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20.06.2007 Venezuela

Genosse Jesus

Rote Mützen und ähnliches: Venezuelas Präsident Chávez im Streit mit der katholischen Kirche

Zugegeben, im direkten Vergleich religiöser Heilsbringer fällt Jesus durch seine fast proletarische Herkunft auf. Der islamische Prophet Mohammed etwa war ein reicher Kaufmann und Feldherr. Siddhartha Guatama, Buddha, wurde als Aristokratensohn im indisch-nepalesischen Grenzgebiet geboren. Und Jesus? Sohn eines Zimmermanns, aus zudem ungeklärten Familienverhältnissen. Politische Wirren zwangen die Familie zur Flucht. "Binnenmigranten", würde man das heute nennen, vorindustrielles Prekariat.

Doch läßt sich daraus eine historische Parallele ableiten? Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist davon überzeugt. "Wenn Jesus heute lebte, würde er eine rote Mütze tragen", sagt der Staatschef in Anspielung auf sein Markenzeichen, das rote Barett der Fallschirmspringer. "Christus ist unser Comandante en Jefe", meint Chávez.

Gegen Befreiungstheologen

Obwohl er eine wichtige Rolle spielt, wird der religiöse Anstrich der "bolivarischen Revolution" im nicht-lateinamerikanischen Ausland oft übersehen. Als Chávez nach dem Putschversuch im April 2002 in den Präsidentenpalast Miraflores zurückkehrte, forderte er die Opposition mit einem Kruzifix in der Hand zur Aussöhnung auf. Als er zuletzt vor der UN-Generalversammlung sprach, nannte er seinen US-Amtskollegen George W. Bush den "Satan". Jesus hingegen ist für Chávez "der größte Sozialist der Geschichte".

Solche Darstellungen bleiben nicht ohne Widerspruch. Die von der "Gesellschaft Jesu", dem Jesuitenorden, geleitete "Katholische Universität Andrés Bello" in Caracas widmete dem Thema zu Jahresbeginn ein Symposium mit dem Titel "Jesus Christus - ein Sozialist?". Rektor Luis Ugalde kam dabei zu dem wenig überraschenden Ergebnis, Jesus habe sich "weder politischen noch sozialen Themen gewidmet". Auch Pedro Trigo, ein Mitarbeiter der oppositionellen Politikstiftung "Zentrum Gumilla" mit Sitz in Caracas wandte sich bei der Tagung gegen Chávez" Ansichten. "Jesus hat sich ja gerade vom Königreich dieser Welt losgesagt", so Trigo.

Der Jesuit Trigo lieferte damit einen Hinweis auf den wahren Hintergrund der Auseinandersetzung. Der Vatikan und seine lokalen Vertretungen in Lateinamerika befürchten vor dem Hintergrund des politischen Linksrucks in der Region ein Widererstarken der "Theologie der Befreiung", jener christlichen Strömung also, die seit der Bischofskonferenz von Medellín 1968 zur sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft aufruft.

Die Konflikte innerhalb des in Lateinamerika führenden Jesuitenordens sind offensichtlich. Im März dieses Jahres war der Jesuit und Befreiungstheologe Jon Sobrino vom Vatikan mit einer sogenannten Notifikation gemaßregelt worden. Dem 68jährigen, gebürtigen Baske wurde damit die Lehrbefugnis an der katholischen "Zentralamerikanischen Universität" in San Salvador entzogen. Begründet wurde der Schritt vom Präfekten der "Glaubenskongregation", William Levada, mit den Thesen Sobrinos. Sie würden zur "Verwirrung der Gläubigen" beitragen und seien von "großer Gefährlichkeit".

"An Gott zu glauben", hatte Sobrino erklärt, "bedeutet, sich mit den Unterdrückten zu solidarisieren". Daß die katholische Kirchenführung und der traditionell wohlhabende Klerus Lateinamerikas daran kein Interesse hat, mußte Sobrino früher einmal erfahren. In den siebziger Jahren arbeitete er als Berater des Erzbischofs von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero. 1980 wurde Romero von einem Auftragskiller in der Kathedrale der Hauptstadt des zentralamerikanischen Landes hingerichtet. Das Schweigen des Vatikans wurde damals als Zustimmung gedeutet.

Kirchenpolitiker

Während exponierte Vertreter der Kirche wie der Bischof des Bundesstaates Táchira, Mario Moronta, Präsident Chávez und seinen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" unterstützen, wendet sich die katholische Kirche in Caracas entschieden gegen die neosozialistische Ausrichtung der bolivarischen Revolution. Nicht nur die aktuellen Proteste oppositioneller Studenten werden von Einrichtungen des katholischen Klerus" unterstützt. Als im April 2002 rechte Militärs und Unternehmer gegen Chávez putschten, konnten sie auf den Segen des amtierenden Erzbischofs des Bundesstaates Mérida, Baltasar Porras, zählen. Unlängst wurde Porras von der Regierung kritisiert, weil er Chávez in einem Atemzug mit Fidel Castro, Adolf Hitler und Benito Mussolini nannte. Im Gespräch mit junge Welt bezeichnete der belgische Befreiungstheologe François Houtart solche Äußerungen als eine "sehr institutionelle Reaktion, die nur noch wenig mit der theoretischen Debatte zu tun hat". Die Kirchenhierarchie fürchte offenbar um ihre politische Hegemonie.

Wohl deshalb haben kirchliche Funktionsträger in Venezuela den vergangenen Jahren immer offener das Lager der Regierungsgegner unterstützt. Die symbolische Auseinandersetzung zwischen Klerus und Regierung ist damit Ausdruck eines konkreten politischen Konflikts, in den sich zuletzt auch der amtierende Papst, Joseph Ratzinger, eingeschaltet hat. In einem jüngst veröffentlichten Buch erteilt er jenen eine Absage, die die biblische Botschaft als "soziales Programm" interpretieren. Das ist wenig erstaunlich, denn Ratzinger spielte eine Schlüsselrolle, als dem brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff 1985 die Lehrerlaubnis entzogen wurde. Bei dem "Fall Boff" ging es nicht einmal um den Vorwurf des Marxismus, wie er etwa gegen kolumbianische Befreiungstheologen erhoben wurde, die sich wie Camilo Torres in der Guerilla engagierten. Boff wurde für seine Kritik an der Kirchenhierarchie und das offene Eintreten für eine institutionelle Reform abgestraft. Damals in Brasilien wie heute in Venezuela fühlt sich der Klerus, wie es scheint, in seiner Macht bedroht.

Ärger an der Basis

Trotzdem erhält Chávez bei seinem Kräftemessen mit der Kirchenspitze nicht nur Rückendeckung von der linken Basis. In dem regierungsnahen Internetforum "Aporrea" protestierte der Publizist Jerónimo Soto Mast im April gegen die betonte Religiosität des Staatschefs. Politik und Religion seien zu trennen, außerdem handele es sich bei Venezuela um ein Einwanderungsland, in dem nicht nur Christen, bzw. Katholiken lebten. Nichtchristen und Atheisten sähen den "religiösen Proselytismus" der Regierung zunehmend mit Sorge. "Wenn es einen Gott gibt, der die Probleme löste, und für Gerechtigkeit sorgt, dann sollten wir, statt uns zu organisieren und zu protestieren, beten", schreibt Soto, der von Chávez "weniger Religion und mehr Politik" fordert.

Doch der Präsident legte nach. In seiner jüngsten Auseinandersetzung mit dem Erzbischof von Caracas meinte er, Jesus sei gekreuzigt worden, weil er eine Revolution organisiert habe: "Eine soziale, moralische und antiimperialistische Revolution. Ich habe keinen Zweifel daran, daß Jesus der erste große Revolutionär war."

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