DruckversionEinem Freund senden
21.04.2017 Kolumbien / Menschenrechte

Zwangsräumung von Siedlung kolumbianischer Binnenflüchtlinge in Medellín

Von einem Frieden für die Opfer des Bürgerkrieges ist Kolumbien noch weit entfernt. Immer wieder werden illegale Behausungen zwangsgeräumt
Menschen versuchen ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen

Menschen versuchen ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen

Quelle: Jacob Kuntzsch und Sonja Smolenski

Die informelle Siedlung Los Ranchitos de la Iguana in Medellín wurde unlängst von rund 200 Einsatzkräften der Polizei und der Spezialeinheit ESMAD (Mobiles Einsatzteam gegen Aufstände) zwangsgeräumt. Betroffen waren mehr als 100 Personen, davon hauptsächlich alleinerziehende Mütter und deren Kinder. Die Siedlung entstand vor fünf Jahren im Zentrum der Stadt am Kanalufer, nachdem die Familien zuvor aus ihren Dörfern vertrieben worden waren.

Mehr als 600.000 Opfer des bewaffneten Konfliktes suchten einen Zufluchtsort in der Millionenstadt. Die meisten fanden dort Schutz, jedoch ohne funktionierende Sanitäranlagen oder Zugang zur Infrastruktur. Die Regierung duldete die Siedlungen, da sich die größten davon am Rande der Stadt befinden, unsichtbar und weit entfernt von den modernen Vierteln im Stadtkern.

Anders die Kommune Los Ranchitos de la Iguana, gelegen vor dem Ausgang der Universidad Nacional de Colombia, eine der größten staatlichen Universitäten. Die Familien kämpfen seit zwei Jahren für das Recht auf eine würdige Unterbringung. Die Regierung sah in der aktuellen Wohnsituation ein vermehrtes Risiko für die Bewohner und verwies auf die nicht rechtmäßige Nutzung öffentlichen Geländes, bot allerdings keine staatlich instruierte Umsiedlung der Binnenflüchtlinge an. Darauf waren die Betroffenen, gemeinsam mit ihren Unterstützern, vorbereitet.

Das Polizeigebot wurde im Laufe des Morgens erhöht. Nach mehrstündigen Verhandlungen mit Bewohnern, Studenten sowie Professoren und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, die zuvor die Räumung durch friedlichen Protest verhindern wollten, bot die Regierung ihrerseits an, die Familien in die Gebiete, aus denen sie geflohen sind, zurückzuführen. Einige der Betroffenen, in der Mehrheit Analphabeten, schilderten, dass ihnen als Entschädigung einmalig 200.000 Pesos (66 Euro) pro Familie angeboten wurden.

Auf Handkarren versuchen die Vertriebenen, ihren Hausstand zu schützen

Quelle: Jacob Kuntzsch und Sonja Smolenski

Nachdem gegen Mittag kein Übereinkommen gefunden wurde und lediglich zwei Familien das Rückführungsangebot annahmen, stand die Gemeinschaft der Ranchitos de la Iguana geschlossen einer sich formierenden Staatsmacht gegenüber. In der Zwischenzeit gelang es Studenten, wenigen Familien Obhut auf dem Universitätsgelände zu verschaffen. Dieses war zuvor auf Anweisung des Bürgermeisters zwangsevakuiert worden, um weitere Proteste der Studierendenschaft auszuschließen. Die Polizeipräsenz verlagerte sich nun um die Universidad Nacional de Colombia in Medellín. Die betroffenen Familien konnten mithilfe der Studenten aus der Sporthalle heraus bis in die späten Stunden verhandeln.

Gegen zwei Uhr morgens kolumbianischer Uhrzeit konnte ein Abkommen mit dem Bürgermeister Federico Gutiérrez getroffen werden. Gemeinsam mit Studentenvertretern, Vertretern der Stadt und einer Vertreterin der Siedlung wurde die temporäre Unterbringung der Familien und eine finanzielle Unterstützung für drei Monate zugesichert. Was nach Ablauf der Drei-Monate-Frist mit den Familien passiert, ist bislang noch unklar.

Verschiedene, von der Bewegung für den Erhalt der Ranchitos de la Iguana gegründete Komitees, hauptsächlich bestehend aus Studenten der Universität, versuchen weiterhin die Unterstützung der Familien aufrecht zu erhalten.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr

Alle Bilder dieses Artikels

Menschen versuchen ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen
Auf Handkarren versuchen die Vertriebenen, ihren Hausstand zu schützen

Was Sie auch interessieren könnte ...