Indigene Gemeinden in Mexiko schützen sich selbst gegen Corona-Pandemie

Kritik an fehlenden Initiativen von Staatsseite. Gemeinden informieren über das Virus und organisieren eigene Schutzmaßnahmen

Corona-Virus Mural

Infokampagne zu Corona-Virus
Selbstorganisierte Informationskampagne zu dem Corona-Virus

Cherán, Mexiko. Seit Mitte März hat die autonome Regierung der Stadt Cherán im Bundesstaat Michoacán eine Reihe von Gemeindeversammlungen angesetzt und eigenständig Entscheidungen zur Gestaltung des alltäglichen Lebens unter den Umständen des grassierenden Coronavirus festgelegt.

Nach einem Volksaufstand im April 2011 wählte Cherán einen Ältestenrat und setzte dessen Anerkennung durch das oberste Wahlgericht Mexikos durch. Damit gelang der Stadt ein politischer Schritt, der noch keiner anderen indigenen Gemeinde zuvor gelang. Der April ist daher ein Monat mit vielen Festen in der Stadt. Dieses Jahr wurden die Feiern ausgesetzt und migrierte Mitbürger, die normalerweise für die Festtage zurück in die Stadt kommen, über soziale Medien gebeten, nicht zurückzukehren. Dafür sind seit dem 10. April die Ortseingänge bewacht und wenn man die Stadt verlässt, muss man ein Dokument zum Gesundheitszustand unterzeichnen. Selbstorganisierte Patrouillen und Gruppen sorgen außerdem für die Reinigung öffentlicher Plätze und die Produktion von Desinfektionsmitteln, Seife und Mund-Nasen-Schutzen. Seit neun Jahren hat die Gemeinde gelernt, dass der Gemeinschaftssinn hilft, sich gegenseitig zu stärken und sich Ängsten zu stellen. Das wird im Falle der Maßnahmen von Covid-19 jetzt auf eine Bewährungsprobe gestellt.

Mit den geschilderten Maßnahmen ist die Gemeinde aus Michoacán mittlerweile landesweit ein Vorbild für andere indigene Gemeinschaften geworden. Hintergrund ist deren fehlende Beachtung seitens der Regierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador (Amlo) in Zusammenhang mit der Covid-19-Epidemie. Dies berichtet die mexikanische Journalistin Thelma Gómez Durán in einem Beitrag für das Internetportal Mongabay Latam.

Laut der WHO sind in Mexiko aktuell 17.799 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert und 1.732 sind daran verstorben (Stand: 1. Mai). Seit dem 23. März ist das Programm "Sana distancia" in Kraft, das präventiv für mehr Abstand zwischen den Menschen sorgen soll.

Der Anthropologe Abel Barrera vom Menschenrechtszentrum de la Montaña Tlachinollan merkt an, dass die Informationspolitik des Staates die soziale Ungleichheit im Land widerspiegelt: Der Informationsfluss konzentriert sich auf die städtischen Kanäle und beachtet die indigene Bevölkerung in ländlichen Gebieten, die immerhin 21,5 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, kaum. Die fehlende Kommunikation und das fehlende Mitdenken für diesen Teil der Bevölkerung repräsentiere einmal mehr die historische Schuld des Staates gegenüber den indigenen Gemeinden, vor allen Dingen im Gesundheitssektor, resümiert die Anthropologin Alicia Lemus. So begann die Informationspolitik in indigenen Sprachen nach Einschätzung von Lemus und Barrera erst sehr spät und eingeschränkt. Aufgrund fehlender Initiativen von Staatsseite waren es am Ende die Gemeinden selbst, einschließlich ihrer gemeinschaftlichen Radiostationen und einigen Nichtregierungsorganisationen, die Informationen verbreiten, um die Ausbreitung des Virus zu verringern.

Es gibt aber auch weiterhin Gemeinden, in denen Informationen nicht vorliegen und das Fehlen staatlicher Aufklärungsmaßnahmen bereits zu Konsequenzen geführt hat. Das Unwissen über die Krankheit und entsprechende Schutzmaßnahmen sorgt bei der Bevölkerung für Verunsicherung und Angst.

Eine Frau, die schon seit Jahren mit indigenen Gemeinden zusammenarbeitet, aus Sicherheitsgründen aber anonym bleiben wollte, merkt an, dass diese Gemeinden nicht mit dem nötigen Respekt vor ihrer Weltanschauung konsultiert werden. Sie schlägt eine interdisziplinäre Herangehensweise vor und verweist darauf, dass die Informationen nicht wie im städtischen Raum kommuniziert werden können. Die indigene Bevölkerung habe andere Annahmen über diese Krankheit und denen müsste entsprechend entgegengetreten werden. Das strapazierte Gesundheitswesen in den ländlichen Gebieten stößt mit Covid-19 an seine Grenzen und verschlechtert die Situation der indigenen Gemeinden. Gleichzeitig führt die große Zahl an Personen mit Diabetes und Bluthochdruck als Vorerkrankung zu einer Vergrößerung der Risikogruppe bei einer Infektion.

Auch die Migration bleibt von der Conrona-Pandemie nicht unberührt. Einige Gemeinden haben sich verpflichtet gesehen, ihre migrierten Mitglieder aufzufordern, nicht nach Hause zurückzukehren. Teilweise wird denen, die aus verschiedenen Gründen aus den USA oder dem Norden des eigenen Landes zurückkommen, der Zutritt zu ihrer Heimatgemeinde verwehrt. So mussten in Guerrero viele Rückkehrer in der Stadt Tlapa bleiben oder sich in ihren Gemeinden direkt in Quarantäne begeben, erzählt Barrera. Solche Entscheidungen wurden im System der gemeinschaftlichen Organisation von autonomen Regierungen wie die in Chéran entschieden.

Die Auswirkungen der Pandemie sind weitreichend. Barrera berichtet von wirtschaftlichen Einbußen im Bundesstaat Guerrero durch zurückgegangene Überweisungen von Familienangehörigen aus dem Ausland (remesas), Ausfälle von Ernteerträgen durch die Trockenheit und fehlenden Zugang zu sauberem Wasser. Auch die Kollektivarbeit, eine Basis des Verständnisses von Gemeinde, lässt sich derzeit aufgrund der vorgeschriebenen Hygienevorschriften nicht umsetzen. Daher fordert er spezielle Gesundheitsprogramme für die indigene Bevölkerung in ländlichen Gebieten. Damit einher geht ein Appell an die Regierung, die Gesundheitspolitik auch an die Bevölkerung auf dem Land zu richten, um das Ausbreiten der Epidemie zu verringern.

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