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07.04.2010 Deutschland / Venezuela / Medien

Kunath dichtet sich etwas zusammen

Über die angeblichen Rückenkehrer unter Hugo Chávez' Mitstreitern

Es klingt seriös und gut recherchiert - doch in Wirklichkeit sind Berichte des FR-Korrespondenten Wolfgang Kunath oft gespickt mit Gerüchten und Halbinformationen – meist dann noch hemmungslos dem Geschehen hinterherhinkend. Zuletzt in seinem Artikel "Ungeliebter Chavismus" (FR, 06.04.2010).

Chávez verliere seine Mitstreiter, so Kunaths These – darunter der prominente Ex-General Alberto Müller-Rojas. Kunath benutzt den angeblichen aktuellen Rücktritt Müller-Rojas' vom Amt des Ersten Vizepräsidenten der Sozialistischen Partei von Chávez als Aufhänger, doch Müller-Rojas bekleidete dieses Amt gar nicht mehr: Er war in Wirklichkeit bis Mai 2009 Erster Vizepräsident, damals musste er vor allem aus gesundheitlichen Gründen das Amt abgeben. Dieser Fakt ging an den Nachrichtenagenturen vorbei und offenbar auch an Kunath. Doch ein Blick auf die Homepage der Regierungspartei genügt da heutzutage!

Müller-Rojas legte nun im hohen Alter lediglich seine politische Arbeit nieder und ist weiter solidarisch mit dem revolutionären Prozess. Seine Kritik ist hart, doch er äußert sie auch nicht zum ersten Mal - zuletzt mit großer Aufmerksamkeit auf dem Parteitag der Regierungspartei.

Insgesamt sollen es magische zwölf hohe Funktionäre sein, die Chávez seit Jahresbeginn den Rücken kehrten. Alle Namen nennt Kunath freilich nicht. Stattdessen wärmt er alte Gerüchte wieder auf, wie dass Ex-Vizepräsident Ramón Carrizales und seine Ehefrau "offenbar" aufgrund "zunehmenden Repression gegen die Medien" zurückgetreten seien. Dieses Gerücht aus der antichavistischen Presse ist für Kunath erwähnenswert, die Bezeichnung dieser These als falsch und "tendenziös" durch Carrizales selbst jedoch nicht.

Im Folgenden nennt Kunath den Gouverneur des Staates Lara, Henri Falcón, der angeblich ein "Chavist" gewesen sein soll. Doch sein Parteiwechsel war keinesfalls überraschend, er war nie ein klarer "Chavist", setzte auf persönliche Profilierung und gerade Distanz zu Chávez. Sein Eintritt in die Sozialistische Partei des Präsidenten nach seinem Wahlsieg als Gouverneur war die eigentliche Überraschung – sein Übertritt zu einem chavistischen Bündnispartner jedoch nicht.

Zuletzt zählt Kunath noch den Parlamentsabgeordneten Wilmer Azuaje auf, der schon lange mit Teilen des chavistischen Establishments im Clinch liegt und seit geraumer Zeit - und nicht erst seit Jahresanfang - nicht mehr dem Chávez-Lager zuzurechnen ist.

Wie viele der angeblichen zwölf Rückenkehrern am Ende wohl noch übrig bleiben? Offensichtlich ist Kunaths Argumentation ohne reales Fundament.

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