Gute Medien, schlechte Medien

Was ist hierzulande das Idealbild eines Politikers?

Seriös muß er sein, sicher. Und wenn er vor die Kamera tritt, sollte er mit Bedacht reden. Lohnkürzungen heißen dann auf einmal „Anpassungen“, Ausländerhass mutiert zur „berechtigten Sorge der Bevölkerung“.

In Venezuela ticken die Uhren anders. Staatschef Hugo Chávez tritt jede Woche im Fernsehen auf, singt, rezitiert und schwadroniert stundenlang. Seine Sendung „Aló Presidente“ garantiert den direkten Draht zur Bevölkerung. Chávez gelingt mit dem Programm das Kunststück, den Boykott der privaten Medien zu durchbrechen und sich zugleich deren Ästhetik zu eigen zu machen. Regierungspolitik wird im Format der Unterhaltungssendungen transportiert, an die das Volk gewöhnt wurde.

In Europa trifft das kaum auf Akzeptanz. Chávez hat eben nicht nur neoliberale Wirtschaftsregeln gebrochen. Er setzt auch auf ein neues öffentliches Mediensystem und stellt einen Habitus zur Schau, der mit den soziokulturellen Vorgaben der einstigen Kolonialherren wenig gemein hat. Die Folge: Bei seinen Gegnern gilt er deswegen als „Loco“, als „Verrückter“, deutsche Leitmedien titulieren ihn in abgeschwächter Form als „größte Nervensäge des Kontinents“.

In diesen Kanon stimmte eine Agenturmeldung am Montag ein. Chávez habe in der Sendung am Vortag vorgeschlagen, die Uhren in Venezuela eine halbe Stunde vorzustellen, weil das Land früher auf die Beine kommen solle. In dem Nachrichtentext schließt sich seine Kritik an den USA an, denen Chávez erneut die Planung eines Putsches vorwarf. Das eine und das andere, so die unterschwellige Nachricht, sind Spinnereien eines Querulanten.

Höchste Zeit also, dass Venezuela auf „Aló Presidente“ verzichtet und sich auf seriöse Medieninhalte zurückbesinnt. Wie etwa die US-Show „Wer wird Millionär“, die Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Gülcans Traumhochzeit“.

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