"Die Zeit": Zitieren statt recherchieren

Zu einer Reportage von Hans Christoph Buch über Venezuela

In Sachen Venezuela gibt sie uns ein Rätsel auf, die Wochenzeitung "Die Zeit". Wer, wenn nicht ein linksliberales Blatt wäre berufen, jenseits der ausgelutschten Klischees von Caudillos und Bananenrepubliken über Venezuela zu schreiben? Etwa darüber, was rund sechzig Prozent der Wähler dazu bringt, den Ex-Leutnant Hugo Chávez mit seinem Projekt der "bolivarischen Revolution" zu unterstützen. Stattdessen fahren Jahr um Jahr "Zeit"-Reporter nach Venezuela und lassen sich dort von gekränkten Ex-Linken erklären, warum Chávez exakt dem bundesdeutschen Klischee vom südamerikanischen Autokraten entspricht. So ausgerüstet gießen sie dann ihre schlechte Meinung von sozialen Wohltaten in gehässige, aber pittoreske Reportagen: Chávez sei dJetzt ist der Schriftsteller Hans Christoph Buch für die "Zeit" durch Venezuela gefahren. Der Vorspann seines Beitrages stellt gleich klar, wie Buch seinen Kompass ausgerichtet hatte: er "Petro-Populist" (Anne Grüttner). Unter seiner Regierung seien "die meisten Menschen ärmer als zuvor" (Reiner Luyken) – ein Unsinn, den nicht mal mehr die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung behauptet. Und wenn Venezuela mit London ein Abkommen abschließt, das armen Bürgern ein günstige Busticket ermöglich, dann kommentiert die Zeit: "Wo Not und Neoliberalismus wüten, da springen die vom Westen ausgegrenzten Diktatoren ein." (Luyken/Thumann)

Populist, Autokrat, Caudillo, Diktator... Tatsächlich ist Chávez wohl der meistgewählte Präsident der Welt, denn seine Regierung hat einen unübersehbaren Hang zum Plebiszitären: Mit der Abstimmung über die Verfassungsreform am kommenden 2. Dezember werden in Venezuela seit seinem Amtsantritt 14 nationale Wahlen stattgefunden haben. Und auch die Neufassung der Verfassung strebt nicht an, Chávez zum "Caudillo auf Lebenszeit" (Till Skrobek) zu machen. Sie will ihm nur das gewähren, was Angela Merkel schon hat: Die Möglichkeit, wiedergewählt zu werden. Wenn der Mehrheit der Venezolaner das nicht paßt, werden sie es an den Wahlurnen verhindern.

Jetzt ist der Schriftsteller Hans Christoph Buch für die "Zeit" durch Venezuela gefahren. Der Vorspann seines Beitrages stellt gleich klar, wie Buch seinen Kompass ausgerichtet hatte:

"Eine Reise durch das Venezuela des Populisten Hugo Chávez, der sein Land in einer globalen Front gegen die USA sieht – mit Weißrussland, Nordkorea, Iran."

Zwar war Chávez noch nie in Nordkorea und die vermeintliche Allianz taucht in dem Text auch nicht ein einziges Mal auf. Aber warum recherchieren, wenn man zitieren kann? Autor Buch hat irgendwo in Caracas einen meinungsstarken Ex-Guerillero getroffen, der Chávez mit Hitler, Kim Jong Il und Mugabe in einen Topf wirft. Das muss reichen für eine knackige Abqualifikation. Ein Hotelchef deutscher Abstammung, ein "hochrangiger Diplomat einer Supermacht, der nicht namentlich genannt werden will", der Oppositionsführer Manuel Rosales und der unvermeidliche andere Oppositionsführer Teodoro Petkoff: Das sind die Kronzeugen dafür, dass Chávez das Land ruiniert, zu einer Autokratie umbaut, den Klassenhass schürt und den Antiamerikanismus obendrein.

Und dann gibt es da noch die "Confederación de Asociaciones Israelitas de Venezuela", die größte jüdische Organisation des Landes. Deren Präsident Abraham Benshimol sollte der "Zeit" etwas über den wachsenden Antisemitismus in Venezuela erzählen. Offensichtlich hatte der aber nichts Sensationelles zu vermelden, also zitiert Buch einfach seine Sekretärin: "'Es begann mit einer Fernsehansprache im Dezember 2003', erzählt sie. Darin habe Chávez die Juden als Gottesmörder bezeichnet, die gewaltige Reichtümer aufgehäuft hätten mit dem Ziel, die Welt zu beherrschen."

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De facto hatte Chávez – nicht 2003, sondern 2005 – in einer Weihnachtsansprache gesagt, die Nachkommen derer, die Jesus gekreuzigt und Bolívar aus Venezuela verjagt hätten, hätten sich der Reichtümer der Welt bemächtigt. Als ihm die argentinische Filiale des Simon-Wiesenthal-Zentrums damals nicht ganz zu Unrecht vorhielt, er habe ein antisemitisches Topos verwendet, hatte Chávez empört klargestellt: "Ich habe in keinster Weise die Juden gemeint!"

Zu Chávez Glück war ihm bei diesem Streit eben jene "Confederación de Asociaciones Israelitas de Venezuela" beigesprungen und hatte dem Simon-Wiesenthal-Zentrum vorgeworfen: "Sie haben gehandelt ohne uns zu konsultieren, was Themen betrifft, die sie weder kennen noch verstehen." Es gäbe weder in Venezuela noch in der amtierenden Regierung relevante antisemitische Anwandlungen, so die "Confederación" damals.

Hans Christoph Buch weiß das nicht und will es nicht wissen. Hätte er sich dafür interessiert, hätte er leicht Zitate finden können, in dem der Confederación-Präsident Abraham Benshimol seine ausgesprochen ausgewogene Einschätzung zu Antisemitismus in Venezuela und zum Verhältnis Chávez-Ahmadinejad kundtut. So erklärte er etwa am 5. November der Tageszeitung "Universal" auf die Frage danach, was die jüdische Gemeinde bezüglich der Allianz zwischen Chávez und dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad besorgt:

"Man sucht sich seine Freunde aus, und der Umstand, dass Präsident Chávez ihn seinen "Bruder" nennt, also mehr als einen Freund, muss uns besorgen. Schließlich könnte jede Aktion, die Ahmadinejad unternimmt, von Chávez unterstützt werden. Andererseits hat er im Falles des Holocaust seine Differenzen klargestellt: Als Ahmadinejad zum ersten Mal erklärt hat, dass man Israel von der Landkarte fegen müsste, hat Präsident Chávez gesagt, dass alle Völker ein Existenzrecht haben. Womit er eben auch das jüdische Volk und den israelischen Staat gemeint hat (...)."

Auf diese Weise ließe sich Punkt für Punkt von Buchs fahrlässiger und tendenziöser Venezuela-Reportage auseinandernehmen. Warum man in Hamburg einem so komplexes, widersprüchliches aber eben auch einzigartiges soziales und politisches Experiment wie der "bolivarischen Revolution" nur mit Klischees und Sensationalismus begegegnet? Ich weiß es nicht. "Zeit"-Leser hätten auf jeden Fall etwas Besseres verdient.

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