Für Biosprit über Leichen

In Guatemala hat die gewaltsame Durchsetzung eines Gerichtsurteils durch Militär und Polizei zugunsten einer Ethanol-Firma zwei Q'equchi'-Bauern das Leben gekostet

Während sich Autofahrer in Deutschland Sorgen über die Motoren-Verträglichkeit des Biokraftstoffs E10 machen, bekommen Bauern in Guatemala die direkten Folgen global erhöhten "Öko-Benzins" zu spüren. Nach der gewaltsamen Vertreibung von 800 indigenen Bauern aus 14 Q'equchi'-Gemeinden im Polochic-Tal hat die Bauernorganisation Via Campesina de Guatemala am Donnerstag zu landesweiten Protesten aufgerufen. Im Departamento Alto Verapaz im Norden des weltweit fünftgrößten Zuckerproduzenten hatten am Mittwoch 500 Uniformierte von Militär und Bundespolizei einen richterlichen Räumungsbefehl durchgesetzt. Die Besitzer des Zucker-Aktienunternehmens "Chabil Utzaj S.A.", die Familie von Wendy Widmann, Ehegattin von Ex-Präsident Óscar Berger (2004 - 2008), hatte auf Herausgabe geklagt und Recht bekommen.

"Die Militärs und Polizisten haben auf unsere Kameraden geschossen und ihre  Hütten verbrannt", berichtet Daniel Pascual, Vertreter vom "Komitee vereinter Bauern" (CUC) gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. "Als sie versuchten zu ihrem Besitz und ihren Pflanzungen zurückzukehren, wurden sie angegriffen. Es gab zwei Tote und mehr als zehn Verletzte", so Pascual. Unter den mit Macheten und Gewehren bewaffneten Angreifern seien laut Angaben der Dorfbewohner zudem Paramilitärs aus dem 1996 beendeten Bürgerkrieg erkannt worden. Wie Fotos belegen, hat das Militär Bauern der Region für die Räumungsaktion unter Vertrag genommen und ihnen Uniformen angezogen.

CUC-Anwalt Sergio Beltetón hatte sich zuvor über die Rechtslage beschwert. Es handele sich bei den Ländereien um "ein uraltes Recht, das von den nationalen und internationalen Unternehmen mit Füßen getreten wird", so der Jurist in der Tageszeitung El Periódico de Guatemala. Zudem würden im Katasteramt der Departamento-Hauptstadt Alta Verapaz keine Einträge exisitieren, die "den unterstellten Privatbesitz bescheinigen und verifizieren". Die Tageszeitung hingegen schreibt unter Berufung auf eine "Analyse von Regierungsvertretern" 17 Fincas der Zucker-AG zu. Eine weitere würde unter der Aufsicht des "Nationalen Instituts für Agrarreform" (INTA) stehen. Ganz im Rechtsrahmen bewege sich auch Familie Widmann. Sie habe den "Besetzern" bereits im Februar angeboten, sie könnten die Landtitel doch für einen "symbolischen Preis" aufkaufen, berichtet El Periódico, ohne aber Gründe für eine Ablehnung dieser augenscheinlichen Public-Relation-Vorschlages seitens der vertriebenen Bauern zu nennen.

Die Politik steht ganz hinter den Zuckerbaronen. Departamento-Präfekt José Adrián Lopez rückt die Q'equchi'-Bauern in die Ecke seltsamer Wilder. "Wir wissen nicht wo sie hergekommen sind, wir wissen nicht wo sie vorher waren, wo und was sie überhaupt anbauen", so seine offenbare Verwunderung. Es gelte nun Ordnung herzustellen, die "Besetzer und Invasoren" hätten zudem zahlreiche "Straftaten" begangen.

Während die Regierung mit ihrem Einsatz von Gewalt gegen die eigenen Bürger kein Verständnis für die landlosen Bauern zeigt, ist ihre Hilfsbereitschaft in Sachen Wirtschaftsförderung weitaus generöser. "Chabil Utzaj" hatte ihre Aktivitäten 2005 in das Tal von Polochic verlagert, nachdem sie von der "Zentralamerikanischen Bank für wirtschaftliche Integration" (BCIE) einen Kredit von 20 Millionen US-Dollar erhalten hatte. 2010 war das Unternehmen nach schlechten Ernten in Zahlungsschwierigkeiten geraten, woraufhin der Staat einsprang. Durch eine Versteigerung der jetzt geräumten Ländereien könnten rund 30 Millionen US-Dollar in die leeren Kassen gespült werden. Die Eigentümer der Zucker-AG wollen damit den Notfondfonds der staatlichen Industriebank (BI) auffüllen, der für die offenen BCIE-Raten gebürgt hatte. BI-Banker Luis Augusto Zelaya ist die ganze Aufregung um die Vertreibung eher unangenehm. Die Besetzung sei ein "schlechtes Signal für nationale und internationale Investitionen". Vielmehr noch hätten Regierung und Staat ganz klar "die verfassungsgemäße Verpflichtung den Rechtsstaat durchzusetzen, den Respekt vor Privateigentum zu fördern und die Unterwerfung unter das Recht zu garantieren, Regierte wie Regierende", so der flammende Apell des Bankers. Die Geschichte von Ausbeutung und Vertreibung in Lateinamerika wiederholt sich damit unter neuen Vorzeichen. Guatemala gilt unter Investoren als einer der wichtigsten Bioethanol-Exporteure in Lateinamerika für die Märkte in den USA und Europa.

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