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14.10.2011 EU / Lateinamerika / Politik

Wissenschaftler gegen Biosprit

168 Wissenschaftler rufen die EU-Komission zur Anerkennung neuster Erkenntnisse zu Klimaschäden durch Biosprit auf
Europas Agrosprit verschlingt die Regenwälder

Europas Agrosprit verschlingt die Regenwälder

Quelle: regenwald.org

Brüssel. 168 Wissenschaftler haben am vergangenen Freitag in einem gemeinsamen Schreiben an die EU-Kommission vor den Auswirkungen von sogenanntem "Biosprit" gewarnt. Der Credo des Aufrufs: Pflanzenenergie vom Acker ist keinesfalls klimafreundlich, wie von der EU behauptet.

Um das von der EU für das Jahr 2020 festgelegte Ziel einer Beimischungsquote von zehn Prozent zu erfüllen, müssen Millionen Hektar Ackerland mit Energiepflanzen belegt werden. Da landwirtschaftliche Flächen weltweit knapp sind, wird der benötigte Platz vielfach auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion und in Tropenwaldgebieten geschaffen.

"Wenn für die Nahrungsmittelproduktion genutzte Landflächen umgewandelt werden, um darauf Agrosprit-Pflanzen anzubauen, dehnt sich die Landwirtschaft an anderen Orten weiter aus. Dies führt häufig zu neuer Entwaldung und Zerstörung natürlicher Ökosysteme, besonders in den tropischen Gebieten der Entwicklungsländer", begründen die Wissenschaftler den Aufruf auf ihrer Webseite.

Kernanliegen des Aufrufs ist die Anerkennung wissenschaftlicher Ergebnisse hinsichtlich der indirekten Veränderungen der Landnutzung durch die Ausweitung im Anbau von Energiepflanzen. Diese seien bei Berechnungen der europäischen Union hinsichtlich der Klimabilanz von Agrokraftstoffen, ignoriert worden, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Brief an die EU-Kommission.

In Brasilien, einem der weltweit führenden Bioethanolproduzenten, haben neue Soja Anbauflächen nicht nur direkt Regenwaldfläche vernichtet. Vielmehr haben Energiepflanzen die Viehzucht verdrängt, die wiederum neues Weideland durch Regenwaldabholzung im Norden des Landes gewinnt. Der ideologisch unverdächtige "Verein deutscher Ingenieure" (VDI) hatte in seiner Zeitschrift vom 9. September eine Studie veröffentlicht, nach der durch Regenwaldabholzung gewonnene Energiepflanzen eine bis zu 2,5fach schlechtere Klimabilanz aufweisen als fossile Brennstoffe.

Die deutsche Nichtregierungsorganisation Rettet den Regenwald e.V. wirft der europäischen Kommission gar eine Verschleierung wissenschaftlicher Gutachten vor. "Die Kommission hat dazu eigens in Auftrag gegebene Studien zurückgehalten oder umschreiben lassen, weil diese nicht die gewünschten Ergebnisse – sprich CO2-Einsparungen durch Agrosprit – lieferten", heißt es in einer Erklärung der Organisation. Mit einem deutschsprachigen Appell an EU-Energiekommissar Günther Oettinger, EU-Parlament und Bundesregierung rufen sie online zur Unterstützung des Aufrufs des 168 Wissenschaftler auf.

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufes gehören unter anderem der Nobelpreisträger Kenneth Arrow, Professor Emeritus an der Stanford Universität und Daniel Kammen, zuständiger Cheftechniker der Weltbank für erneuerbare Energien. Seit Freitag haben mehr als 10.000 Menschen den Aufruf online mitunterzeichnet.

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