamerika / Wirtschaft

Die Energie-Integration im Übergang

Die stärkere staatliche Steuerung der Energiemärkte führt zu Abstimmungsproblemen zwischen den Ländern Südamerikas

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Bau einer Gaspipeline in Chile
Bau einer Gaspipeline in Chile

Die Energie-Integration in Lateinamerika kämpft weiter mit Problemen. Die jüngsten Kontroversen behandelten die Behinderung der Energie-Exporte von Paraguay nach Uruguay durch die argentinische Regierung. Voranggegangen waren die Probleme Boliviens, die Lieferverträge mit Argentinien und Brasilien zu erfüllen, auf argentinischer Seite die Nichteinhaltung von Verträgen mit Chile und der langanhaltende Kampf Paraguays um bessere Preise für die an Argentinien und Brasilien gelieferte Elektrizität.

Hydroelektrizität

Paraguay ist das Land, welches über den größten Elektrizitätsüberschuss der Region verfügt, zum einem durch den zusammen mit Brasilien betriebenen Staudamm Itaipú und zum anderen durch den mit Argentinien geteilten Yacyretá-Staudamm. Seit Fernando Lugo in Paraguay die Präsidentschaft übernommen hat, kämpft er dafür, bessere Energiepreise zu erzielen und sein Land von den alten Auflagen zu befreien, die es verpflichteten, die gesamte überschüssige Energie an die beiden Nachbarn zu verkaufen.

Im Fall von Itaipú erhielt Paraguay bis vor kurzem 100 Millionen Dollar pro Jahr für den Energieverkauf an Brasilien, jedoch schätzen die paraguayischen Behörden den eigentlichen Wert der gelieferten Energie zehn mal höher ein, wenn man sich nach den aktuellen Weltmarktpreisen richtete. Nach harten Verhandlungen erreichte man 2009 ein Abkommen, in welchem Brasilien zugestand, den Tarif für die aus Itaipú gelieferte Energie von 2.7 US-Dollar auf 8.4 US-Dollar pro MWh zu erhöhen. Das bedeutet für Paraguay mehr als eine Verdreifachung seiner Einnahmen auf 360 Millionen Dollar im Jahr.   

98 Prozent der in Yacyretá generierten Energie wird nach Argentinien geliefert. Ebenso wie im Fall Brasiliens bewertet Asunción den von Argentinein bezahlten Preis zwischen 8 US-Dollar und 30 US-Dollar für die MWh als deutlich unter dem Marktpreis liegend, der sich zwischen 80 US-Dollar und 100 US-Dollar bewegt. Desweiteren streiten beide Länder um die Möglichkeit, einen Teil der in Yacyretá generierten Energie an Drittländer zu verkaufen.

Insbesondere sind die Verhandlungen bezüglich eines Energieexportes nach Uruguay, sei es von Yacyretá selbst, oder von Acaray, eines ausschließlich von Paraguay betriebenen Staudamms im Landesinneren mit 210 MW Leistung, sehr weit vorangeschritten. Das Problem dabei ist, dass diese Lieferungen argentinisches Territorium überqueren müssten und die argentinischen Behörden dies bislang nicht genehmigt haben.

“Meiner Meinung nach ist dies durch den Vertrag von Asunción geregelt, in welchem festgehalten ist, dass Argentinien keine offensichtlichen oder versteckten Barrieren aufstellen darf, die den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen behindern“, bescheinigte Ricardo Canese, der Koordinator der binationalen Behörde für Hydroelektrizität, in einer in der paraguayischen Tageszeitung La Nación veröffentlichten Erklärung.

Canese wies eindrücklich auf die bereits im Dezember 2008 von der argentinischen Präsidentin Cristina Fernandez gemachten Versprechen hin, die Durchleitung von für Chile und Uruguay bestimmter paraguayischer Energie zu erlauben. Trotzdem existieren die Hindernisse weiter. Der uruguayische Energiedirektor Ramón Mendéz weist in die gleiche Richtung und hebt hervor, dass Paraguay sich gern aus der Abhängigkeit von seinen kompulsiven Käufern lösen würde, dies aber durch den Versuch Argentiniens behindert wird, sich der paraguayischen Energie anzueignen, um sie dann selbst zu exportieren, anstatt die einfache Durchleitung zu erlauben. Damit steht die Wertigkeit der bereits geschlossenen Vereinbarungen hinsichtlich des freien Transits im Kern des Mercosur zur Debatte. 

Naturgas

In diesem Fall ist wiederum ist Argentinien besorgt, da Bolivien seine seit 2010 bestehende Verpflichtung nicht erfüllt, 27.7 Millionen Kubikmeter am Tag zu liefern. Bolivien produziert täglich zwischen 38 und 43 Millionen Kubikmeter von denen 30 Millionen für Brasilien und 7 Millionen für den eigenen Markt bestimmt sind. Argentinien bekommt in den letzen Jahren aber kaum mehr als 2 bis 7 Millionen Kubikmeter täglich, was bei einem täglichen Verbrauch von 144 Millionen Kubikmeter äußerst dürftig ist.

Dieser Mangel hat zusätzlich Auswirkungen auf die Gasexporte Argentiniens nach Chile. Zwischen 1996 und 1999 hat Chile 7 Gasodukte in Richtung Argentinien gebaut und erreichte damit einen Import von ca. 25 Millionen Kubikmeter am Tag – bis 2004 die Einschränkungen begannen. Zu den internen Problemen Argentiniens, die eigene Gasproduktion nicht erhöhen zu können, gesellten sich die Probleme Boliviens, Investitionen zur Erhöhung der eigenen Gasproduktion auch nicht konkretisieren zu können. Zur Zeit hat Chile zwei Gasumwandlungsanlagen gebaut (Quinta und Mejillones), mit welchen man hofft, sich über importiertes Flüssiggas selbst versorgen zu können.

Auch Brasilien hat seit der von Evo Morales vorangetriebenen Nationalisierung des bolivianischen Gases Maßnahmen getroffen. Deren Prognose geht für die Zukunft zwar weiter von den 30 Millionen Kubikmeter pro Tag aus, zusätzlich wird man aber auf eigene Ressourcen zurückgreifen oder natürliches Flüssiggas importieren. Während noch im Jahr 2006 40 Prozent des Gasangebotes auf dem internen brasilianischen Markt bolivianischen Ursprungs war, geht man für 2012 davon aus, diesen Anteil auf 22 Prozent senken zu können.   

Integrationsmodalitäten

Das alles zeigt, dass die regionale Ernergieintegration dabei ist, sich zu ändern. So war sie in den 1980er und 90er Jahren funktional und auf eine Strategie der Marktliberalisierung ausgerichtet, die über die Interaktion von Regierungen und Privaten versuchte, die unternehmerische Entwicklung auf dem Energiesektor zu begünstigen.   

Mit dem Eintritt in das neue Jahrhundert jedoch haben die südamerikanischen Länder einen Prozess der Rückgewinnung der Kontrolle des Sektors initiiert und die Energieintegration velangt in diesem Zusammenhang nach zentralisierteren Modalitäten. Die Idee der internationalen Verknüpfung mit freiem Zugang zu Energienetzen und Quellen war kompatibel mit der freien Marktordnung. Heute aber, da die Regierungen versuchen, einen grösseren Einfluss auf energiepolitische Entwicklungen zu nehmen, verlangt die Integration nach einer Form der übernationalen politischen Koordination.

Der 2008 geründete Consejo Energético de Suramérica (Südamerikanische Energierat) und der sich in Ausarbeitung befindende Tratado Energético Suramericano (Südamerikanmischer Energievertrag) sind in diesem Sinne schwache Schritte. Die Auseinandersetzungen zwischen den genannten Ländern sind ein deutlicher Beweis dafür, dass man sich noch weit entfernt davon befindet, eine politische Plattform für Integrationsmodalitäten zu entwickeln, die diese Probleme lösen könnte. Vielleicht leiden wir gerade unter den Unannehmlichkeiten des Übergangs von einem Integrationsstil, welcher nicht mehr funktioniert, zu einem anderen, der sich immer noch im Vorbereitungsstadium befindet.


Gerardo Honty ist Analyst für den Energiebereich der CLAES, Centro Latinoamericano de Ecología Social. Dieser Beitrag erschien am 9. September 2011 bei ALAI - América Latina en Movimiento.

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