DruckversionEinem Freund senden
18.01.2010 Venezuela

Comandante Fausto und die "4,30-Ära"

Alí Rodríguez Araque ist mit der überraschenden und zugleich drastischen "Kurs"wende in der venezolanischen Währungspolitik endgültig zum Chef-Architekten der Bolivarischen Revolution aufgestiegen

Bereits in den ersten Jahren der Regierung Chávez hatte Alí Rodríguez Araque als verantwortlicher Minister für Energie und Öl (1999-2000) und dann als Chef der staatlichen Ölgeselschaft PdVSA (2002-2004), die Erdölpolitik des Landes reformiert. Ihm war es gelungen unter Federführung Venezuelas die damals zerstrittene OPEC wieder an einen Tisch zu bringen und auf eine verbindliche Einhaltung der Förderquoten zu verpflichten. Die damalige Einigung der OPEC Staaten unter seinem Vorsitz sollte in den folgenden Jahren, zusammen mit einer Hochphase des internationalen Kapitalismus und seiner Eroberungsfeldzüge im mittleren Osten die Preise für Rohöl in täglich neue Rekordhöhen befördern. Als Präsident der PdVSA brachte er das Unternehmen und damit dessen Einnahmen wieder unter staatliche Kontrolle. Er war damit die Sperrspitze des Machtkampfs um den venezolanischen Staat, den er und Präsident Chávez in den Jahren 2002 und 2003 eindrucksvoll für sich entschieden.

Comandante Fausto, nannte man Alí Rodríguez Araque in den frühen 70er Jahren, als er noch nicht mit Sadam Hussein und den arabischen Scheichs am Verhandlungtisch der OPEC saß, sondern in den venezolanischen Anden der paktierten Demokratie von Punto Fijo den Krieg erklärte. Mit 29 Jahren hatte er sich 1966 Douglas Bravo und der Partido de la Revolución Venezolana (PRV) angeschlossen und folgte eben jener KP-Abspaltung in den bewaffneten Aufstand. Er kämpfte gegen ein politisches Regime, dass zu dieser Zeit auf dem Weg war eine einmalige Epoche des Wohlstands und der Prosperität einzuleiten. Es war die Epoche Venezuela Sauditas, dem Venezuela der 70er Jahren, dessen rasanter Anstieg des Lebensniveaus der urbanen Bevölkerung auf einem festes Wechselkursregime mit einer Bindung der einheimischen Währung an den Dollar gründete - im Verhältnis 4,30. Von 1965 bis zum Schwarzen Freitag am 18. Februar 1983 sollte dieser Wechselkurs von 4,30Bs. pro Dollar bestand haben und dazu führen, dass Mitte der 70er Jahre die explodierenden Öleinnahmen Venezuela eine Phase billiger Importe und einem seitdem nicht mehr wiederkehrenden Lebensstandard der städtischen Bevölkerung ermöglichte. Es war auch die Zeit der "damedos". So witzelten die Händler Miamis über den Kaufrausch der Venezolaner, die in Verlockung durch den de facto staatlich subventionierten Wechselkurs nach dem Motto "so billig, da nehm ich doch gleich 2" mit der staatlichen Fluglinie VIASA durch die Welt jetteten und shoppten. Noch heute erinnern in Venezuela Autos, Hotels, Bars und Cafés an den amerikanischen Kitsch der "goldenen Siebziger", in denen das Versprechen eines "Gran Venezuela" die Utopie der Moderne in Lateinamerika für kurze Zeit möglich erschienen ließ. "Die Ära des 4,30" überschreibt Michael Zeuske diese Epoche in seiner "Kleinen Geschichte Venezuelas", erschienen im Beck Verlag .

Alí Rodríguez Araque hatte diese kurze Ära des Wohlstands lieber in den venezolanischen Bergen verbracht. Dort hatte "Comandante Fausto", so sein Synonym in der venezolanischen Guerilla, nicht an die Modernisierungsversprechen der Sozial- und Christdemokraten geglaubt. Denn die Kehrseite des "damedos", des maßlosen Konsums war auch damals schon offensichtlich. Während die ländliche Bevölkerung immer mehr den Anschluss an die Entwicklung in den Städten verlor, und sich in der Folge in den Armutsvierteln Caracas' auf der Schattenseite moderner lateinamerikanischer Urbanität wieder fanden, erkauften sich Christ- und Sozialdemokraten ihre politische Loyalität mit immer größeren finanziellen Zugeständnissen an die kleine Industriearbeiterschaft und die städtischen Mittelschichten. In den eigenen Reihen schoben sie Posten und Petrodollars hin- und her und Ende der 70er Jahre platzte trotz steigender Öleinnahmen der Staatshaushalt aus allen Nähten.

Im Februar 1983 stand Venezuela vor dem Staatsbankrott, die internationalen Gläubiger konnten selbst aus den Ölexporten nicht mehr bedient werden. Der 4,30 Kurs wurde um 600% abgewertet, Venezuela erlebte in der Folge eine dramatische politische, soziale und ökonomische Krise von der sich das Land bis in die Ära Chávez hinein nicht mehr erholen sollte.

Damit die Chávez Ära nun auch wieder eine Goldene Epoche werden kann trat am Montag, dem 11. Januar 2009 ein Gesetz in Kraft, das den Wechselkurs des Bolivars gegenüber dem Dollar neu festlegt - der neue Kurs 4,30. Dieses Gesetz trägt die Unterschrift von Alí Rodríguez Araque, dem bis dato Finanzminister Venezuelas. Chávez delegierte ihn daraufhin direkt weiter ins Elektrizitätsministerium. Dort wartet auf den Architekten der Bolivarischen Revolution, die nächste dringende Baustelle. Comandante Fausto wird sicherlich auch für die aufgrund ausbleibenden Regens leer stehenden Stauseeen des Landes eine Lösung finden.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr