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Praktischer Sozialismus am Beispiel Venezuelas

Übernahme der Produktion und Verallgemeinerung der Erfahrung des bolivarischen "Sozialismus' des 21. Jahrhunderts"
Praktischer Sozialismus am Beispiel Venezuelas

Kürzlich ist die um das Vorwort zur venezolanischen Ausgabe erweiterte zweite Auflage der Schrift „Praktischer Sozialismus. Antwort auf die Krise der Gewerkschaften“ des Hans-Jürgen-Krahl-Instituts erschienen. Das Vorwort wurde für die Veröffentlichung in Venezuela (wie auch die Broschüre selbst) vom venezolanischen Generalkonsulat in Hamburg auch ins Spanische übersetzt. Es gibt nicht nur kurz und präzise den Grundgedanken des Modells wieder, sondern erweitert es um Überlegungen zum inneren Aufbau der Organisation und insbesondere zum Problem einer demokratischen und dennoch effizienten Entscheidungsstruktur.

Erklärtes Ziel der Autoren ist es, auch hierzulande eine vertiefende Diskussion über den Zusammenhang von Sozialisierung, Sozialpolitik und Klassenkampf anstoßen zu können. Informationen und Rezensionen zum ursprünglichen Text der Broschüre, die 2008 zum ersten Mal erschien, sowie weiterführende Texte zum Thema gibt es auf http://www.hjki.de. Dort kann die Broschüre auch bestellt werden.

Der nachstehende Text führt in die Problematik ein und ist eine bearbeitete Fassung eines Vortrags, der von Carsten Prien anlässlich der Filmvorführung von "5 Fabriken" im Mai in Kiel gehalten wurde.


Der Film "5 Fabriken" von Dario Azzellini dokumentiert exemplarische Erfahrungen. Die fünf Fabriken sind Modelle selbstverwalteter Produktion im gegenwärtigen bolivarischen Venezuela. Die in ihnen enthaltene besondere Form der Dialektik von Reform und Revolution ist zugleich kennzeichnend dafür, was "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" genannt wird. Der Internationalismus verpflichte uns zu der Frage, was an der venezolanischen Erfahrung der letzten 13 Jahre auch für die deutsche Linke Geltung haben kann, was an ihr verallgemeinerbar ist?

Allgemein ist den Beispielen, dass ein ehemals kapitalistischer Betrieb von der Belegschaft übernommen wurde und seitdem die Produktion von den unmittelbaren Produzenten wenn auch in verschiedener Weise selbstverwaltet wird.

Eine Ausnahme macht das Aluminum-Werk Alcasa am Anfang des Films, bei dem es sich um einen staatlichen Betrieb handelt, der über Formen der Mitbestimmung in die Selbstverwaltung überführt werden soll. Alcasa ist allerdings eine die Regel bestätigende Ausnahme, insofern an diesem Beispiel deutlich wird, dass die Perspektive der Vergesellschaftung vordem kapitalistischer Betriebe in Venezuela nicht deren Verstaatlichung ist, zu der sich die Formen von Mit- und Selbstverwaltung lediglich wie Übergänge oder Zwischenschritte verhalten würden.

Gerade das Gegenteil ist richtig. Der Staat, genauer die revolutionäre Regierung, initiiert, fördert und protegiert in allen fünf Bespielen einen Prozess, der, wie es im Film heißt, "demokratisch über den legalen Rahmen hinausgeht", in dem also die staatliche Förderung und Verstaatlichung nur Zwischenschritte hin zu einer Form der Vergesellschaftung sind, die sich von diesen Übergängen grundsätzlich unterscheidet. Anschaulich vereinfacht wird dieses Prinzip bei der im Film erwähnten Wahl des Leiters des Aluminium-Werkes. Dieser wurde staatlicherseits eingesetzt, um die Mitverwaltung der Produktion zu initiieren und deren Entfaltung zu fördern und entschied sich eben aus diesem Grund, sich in seiner legalen Funktion als Leiter durch die Belegschaft selbst erst legitimieren zu lassen, in dem er sich ihr frei zur Wahl stellt.

Auch wenn der Leiter der gleiche geblieben ist, so hat sich sein Verhältnis zur Belegschaft doch grundsätzlich gewandelt. Wichtiger als die basisdemokratische Legitimation der Leitungsfunktion ist dabei, das was im Film wie im bolivarischen Prozess insgesamt der „Protagonismus“ der unmittelbaren Produzenten genannt wird. Dieser Protagonismus ist die selbsttätige Übernahme der gesellschaftlichen Verantwortung, die auch ohnedies objektiv auf den Schultern der unmittelbaren Produzenten lastet. Die Diskussionen in der Vorstandssitzung Alcasas am Ende des Films machen dieses Verhältnis deutlich. Es geht um einen Lernprozess innerhalb dessen jeder einzelne an der Produktion Beteiligte diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse und Verbindungen realisieren soll, innerhalb der er objektiv und real steht.

Das Bewusstsein der Einzelnen dieser Realität gegenüber erst ermöglichte eine Form von Vergesellschaftung, die anders als die Verstaatlichung nicht auf Stellvertretung, sondern auf Selbsttätigkeit gründete. Eine Arbeiterin im Film macht auf die Dialektik dieses Zusammenhangs aufmerksam. Man müsse das, was man machen muss, ohne die Notwendigkeit machen kommandiert zu werden, sagt sie in ihrem Interview.

Die Notwendigkeit, das was gemacht werden muss, hat in diesem einen Satz zwei Bedeutungen. Das Kommandiert-Werden, die Entmündigung oder auch die Weigerung gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen schafft eine eigene Notwendigkeit, die mit jener Notwendigkeit, wie sie aus der Selbsttätigkeit hervorgeht, nicht identisch ist. Der Leiter des Alcasa-Werkes, Carlos Lanz, zieht aus dieser Dialektik die Konsequenz, wenn er auch die technische Rationalität dem Primat der Politik unterordnet, also der bewussten Gestaltung der Arbeitsteilungs- und Produktionsverhältnisse durch die unmittelbaren Produzenten.

Dieser Primat der Politik auch noch der Wissenschaft und Technik gegenüber macht zweifellos den größten Unterschied zu den Formen des Sozialismus, die im vergangenen Jahrhundert sich nicht nur der technischen Rationalität unterordneten, sondern nachgerade deren Fortschritt mit gesellschaftliche Fortschritt identifizierten oder doch garantiert sahen. Der Widerspruch zwischen der sich entfaltenden Selbsttätigkeit und einer sozialistischen Regierung eines bürgerlichen Staatsapparates ist der eine wesentliche Widerspruch des bolivarischen Prozesses, der zwischen selbstverwalteten Betrieben und dem kapitalistischen Markt der andere.

Die Formen, in denen sich diese Widersprüche in Venezuela bewegen, sind aber noch selbst in einer Weise widersprüchlich, dass unentschieden ist, ob sie sich zu einer Verlaufsform des sozialistischen Aufbaus noch im Kapitalismus werden entwickeln können, oder ob sie den begonnen Aufbau zunichte machen werden. In den "Unternehmen gesellschaftlicher Produktion" wird die bolivarische Unentschiedenheit der Verlaufsform besonders sichtbar. Die strukturelle Voraussetzung eines "protagonistischen Sozialismus", der Markt und bürgerlichem Staat entwachsen könnte, ist zum einen sicherlich die zur Einheit fortschreitende Verbindung der selbstverwalteten Betriebe untereinander. Zum anderen ebenso deren fortschreitende Vereinigung mit der "Comuna im Aufbau".

Dario Azzellinis und Oliver Resslers gleichnamiger dritter Film, auf den ich hier nicht weiter eingehen kann, beschreibt sehr gut, wie sich in Venezuela gleichzeitig zu dem Aufbau selbstverwalteter Betriebe kommunale Selbstverwaltungsorgane bilden, die Keimformen einer Vergesellschaftung auch der unmittelbaren Reproduktionssphäre sind. Die Einheit dieser beiden Sphären wachsender Selbstverwaltung aber, wie auch der selbstverwalteten Betriebe und Gemeinden untereinander, haben noch keine Form, sondern werden bisher nur über die einzelne Initiativen vermittelt.

Das ist nicht zuletzt bedingt durch die Selbstbeschränkung, die sich die sozialistische Regierung in der Vergesellschaftung auferlegen muss, um im Dienste eines protagonistischen Sozialismus zu wirken. Wie es im Film heißt: "Der Staat sagt zu den Kapitalisten: Produziere!". Erst wenn dieser Forderung nationalen Interesses nicht entsprochen wird, ist der Weg zur Vergesellschaftung des jeweiligen Betriebes frei. Was wir vom Hans-Jürgen-Krahl-Institut "praktischen Sozialismus" nennen, würde diese Beschränkung von Seiten der unmittelbaren Produzenten aus aufheben und zugleich eine Verlaufsform für die Einheit des Prozesses schaffen: Arbeitskämpfe mit dem Ziel der Übernahme des bestreikten Betriebes in die genossenschaftliche Produktion selbstverwalteter Betriebe und selbstverwaltete Betriebe, die über Marktkonkurrenz mit den noch kapitalistisch regierten Betrieben und durch die Ausweitung der Gebrauchsproduktion untereinander diese Arbeitskämpfe unterstützen.

Die Wahl einer revolutionären Regierung ist Ausdruck eines massenhaften Wunsches und der Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung und kann so Ausgangspunkt eines Lernprozesses werden, an dessen Ende der entfaltete Protagonismus der unmittelbaren Produzenten steht. Allerdings kann eine Einheit von Betriebsarbeit und politischer Parteiarbeit, die sich bewusst nach der Strategie des "praktischen Sozialismus" ausrichtet, diese Bedingung des Prozesses auch selbst schaffen. Ich sehe hierin die besondere Möglichkeit der Übertragung der Lehren der venezolanischen Erfahrung auch auf deutsche Verhältnisse. Im Prozess einer Betriebs- und Gemeindearbeit – organisiert nach dem Modell des "Arbeitsfeldansatzes" des "sozialistischen Büros" – der eine Übernahme der Kommunen und Betriebe in obigem Sinne vorbereitete, könnte sich eine Partei als politisch-parlamentarischer Arm der Bewegung bilden.

Der "Sozialismus des 21 Jahrhunderts" ist eine Kategorie der Zeit und des Inhalts, keine eines beschränken geographischen Raumes.

Hans-Jürgen-Krahl-Institut: Praktischer Sozialismus. Antwort auf die Krise der Gewerkschaften, zweite um das Vorwort zur venezolanischen Ausgabe ergänzte Auflage 2011, Pahl-Rugenstein-Verlag Nachfolger, 4,90 Euro.

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07.07.2010 Video von Dario Azzellini