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Erdrutsche in Rio fordern über 500 Tote

Medien sprechen von größter Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. Kritik an führenden Politikern des Landes

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Bild eines Kindes in den Trümmern von Nova Friburgo
Trauer im Katastrophengebiet: Bild eines Kindes in den Trümmern von Nova Friburgo

Rio de Janeiro. Die durch mehr als siebzigstündigen andauernden Starkregen ausgelösten Erdrutsche in der Bergregion Rio de Janeiros haben nach neuesten Angaben des Zivilschutzes im Bundestaat Rio de Janeiro über 500 Todesopfer gefordert. Dies berichtet die Tageszeitung Globo in ihrer heutigen Ausgabe.

In dem wegen der Bergkulisse geschätzten Verwaltungsbezirk Teresópolis, gelegen rund 60 Kilometer vom Stadtzentrum Rios, starben 223 Personen. In dem von Schweizer gegründeten Nova Friburgo (Neu Freiburg) gab es 225 Opfer. In der auf Betreiben des Kaisers Dom Pedro II gegründeten sogenannten Königsstadt Petrópolis verstarben 39 Personen und in dem bei Touristen geschätzten Sumidouro waren 19 Todesopfer zu beklagen. Die Behörden teilten mit, bislang seien von den 506 gefundenen Opfern 470 identifiziert worden.

In der 182.000 Einwohner zählenden Stadt Nova Friburgo versorgen die Behörden derzeit über 400 obdachlos gewordene Familien, die von der Präfektur in sechs Notunterkünften untergebracht wurden. In Teresópolis sind 800 Einsatzkräfte des Zivilschutzes und der Feuerwehr zur Zeit dabei, die noch Vermissten zu lokalisieren. Der Umweltminister von Rio besuchte die Einsatzarbeiten vor Ort und sprach dabei von der größten Katastrophe in der Geschichte der Stadt Teresópolis. "Es gab keine Wahl, was einstürzen würde. Haus von Reichen, Haus von Armen. Alles wurde zerstört", so der seit Januar wieder als Umweltminister des Bundesstaats Rio de Janeiro tätige Carlos Minc, langjähriges Mitglied der brasilianischen Grünen Partei (PV), der seit 1989 der regierenden Arbeiterpartei (PT) angehört.

Dies sei die größte klimatische Tragödie in der Geschichte des Landes, so die Tageszeitung Globo in ihrer heutigen Ausgabe. Die mit 506 Todesopfern hohe Zahl an Menschenleben übertrifft laut Globo den traurigen Rekord der Kleinstadt Caraguatatuba im Bundesstaat São Paulo, die bei Erdrutschen 1967 436 Todesopfer zu beklagen hatte. Erst im vergangenen Jahr hatte es mehrere großflächige Erdrutsche in Rio de Janeiro gegeben, die zahlreiche Opfer forderten. Damals waren in der Rio de Janeiro gegenüberliegenden Stadt Niterói 200 Bewohner einer Favela von den Erdmassen begraben worden. Die Siedlung Morro do Bumba befand sich auf einer alten Müllkippe, deren Existenz von den Behörden laut übereinstimmenden Presseberichten schlicht "vergessen" worden war. Erst Reporter hatten in den Stadtarchiven herausgefunden, dass das Gelände bis in die 1960er Jahren als Müllkippe benutzt worden war. Danach hatte sich dort eine unkontrollierte Besiedlung durchgesetzt, ohne dass die Behörden sich damit beschäftigt hätten.

Der Blogger und Agronom Nelson Tembra meint, wenn der Staat alle Gesetze und Vorgaben umsetzen würde, dann hätte es diese Katastrophe nicht in diesem Ausmaße gegeben: "Wenn dann aber alles zusammengekracht ist, fliegen sie (die Politiker) in den Helikoptern über das Gebiet und stellen Mittel zum Helfen zur Verfügung, anstatt dem allem vorzubeugen", so Tembra in der heutigen Ausgabe des Nachrichtenportals Ecodebate. "Die große Frage ist, dass die in Risikogebieten lebenden Personen umgesiedelt und angemessen entschädigt werden müssten. Aber wenn die Sache dann an die Geldbeutel und die Staatskasse geht, dann sagen die Politiker immer, dafür gebe es keine Mittel. Und im Moment haben wir nicht einmal ausreichend Raum in den Leichenhäusern, um all die Leichen aufzubewahren".

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