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30.11.2007 Venezuela

"Der Propaganda gegen Venezuela entgegenwirken"

Venezuela: Privatmedien machen Stimmung gegen Regierung. Ein Gespräch mit Mike Fox von Radio "Venezuela en Vivo"
"Der Propaganda gegen Venezuela entgegenwirken"

Mike Fox

Mike Fox arbeitet als freiberuflicher Journalist in Südamerika. Er gehört zum Redaktionsteam des Online-Journals Venezuelanalysis.com und arbeitet für freie Radios.

Eine Woche lang berichten Sie über das eigens eingerichtete Internetradio "Venezuela en Vivo" (Venezuela Live) über die Situation vor und nach dem Verfassungsreferendum, das am Sonntag in Venezuela stattfindet. Warum ein solches Medienprojekt?

Ich möchte es so sagen: Es ist meiner Meinung nach das erste Mal in der Geschichte Venezuelas und Lateinamerikas, dass ein multilinguales Basisradio über das Geschehen vor Ort realitätsnah und objektiv berichtet. Wir werden auch Analysen über das bevorstehende Verfassungsreferendum anbieten.

An wen richtet sich das Angebot?

An Hörer weltweit, vor allem an jene, die noch nicht so viel über Venezuela wissen. Viele Leute sind Opfer einer intensiven Medienkampagne, die sich international gegen Venezuela und seinen demokratisch gewählten Präsidenten Hugo Chávez richtet. Wir alle wissen, wozu die Opposition hier in Venezuela fähig ist. Und Versuche der Regierungsgegner, die Situation zu destabilisieren, gingen von jeher Hand in Hand mit den privaten Medien. Unser Ziel ist es daher, dieser Negativpropaganda etwas entgegenzusetzen, oder, wie es in unserer Selbstdarstellung heißt, "um gegenüber den Mainstream-Medien eine alternative Nachrichtenquelle anzubieten".

Wer macht mit?

Wir sind rund ein Dutzend Journalisten aus aller Welt. Wir kommen aus Venezuela, Nordamerika, Deutschland, England, Frankreich, Brasilien, Australien, Syrien, Ita­lien, Mexiko und Chile. Dario Azzellini und Greg Wilpert sind wohl die bekanntesten Namen aus dem Team.

Weshalb aber verlassen Sie sich nicht auf die etablierten Medien?

Weil diese sich schlicht als unfähig erwiesen haben, unabhängig und vorurteilsfrei über Venezuela zu informieren. Die Berichterstattung über die jüngsten Zusammenstöße zwischen Studentengrupen an der Zentraluniversität Venezuelas in Caracas bieten dafür ein gutes Beispiel. Die Mainstream-Presse hat in ihren Berichten ausschließlich die Position der oppositionellen Studenten eingenommen, was in gewisser Weise nachvollziehbar ist. Aber jeder größere Bericht hat ignoriert, dass es auch andere Darstellungen gab als die der Regierungsgegner, und dass diese vielleicht eine Mitschuld getragen haben könnten. Diese unverhohlene Hofberichterstattung stimmt zwar vielleicht mit der politischen Linie der Verlagshäuser überein, aber sie ist schlicht unverantwortlich. Die internationalen Medien setzen voll auf den Anti-Chávez-Hype ? und haben damit Erfolg. Venezuela ist alles andere als perfekt, aber als Medienschaffende haben wir die Pflicht zur Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Darstellung. Quellen, die dem gerecht werden, sind leider sehr rar.

Diese Rolle der privaten Presse ist aber nicht neu: Auch während des Putschversuches im April 2002 spielten Medienlügen eine entscheidende Rolle.

Das stimmt, und deswegen sind wir heute hier und berichten mit "Venezuela en Vivo". Denn auch an diesem Wochenende ist die Stimmung in Venezuela wieder sehr angespannt. Immerhin hat es in der Stadt Valencia bei Protesten schon einen Toten und mehrere Verletzte gegeben. Und auch in der Andenstadt Mérida protestierten oppositionelle Studenten und setzten Reifen in Brand. In Caracas blieb die Lage in den vergangenen Wochen erstaunlich ruhig, doch gibt es Grund zur Achtsamkeit. So ist ein angebliches CIA-Memorandum aufgetaucht, das von der Organisa­tion eines "sanften Putsches" spricht. Ob das authentisch ist, vermag ich nicht zu sagen. Klar ist aber, dass es Proteste geben wird.

Was ja kein Problem ist ...

Ja, aber auch Gewalt ist wahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass im Falle einer Annahme der Reform Teile der Opposition das Ergebnis nicht anerkennen werden. Sie könnten auf diejenigen der zahlreichen Umfragen verweisen, die ein Scheitern prognostiziert haben. Sie werden dabei "vergessen" zu erwähnen, dass der übergroße Teil der Umfrageergebnisse eine deutliche Annahme des Referendums vorhergesagt hat. Was aber auch passiert: Radio "Venezuela en Vivo" wird vor Ort sein und bis in die kommenden Woche berichten.


Die Seite vom Internetradio "Venezuela en Vivo" finden Sie hier.

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